Volkstheater: Das Missverständnis

Oktober 24, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Psychothriller mit Puppen

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Seyneb Saleh, Nikolaus Habjan, der tote Jan
Bild: © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Es beginnt à la Alfred Hitchcock. Das alte Haus auf dem Hügel. Nebelschwaden untermalen dramatisch Smetanas „Moldau“. Und eine Stimme aus dem Off sagt: „Mutter … du bist seltsam.“ Nikolaus Habjan zeigt am Volkstheater seine Inszenierung von Albert Camus‘ „Das Missverständnis“, eine Übernahme aus dem Schauspielhaus Graz und als solche für den Nestroy-Preis 2015 in der Kategorie „Beste Bundesländer-Aufführung“ nominiert. Habjans Arbeit ist ein Puppen-, Masken- und Schauspiel. Selbst die Puppen tragen noch Masken, wie jeder Protagonist verbergen auch sie hier ihre wahren Absichten. Der zurückkehrende Sohn Jan gibt sich als Fremder aus, verbirgt sein tatsächliches Ich, die Mutter und Schwester Martha, dass sie längst des Fremden Tod beschlossen haben. Sie sind in Jans Abwesenheit zu Mörderinnen geworden. Die Erkenntnis kommt. Zu spät. Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten.

Camus schrieb „Das Missverständnis“ zum Ende des Zweiten Weltkriegs im besetzten Paris. Viel von diesem Glück ist, wo Resignation ist, und wo Gott wohnt, hat er mutmaßlich selber schon vergessen, liegt in seinem Text. Er ist beim Wiederlesen, heißt: Wiederhören, erstaunlich tagesaktuell, wenn über Europa, das Land ohne freudige Gesichter berichtet wird, wenn Menschen vergehen vor Heim- und Fernweh nach einem, nach ihrem Land am Meer, wo Sonne und Sand brennen. Das mare nostrum wird gerade zum Massengrab. Und Europa schaut mit gekonnt geübter Betroffenheitsmiene zu. Der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger wandte sich bei seiner 1957er Rede in Stockholm nicht nur gegen Repression, sondern auch gegen den Terror, damals den des FLN. „Ich glaube an die Gerechtigkeit, aber bevor ich die Gerechtigkeit verteidige, werde ich meine Mutter verteidigen“, sagte der gebürtige Algerier Camus. Auch das deklinieren seine einander Missverstehenden durch. Wenn zum Schluss Charles Trenets „La Mer“ erklingt, wird die Sehnsuchtsklangdopplung klar: das Meer und la mère, die Mutter.

Ohne die Puppen wäre Camus‘ absurder Politpathos, seine Verfremdungssprache, die Vertrautheit zur bewussten Illusion macht, schwieriger auszuhalten. Hier wird nicht miteinander verhandelt, sondern sich gegeneinander verhalten. Dies und die handhaberisch existenzielle Entschleunigung stehen für eine Kommunikationsunfähigkeit, aber nicht für das Entsagen der Emotionen. Sie beuteln einen, diese Puppen. Wenn sie von der Einsamkeit des Verbrechens, selbst wenn von Tausenden gemeinsam begangen, sprechen.

Habjan erzählt detailverliebt in großen Bildern. Die graue Welt kippt, die böhmische Herberge oben, ganz strange motel, deren Rezeption unten, sind in Schieflage im Bühnenbild von Jakob Brossmann; durch diese Räume ging das Leben ohne jemals verweilt zu haben. In diesem Klima der Grabeskälte agieren die Figuren aus Meursaults Zeitungslektüre. Ihr Tonfall: Ausweglosigkeit. Habjan stellt eine Verbindung zwischen dem Hinrichtungskandidaten in seiner Zelle, Camus entlieh den Inhalt des „Missverständnis'“ einer Episode seines Romans „Der Fremde“, und den zum Hinscheiden Verurteilten des Dramas her. Wie’s ausgehen wird, daraus macht das Stück von Anfang an kein Geheimnis, und trotzdem gelingt es dem Regisseur der handlungsarmen Handlung etwas Verrätseltes zu geben. „Das Missverständnis“, so berühmt philosophisch wie psychologisch bedeutsam, gerät ihm schlicht spannend. Habjan, ein Meister des Suspense. Der Abend ist atmosphärisch dicht, beklemmend, von großer Intensität wie Intimität. Ein Kammerspiel, das seinen grausigen Sinn für Humor über das Publikum ergießt. Ein Psychothriller mit Puppen.

