Museum der Moderne Salzburg: Leo Kandl

Oktober 23, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Menschen und Orte – Fotografien aus 40 Jahren

Leo Kandl: Weinhaus Höller, Wien VIII. Bezirk, 1979-80 Museum der Moderne Salzburg Bild: Leo Kandl

Leo Kandl: Weinhaus Höller, Wien VIII. Bezirk, 1979-80
Museum der Moderne Salzburg
Bild: Leo Kandl

Das Museum der Moderne Salzburg widmet Leo Kandl, dem diesjährigen Träger des Otto-Breicha-Preises für Fotokunst, eine umfassende Werkschau. Die Ausstellung „Menschen und Orte – Fotografien aus 40 Jahren“ ist ab 31. Oktober im Rupertinum zu sehen. Leo Kandl, geboren 1944 in Mistelbach, heute lebt er in Wien, schreibt seit mehr als vierzig Jahren Bildgeschichte.

Als stiller und feinsinniger Beobachter sucht er die unterschiedlichsten Orte der Welt auf, um von dort Bilder mitzubringen, die von seinen Begegnungen künden. In Straßen, Bars und Cafés, an Bahnhöfen und in Gaststätten porträtiert Kandl mit seiner Kamera die Gesellschaft und wird so zum Dokumentaristen seiner Umwelt. Er agiert dabei niemals als Voyeur, sondern stets mit einer hohen Sensibilität für die sozialen Beziehungen innerhalb der Milieus, in denen er sich bewegt.

Kandl studierte an der Akademie der bildenden Künste in Wien, bevor er sich ab den 1970er Jahren der Fotografie widmete. Er gehört der ersten Generation der Autoren-Fotografen in Österreich an. Diese Generation etablierte eine klare Fotosprache im Sinne der straight photography und war in den damals neu entstandenen Fotogalerien und -institutionen sehr aktiv. Der Künstler reiht sich in eine in Österreich besonders starke und eigenwillige Szene der  klassischen Fotografie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein. Er eröffnete zugleich seinen individuellen Weg, ein aktuelles Medium von der Tradition in eine zeitgemäße Bildsprache zu überführen. „Kandls fotografische Einblicke in eine Welt am Rande einer Großstadtgesellschaft und ihrer gestylten Lebensbilder gehören heute zu den Klassikern der österreichischen Fotogeschichte“, sagt Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg. Mit etwa hundert Exponaten, bestehend aus Sammlungsbeständen des Museums und neuen Arbeiten, hat das MdM Salzburg einen Überblick über Kandls Schaffen seit den 1980er Jahren zusammengestellt.

Die Fotografien der Serie Weinhaus aus den 1980er Jahren erzählen von Menschen am Rande der Gesellschaft und formulieren ein berührendes Zeugnis eines Lebens im Halbdunkel der Weinstuben, Bahnhofsbuffets und Kaschemmen am Wiener Gürtel. In den 1990er Jahren befasste sich Kandl mit der Kultur individueller Kleidung als materialisierte Spur menschlicher Existenz. Seine „Sakko-Fotos“ belegen gleichzeitig Anwesenheit und Abwesenheit des Trägers. Passanten und Zufallsbegegnungen sind wiederkehrende Momente im Werk von Leo Kandl. Waren es zunächst anonyme Porträts, die er auf der Straße einfing, so führte er in späteren Jahren mittels Annoncen und Kontaktanzeigen bewusst Treffen herbei.

Um das Jahr 2000 begann er die Serie Free Portaits, die auf umfassenden Vorbereitungen und Verabredungen mit ihm zuvor unbekannten freiwilligen „Modellen“ basiert. Seit einem Studienaufenthalt 2003 im Iran interessiert sich Kandl für Stadtlandschaften und Peripherien. Es sind die Anonymität der Orte und die „Atmosphäre des Übersehenen“, die ihn auch zu seinen Fotorecherchen in Moldawien und der Ukraine anregten. Darüber hinaus widmet er sich auch immer wieder seiner Heimatstadt Wien. Unspektakuläre Straßenzüge, Wohnungsbauten aus den 1970er Jahren, ein Kiosk, eine Trafik – Kandl sieht in ihnen geometrische Bildkompositionen, unwillkürliche Architekturen des Zufalls.

Die Schau in Salzburg ist ein unbedingtes Muss für Fotografiefans!

www.museumdermoderne.at

www.leokandl.net

Wien, 23. 10. 2015