Hilary Mantel: Wölfe

Februar 4, 2013 in Buch

Buch

Hilary Mantel: Wölfe

Auf die „Wölfe“ folgen die „Falken“

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Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived.

Das ist der Kinderreim, mit dem sich englische Schüler den Frauenverschleiß von König Heinrich VIII. (1491 – 1547) merken. Die britische Autorin Hilary Mantel hat vor, dem berühmtesten aller Tudor-Könige eine Roman-Trilogie zu widmen. Und ihr gelingt damit offenbar ein einzigartiges Meisterwerk. Teil eins, „Wölfe“ („Wolf Hall“) wurde ebenso mit dem begehrten Booker-Preis ausgezeichnet, wie sein eben erschienener Nachfolger „Falken“ („Bring Up the Bodies“), er am 25. Februar in deutschsprachiger Übersetzung erscheinen wird. „Die größte englische Schriftstellerin lässt in ihrem Roman die berühmteste Periode der englischen Geschichte auferstehen“, urteilte die Jury.

Die Rechte auf beide Bände – und voraussichtlich auch auf den dritten – hat sich der Dumont-Verlag gesichert.

Tatsächlich ist Hilary Mantel mit „Wölfe“ etwas sehr Rares gelungen: ein spannendes Historienbuch, fernab von Kategorien wie „Schinken, „Schwarte“ oder „verstaubt“. All diesen möglichen Attributen zum Trotz ist „Wölfe“ höchst zeitgemäß und erforscht so die Choreografie der Macht. Dies nicht etwa durch Herzöge oder andere Höflinge, sondern durch Thomas Cromwell, den Unbedeutenden, den als Kind vom Vater fast zu Tode geprügelten Hufschmiedssohn, den holländische Kaufleute mitnahmen und ihm so das Leben retteten. Cromwell ist schlau, ein Rechner, und er versteht es, sich in das Machtvakuum nach dem Tod des Lordkanzlers Wosley einzuschleichen, einzuschmeicheln.

Aus seiner Perspektive wird der Roman erzählt – ohne eine Ich-Erzählung zu sein. Der Leser weiß, was Gönner und Missgönner ihm zutragen, was er bei geheimen und offiziellen Anlässen hört und sieht. Was er denkt und sagt. Oder besser: Nicht sagt.

Denn 1520  ist das Kingdom, um einen männlichen Erben verlegen, ziemlich in der Bredouille. Da Heinrich keinen Sohn zeugt, warten die Aasgeier vom spanischen über den französischen König bis zum Heiligen Römischen Reich. Henry möchte seine Ehe mit der kastilischen Katharina annullieren lassen und Anne Boleyn heiraten. Der Papst, ja ganz Europa, sind dagegen. Und so arbeitet Cromwell mit allen Mitteln eines politischen Genies: Bestechung, Einschüchterung, Charme. Er macht Karriere. Der Triumph des einst armen Mannes über eine Herrscherclique, deren Legitimation einzig davon zehrt, unter den Blaublütern geboren zu sein. Doch auch Cromwell wird sich in den Fallstricken des Hofes fangen. Ein Glück: Mantel verzichtet auf ausschweifende Beschreibungen von Folterungen, Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen oder durch die Henkersaxt. Plastische Schilderungen von Brutalität braucht sie nicht, um zu beschreiben, wie Heinrich sein Land umbaut (Stichwort: anglikanische Kirche). Sie eliminiert alles Betuliche, Überflüssige, sprachlich Banale. Am Schluss, als leicht zu übersehende, graue Maus, aber: schon Annes Hofdame, steht bereits Jane Seymour in der Tür. Der Sitz der Seymours ist „Wolf Hall“.

Man darf auf die Fortsetzung gespannt sein.

Dumont-Verlag, Hilary Mantel: „Wölfe“, 767 Seiten, übersetzt von Christine Trabant.
Band zwei, „Falken“, erscheint am 25. Februar 2012.

www.dumont-buchverlag.de
Von Rudolf Mottinger
Wien, 4. 2. 2013