Florian Köhler spielt und spielt mit seinem Puppenzwilling den Jan. Vergrübelt und in sich gekehrt sind sie beide; ihr Jan kann vor lauter Lauterkeit nicht aus seiner Haut, oder seinem Stoff. „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“, fragt dieser nicht als Sohn erkannte Gast die Mutter. Er sagt den Satz wie das gewesene Kind es getan hätte: „Darf ich auf mein Zimmer gehen?“ Der Puppen/Mensch will gerettet werden und tut doch alles, damit das unmöglich ist, wenn das Menschliche die Bestie wird. Fehlenden Hang zum Humanismus stellt denn auch seine Schwester als ihre schwache Seite aus. Sie beruft sich auf ihre Humanität beim Töten, weil weniger gewaltsam als die Natur. Nikolaus Habjan zeigt die klappmäulige Martha verbittert, zerrissen, genervt, mit androgyner Stimme und bestrumpften Beinen. In ihr schildert sich die fundamentale Sinnlosigkeit der Existenz am erschreckendsten, denn welchen Sinn macht es, ohne sinnvolle Alternative von der Sinnlosigkeit befreit zu werden: Martha wird das Meer nicht sehen, sondern sich den Strick drehen. Beide, der geliebte, abwesend geglaubte Sohn, und die ungeliebte, aber anwesende Tochter, kranken an ihrer Schöpferin. Seyneb Saleh gestaltet Jans Frau Maria als Schauspielerin, angstvoll-aggressiv, mit Katalysatorwirkung, und Jans Mutter als Puppenspielerin. Scheinbar mühelos gelingt ihr der Wechsel zwischen junger und alter Frau in Stimme wie Haltung. Als Maria durchkreuzt ihre ausbruchsstarke Spielweise die metaphysische Stimmung der Inszenierung. Ein Ruf nach Barmherzigkeit, ein Flehen um restmenschliche Wärme. Eine eindrückliche Leistung.

Die Puppen sind Bühnenpartner mit denen die Darsteller ins Zwiegespräch gehen. Die Mutter, als sie von instinktbefohlenen Skrupel befallen in einen Fauteuil sinkt, Jan, changierend zwischen Enttäuschung und Entsetzen, als er sich knapp vor Schierlingstrank den Verdruss über die Verwandtschaft eingestehen muss. Die Puppe denkt, der Mensch gibt ihr eine innere Stimme, das ist eine Qualität, die es nur so geben kann. Und apropos, Stimme wie Haltung: Es ist, man kann es leider nicht weniger peinlich sagen, entzückend!, wie Habjan seine Puppe beobachtet, wie ehrlich erstaunt er ist, ob der furchtbaren Dinge, die sie formuliert, wie er mit seiner Mimik ihre Gesten kommentiert.

Am Ende des erlösungsgedanklich erbarmenbefreiten Teufelskreises zieht Köhler die Hand aus seinem Jan, die Puppe stirbt, der Mensch nun Geist sagt noch: „Ich bin’s“ – und ab. Die Entsorgung der Puppe durch die Mitpuppen im Fluss ist grauenhaft grotesk. Schmerzhaft. Den greisen Knecht, letztlich letzter Überlebender, gestalten mit fahlgesichtiger Maske alle drei Spieler abwechselnd, weil ER in allen ist. Als die verzweifelte Maria sich auf den Fußboden wirft und „Gott erbarme Dich meiner!“ schreit, spricht dieser unbeteiligte, unbeeindruckte Allvater-Hausdiener sein erstes Wort, das abschließende Wort des Stücks: „Nein!“. Der Schmerz reicht nicht an das Unrecht heran, das Menschen angetan wird. Die Großartigkeit der Darbietung von Saleh, Köhler und Habjan tröstet einen fulminanten Abend lang über diese Erkenntnis hinweg. Und das Wissen, dass der verschämte, verhärmte Katholik Camus Gott nicht für tot, sondern nur für alt, behäbig und schwerhörig hält. Bravo!

Seyneb Saleh im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15526

Nikolaus Habjan in „Fasching“: www.mottingers-meinung.at/?p=14584    nikolaushabjan.com

www.volkstheater.at

Wien, 24. 10. 2015