Kammerspiele: Der nackte Wahnsinn

Oktober 16, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gewinnerteam in der Klipp-Klapp-Königsklasse

Alexander Pschill und Ulli Maier Bild: Erich Reismann

Alexander Pschill und Ulli Maier
Bild: Erich Reismann

Der erste Gedanke beim schnellen Hinsehen: Die Ott spielt mit? Es ist Ulli Maier, die ihre Figur zur Hommage an die heuer 90 Jahre alt gewordene Grande Dame der Kammerspiele macht. Eine Charakterzeichnung mit lebhafter Mimik und Gestik und extravagant getürmtem Rotschopf. Eine Perle Anna, eine Ähnlichkeit, weil auch Mrs Clackett die Haushälterin ist, die von Publikumsliebling Dotty Otley dargestellt wird, die wiederum beide von Ulli Maier verkörpert werden. Maier als Erzkomödiantin.

An den Kammerspielen hatte Michael Frayns Boulevardstück „Der nackte Wahnsinn“ Premiere. Das ist die Königsklasse des Klipp-Klapp-Theaters, und das Ensemble der Kammerspiele geht eindeutig als Sieger in dieser Disziplin hervor. Allen voran Michael von Au, der mit erst an diesem Mittag gebrochenem Mittelfuß spielte, was auch von den Kollegen heftig beklatscht wurde, was dem hervorragenden Schauspieler zu Unrecht peinlich war. Regisseur Folke Braband hat ganze Arbeit geleistet, dies zum Thema Disziplin in dieser Disziplin, denn das Timing stimmt auf den Punkt, die Pointen sitzen, das Tempo ist atemberaubend hoch. Frayns geniale Kulissenblickkomödie braucht Handwerk und Würde, sonst wird die Eskalation zum Affentheater. Nicht umsonst heißt es an einer Stelle, es sei so zu spielen, wie es das Orchester auf der Titanic tat. Das Schiff kränkt und kracht und kippt – dennoch: Haltung! In Brabands Inszenierung gelingt nicht nur das, sondern auch die Darstellung von Menschen, allesamt durchaus reizend. Im doppelten Wortsinn. Der Versuchung, aus Frayns Schauspielstereotypen Knallchargen zu machen, wurde elegant nicht erlegen; der Abend ist in gewissem Sinne very british. Alexander Pschill etwa beherrscht den Understatement-Tonfall perfekt.

„Der nackte Wahnsinn“, im Original „Noises off“, das ist der Befehl, mit dem der Inspizient auf der Hinterbühne um Ruhe bittet, wenn die Vorstellung beginnt, ist Stück-im-Stück. Die Darsteller müssen deshalb das Prinzip Rolle-in-der-Rolle bewältigen, jeder Schauspieler spielt eine Schauspielerfigur, die eine Rolle spielt: Eine mittelmäßige Theatertruppe bringt ein schlechtes Lustspiel zur Aufführung. Drei Mal ist dessen erster Akt zu sehen, als Generalprobe, als Repertoirevorstellung – mit Perspektivewechsel auf die Rückseite des Bühnenbilds von Stephan Dietrich – und als Dernière. Das Ensemble scheitert nicht nur an tellerweise Sardinen, sondern vor allem an Zwischenmenschlichem. Die gruppendynamischen Prozesse rund um Eifer-, Trunk- und Geltungssucht geraten von Runde zu Runde mehr aus den Fugen, bis alles neben der Spur Amok läuft. Da ist viel Platz für Slapstick und Schmiere, da ist auch einiges an Stuntmanqualitäten gefragt, was die Kammerspieler alles eifrig bedienen.

Mit Vollgas vor den Vorhang. So schlecht kann gar nichts sein, dass es hier nicht brillant ist. Je fürchterlicher das Stück, je mieser die Gags, je elender die Schauspieler, desto entfesselter der Applaus. Doch auch überlebensgroß gemacht, ist die Sache im Kern aus dem wirklichen Künstlerleben gegriffen. Die Kontaktlinsensuche auf dem Bühnenboden. Der soufflierte Text, bis auf Balkonhöhe wortdeutlich, allein nicht für den vergesslichen Darsteller. Nerven- und andere Zusammenbrüche. Die hohe Dichte an Kollegen diverser Wiener Häuser im Publikum beweist auch dies: Am Frayn-Stoff ist viel Wahres dran. Der englische Dramatiker zeigt Schauspieler als entzückende Sensibelchen, aber wehe, wenn die Rampensau losgelassen.

„Ich liebe meine Schauspieler“ ist entsprechend auch das Mantra von Regisseur Lloyd Dallas. Michael von Au siedelt ihn zwischen geduldigem Gott-Vater und Psychotherapeut an, bemüht allen Be- und Empfindlichkeiten gerecht zu werden, aber damit gestraft, dass seine Mimen meinen, ihr Mitdenken sei gefragt. Und Gott sah, dass es schlecht war. Schlecht auch, dass er sowohl mit der graumäusigen, fettnapfgefährdeten Regieassistentin (Eva Mayer sehr fein auf ihrem Weg von der Unterwürfigkeit in die Emanzipation) ein Pantscherl hat, als auch mit der jugendlichen Naiven Brooke. Alma Hasun gestaltet die Nachwuchshoffnung als Sexyhexy ohne Scheu vor auch nur irgendeinem Blondinenklischee. Wunderbar der letzte erste Akt, als schon alles im Argen liegt und sie, weil leicht langsam im Kopf und daher improvisationsbefreit, am Text klebt.

Ruth Brauer-Kvam gibt die esoterisch gute Fee, die Mutter der Kompagnie mit Wallekleid und Frankensteins-Braut-Perücke. Jeder ist ihr ein „Herzblatt“ oder ein „Schätzchen“, Hauptsache Ruhe herrscht. Eine, die Oliver Huether dringend braucht. Zwar besetzt als Mannsbild vom Dienst, kriegt er wegen jeder Kleinigkeit Nasenbluten. Huether macht aus seiner Figur einen meschuggenen Method Actor, sein Gehabe wie von einem Stummfilmstar entliehen. Heribert Sasse erledigt für Selsdon Mowbray die letzte Bühnenrunde, die fatalerweise immer an einer Whiskyflasche vorbeiführt. Sasse spielt das herrlich desorientiert, sein Selsdon ist ein liebenswerter Nebensichsteher. Dass ausgerechnet seine Figur als Einbrecher im Stück-Stück für den Thrill sorgen soll, ist an Komik kaum zu überbieten. Martin Niedermair als Inspizient und Mädchen-für-eh-alles gerät zunehmend aus der Fassung. Er liefert auch eine Direktorspersiflage ab, die Herbert Föttinger in der Loge einen Lachanfall beschert.

Bleibt das Liebespaar, das mit all seinen Irrungen und Wirrungen zusätzlich für Irrsinn sorgt: Alexander Pschill und Ulli Maier. Pschill ist der Dandy der Truppe, ein Halbsätze stammelnder Selbst-Darsteller, dem das Herz vom rechten Fleck Richtung Abgrund entgleist, als er seine „Dotty“ Ulli Maier in den Armen eines anderen wähnt. Da kommt sogar eine Axt zum Einsatz, bis seine Allerliebste – Maier in zunehmender Auflösung, siehe Frisur, siehe Beruhigungspillen – ihn von ihrer Unschuld überzeugen kann. Am Ende ist alles gut, auf der Bühne, weil die Tournee endlich vorbei ist, auf der Bühne der Kammerspiele sowieso. Die exzellente Performance aller Beteiligten wurde mit viel Jubel bedankt.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=p1Vun2IQeP8

Wien, 16. 10. 2015