Literaturnobelpreis geht an Swetlana Alexijewitsch

Oktober 8, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auszeichnung für eine Unbequeme

41MW7YNbazL._SX304_BO1,204,203,200_Der Literaturnobelpreis 2015 geht an die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. Die Journalistin und Schriftstellerin werde für ihr vielstimmiges Werk geehrt, welches dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal setze, heißt es in der Begründung des Nobelpreiskomitees.

Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 in Stanislaw, ehemalige Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, geboren. Ihre Mutter war Ukrainerin, ihr Vater war ein weißrussischer Soldat, der nach seinem Ausscheiden aus der Armee mit seiner Familie nach Weißrussland zurückkehrte. Dort arbeiteten die Eltern als Lehrer in einem Dorf, wo Swetlana auch ihre Kindheit verbrachte. An der Weißrussischen Staatsuniversität in Minsk studierte sie bis 1972 Journalistik und arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“, eine Zusammenfassung individueller Stimmen als Collage des tagtäglichen Lebens.

Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011) und dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011). 2013 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Stiftungsrat ehrte damit „die weißrussische Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht“, so die Jurybegründung. Weiterhin „lasse sie in ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums in der tragischen Chronik der Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Buchtipps:

Der Krieg hat kein weibliches Gesicht: Darin wandte Alexijewitsch ihren „Roman in Stimmen“ anhand ihrer Interviews über Schicksale sowjetischer Soldatinnen im  Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal an. Die Frauen schildern die unheroische Seite des Krieges, die üblicherweise in Erzählungen und Erinnerungen ausgeblendet wird. Im Gegensatz zu den Männern, die aus dem Krieg zurückkehrten, galten die Soldatinnen keineswegs als Heldinnen, vielmehr begegnete man ihnen mit Misstrauen, ja mit Verachtung. Swetlana Alexijewitsch gibt den Frauen in diesem erschütternden Buch erstmals eine Stimme. Die sowjetische Zensurbehörde klagte sie infolgedessen an, die „Ehre des Großen Vaterländischen Krieges“ beschmutzt zu haben.

Die letzten Zeugen: Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen Männer und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland noch Kinder waren, zum ersten Mal darüber, woran sie sich erinnern. Ihre erschütternden Berichte vom Krieg machen „Die letzten Zeugen“ zu einem eindringlichen Antikriegsbuch.

Zinkjungen: Der Krieg, den die UdSSR 1979–1989 in Afghanistan führte, gilt als das „sowjetische Vietnam“. Eine Million Soldaten durchlebte das Grauen, mindestens 50.000 starben. Das Regime selbst verschwieg der Öffentlichkeit die brutale Realität des Kriegs. So wurden die verstümmelten Leichen der gefallenen Soldaten den Angehörigen nur in zugeschweißten Zinksärgen übergeben. Umso schockierter reagierte die Gesellschaft in Russland, als zu Beginn der 1990er Jahre das wahre Ausmaß der Tragödie bekannt wurde – auch durch Alexijewitschs mutiges Buch. Darin lässt sie überlebende Soldaten, Krankenschwestern, Witwen und Mütter von Gefallenen zu Wort kommen und führt den Leser das Trauma einer ganzen Gesellschaft vor Augen. Ab 1992 musste sie sich für dieses Buch mehrfach in Minsk vor Gericht verantworten; zu einer Verurteilung kam es aber nicht. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus: Der Kalte Krieg ist seit mehr zwanzig Jahren vorbei, doch das postsowjetische Russland sucht noch immer nach einer neuen Identität. Während man im Westen nach wie vor von der Gorbatschow-Zeit schwärmt, will man sie in Russland am liebsten vergessen. Inzwischen gilt Stalin dort vielen, auch unter den Jüngeren, wieder als großer Staatsmann, wie überhaupt die sozialistische Vergangenheit immer öfter nostalgisch verklärt wird. Für Swetlana Alexijewitsch leben die Russen gleichsam in einer Zeit des „secondhand“, der gebrauchten Ideen und Worte. Wie ein vielstimmiger Chor erzählen die Menschen von der radikalen gesellschaftlichen Umwälzung in den zurückliegenden Jahren.

Alle Bücher sind bei Hanser Berlin erschienen. www.hanser-literaturverlage.de

Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft: Über mehrere Jahre hat Swetlana Alexijewitsch Menschen befragt, deren Leben von der Tschernobyl-Katastrophe gezeichnet wurden. Entstanden sind eindringliche psychologische Portraits – literarisch bearbeitete Monologe -, die von Menschen berichten, die sich ihre Zukunft in einer Welt der Toten aufbauen müssen.

Erschienen im Berlin Verlag. www.berlinverlag.de

www.nobelprize.org

Wien, 8. 10. 2015