Volkstheater: Alte Meister

Oktober 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei manische Dialogisierer

Rainer Galke, Lukas Holzhausen Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke, Lukas Holzhausen
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles Geschriebene ist Fälschung. Formulierte Thomas Bernhard. Das trifft im Maße auf diesen Abend zu. Am Volkstheater inszenierte Dušan David Pařízek Bernhards „Alte Meister“. Und nicht nur das. Der Regisseur des Jahres besorgte auch gleich die Bühnenfassung des Romans von Österreichs unfreiwilligstem Nationaldichter. Wie problematisch das sein muss, wird man noch sehen. Eines vorweg ist Pařízek hervorragend gelungen, er hat des Autors vorgenommene Kategorisierung seines Werks als Komödie als Arbeitsauftrag verstanden und diesen erfüllt.

So fabulieren, fighten, fressen sie nun auf der Bühne des Volkstheaters. Musikkritiker Reger, der seit drei Jahrzehnten an jedem zweiten Vormittag den fiktiven Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums aufsucht, nur um in Tintorettos „Weißbärtigem Mann“ einen gravierenden Fehler zu entdecken, und Museumswärter Irrsigler, der den fast hündisch verehrten Philosophen kunstvoll abschirmt und sein Denken beschützt. Irrsigler ist das Sprachrohr Regers, fast alles, das Irrsigler sagt, hat Reger gesagt, seit über dreißig Jahren redet Irrsigler Reger’sche Sätze im Reger-Tonfall. Reger redet nicht nur durch Irrsigler, er denkt auch durch ihn.

Naturgemäß das beste aus seinem Kopf. Lukas Holzhausen ist dieser höher gestellte Kulturmensch mit Kunstsinn, er bespiegelt sich in Pařízeks Bühnenbild via Overheadfolienfotos als manieristischer Griesgram, Rainer Galke sein dumper Burgenländer, dessen höchstes Begehr ein Arbeitsplatz in Uniform ist – lebenslänglich in dasselbe Gewand zu schlüpfen und dieses lebenslängliche Gewand nicht einmal selber bezahlen zu müssen! Pařízek gestaltet statt der typischen Bernhard-Figur eines manischen Monologisierers einen Dialog zweier gleichberechtigter Sprachermächtigter. Das ist in dieser Art neu.

Denn Galke schenkt Holzhausen nichts. Angespannte Aufmerksamkeit in beiden Ecken des Kampfplatzes. Galke zwar beflissen, dem strengen Kunst-Richter zu gefallen, sein Leben eine einzige Prüfung, während der Holzhausen die Bernhard-Begriffe ganz Geistesaufbereitungsmaschine nahezu körperlich gebiert. Aber wer hier wen … nicht wahr? … ist eigentlich kaum mehr zu sagen. Weil die Welt bekanntlich ein Irrenhaus ist, könnte dieses Kunsthistorische Museum auch auf der Baumgartner Höhe stehen, Wärter ist ja schon da. Sozusagen Otto statt Richard Wagner. Der Herr des einen Ring entgeht der Reger-Schelte genauso wenig wie Beethoven, Mozart, Stifter, Dürer, Heidegger, Ur-Nazis allesamt, Staatskünstler und auch anderweitig Stümper, vom dubiosen habsburgischen Möchtegerngeschmack, schöngeistig widerlich, bis zu den provinzdilettantisch kulturbanausischen Sozialisten, Thomas Bernhard halt, und doch etwas mehr, denn Reger ist Witwer, und auch, wenn er seine Frau zur unglücklichsten überhaupt gemacht haben dürfte, er vermisst unverkennbar autobiographisch. Bernhard schrieb das Buch nach dem Tod von Hedwig Stavianicek. Regers Frau tritt auf. Mit nackten Männerbeinen und in schwarzen Stöckelschuhen. In einem Cocktailkleid. In ihr, der Abwesenden, liegt das tragische Grausen, die grausige Tragik des Bernhard-Texts. Auch diese Aufgabe teilen sich die vier Männer. Galke/Irrsigler; Holzhausen/Reger; in chemischem Sinne verwandt. Ein Wir-Denken im Wort-Strudel. Die Biografien verschwimmen zu einer.

Holzhausen und Galke agieren mit der szenischen Präsenz eines Clown-Duos. Von der Ohrfeigenorgie bis zum beherzten Biss in die Zehen wird an nichts gespart. Die Geige knarzt, der Strick wird um den Hals gelegt. Selbstverständlich das Selbstmordwort von einem, der im entscheidenden Moment vom Schemel steigt. In seiner Beamtenaktentasche hat Irrsigler alles, was Reger für seinen Irrsinn braucht. Kuhglocke, Papierschere für den Bilderstürmer, kalte Schnitzel. Rituale werden ausgeführt, Zigarettenrauch wird zum Nebeltag. Während sich der eine in Rage redet, versucht der andere mit Hilfe des Souffleurs das Burgenländische zu meistern. Düsseldorf grüßt Bruck an der Leitha. In ganz Europa gibt es kein ärmeres und kein schmutzigeres Land. Die Wiener reden den Burgenländern immer ein, dass das Burgenland ein schönes Land sei, weil sie diesen burgenländischen Schmutz und diesen burgenländischen Stumpfsinn auf Wienerisch perverse Weise als romantisch empfinden. „schware kindheid ghobt.“ – „Wie?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Wie?“ So unterhält man ein hiesiges Publikum. Man weiß nicht, ob es sie freut, im Stücksinn ist es eigentlich eine Beschimpfung, aber der Wahrheit verpflichtet, ist festzuhalten: Rainer Galke und Lukas Holzhausen haben das Zeug zu Publikumslieblingen.

Dass dem Abend dennoch etwas fehlt, hat nichts mit einer fehlenden Skandalkultur, mit einem Heutzutage, in dem keine Helden Platz haben, zu tun. Es ist auch schwer zu (be)schreiben, angesichts des eigenen Plädoyers, ein Stoff dürfe zwischen Medien changieren und sich wandeln. Und doch fehlt diesem Thomas-Bernhard-Abend der Thomas Bernhard. Die liturgische Litanei, die Wortkaskaden des Sprachkaskadeurs, dieses Eineinhalb Seiten ohne Punkt machen noch keinen ganzen Satz, dieses Atemholen ist etwas für Anfänger. Es fehlt auch an der Atzbacher’schen Distanz bei dessen gleichzeitig fehlender Distanziertheit. Im Roman ist der beobachtende Privatgelehrte Erzähler und Einschätzer, ein bezeichnender Bezeichner, tatsächlich ist alles, was an Nichthandlung geschieht, durch seine Wahrnehmung gefiltert, tatsächlich ist die Frage, was er wahr- und was falschnimmt. Eine Metaebene, die am Theater durchaus funktionieren kann, es bei Pařízek aber wohl nicht sollte. So bleibt ein perfekt performtes Duellduett. Von Dušan David Pařízek nach Thomas Bernhard. Tatsächlich am Abend in das Volkstheater und in Alte Meister gegangen. Die Vorstellung war hervorragend.  

www.volkstheater.at

Rainer Galke und Lukas Holzhausen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15171

„Alte Meister. Komödie“, erschienen u. a. in: Suhrkamp Quarto, Thomas Bernhard. Die Romane. 1840 Seiten. Herausgegeben mit einem Nachwort von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler www.suhrkamp.de/suhrkamp_quarto_248.html

Wien, 19. 10. 2015