Neu am Volkstheater: Rainer Galke, Lukas Holzhausen

Oktober 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bernhard-Premiere mit „Alte Meister“

Lukas Holzhausen, Rainer Galke Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Lukas Holzhausen, Rainer Galke
Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Der eine kommt vom Düsseldorfer Schauspielhaus, der andere aus dem Züricher. Für beide ist es die erste schauspielerische Begegnung mit Thomas Bernhard. Rainer Galke und Lukas Holzhausen (mehr: www.volkstheater.at/person/rainer-galke/ www.volkstheater.at/person/lukas-holzhausen/) spielen am Volkstheater in Dušan David Pařízeks Regie „Alte Meister“, vom Regisseur des Jahres ist auch die Bühnenfassung: Seit dreißig Jahren besucht Musikphilosoph Reger das Kunsthistorische Museum, um im fiktiven Bordone-Saal Tintorettos Weißbärtigen Mann zu betrachten. Er will an diesem Meisterwerk einen „gravierenden Fehler“ entdecken. Museumswärter Irrsigler, der Reger seit ebenfalls dreißig Jahren kunstvoll abschirmt, ist von dieser seltsamen Tätigkeit in den Bann gezogen … Premiere ist am 18. Oktober. Galke und Holzhausen im Gespräch über Reger & Irrsigler, Jahreskarten fürs Museum und wie einem Bernhard „auf den Wecker gehen“ kann:

MM: Thomas Bernhard sagte einmal zu einer Journalistin: „Sie fragen mich Groscherlfragen und mir sollen die Hunderter aus dem Mund fallen“. Daran anschließend: Waren Sie schon im Kunsthistorischen Museum?

Rainer Galke: Ich war schon dort. Selbstverständlich. Und fürs Naturhistorische habe ich schon Jahreskarten besorgt, das begeistert meine Kinder nämlich mehr.

Lukas Holzhausen: Da war ich noch überhaupt nicht drin! Ist das interessant? Aber da ich davon ausgehe, dass Sie Ihre Frage auch ernst meinen: Es geht in „Alte Meister“ ums Kunsthistorische Museum nur als Vehikel für die Betrachtung, was Kunst für eine Gesellschaft bedeutet. Und die Figur Reger braucht einen Raum, in dem sie sich aufhalten kann, also geht sie ins Museum.

MM: Dušan David Pařízek hat Bernhards Roman für die Bühne bearbeitet. Im Roman kommen vor: Musikphilosoph Reger, Museumswärter Irrsigler, der Privatgelehrte Atzbacher, wenn man will Regers verstorbene Frau und ein Engländer. Sie sind zu zweit, Sie beschäftigen sich als Schauspieler beide erstmals mit Bernhard. Wie legen Sie’s an?

Galke: Also den Waliser haben wir gestrichen. Einen Reger gibt es auf jeden Fall. Einen Irrsigler wahrscheinlich auch. Wie das dann aufgelöst wird? Lassen Sie sich überraschen, wer in unserer Variante letztlich wessen Sprachrohr ist.

Holzhausen: Wir haben die Reflexionsebene, also, dass ständig einer berichtet, was der andere sagt, in die direkte Rede geholt, sonst wird es für das Publikum langweilig. Die formalen Verschachtelungen des Romans lösen wir auf. Wir lösen aber auch diese kabarettistische Sicht auf, die man auf Bernhard und sein Schimpfen in Österreich einnimmt, seit man ihn in den „normalen“ Literaturkanon geholt hat. Im Roman und jetzt im Stück gibt es einen Schmerzpunkt. Das ist der Tod von Regers geliebter Frau. Das habe ich selber erst beim dritten Mal Lesen gespürt, nachdem mir das Buch vorher wahnsinnig auf den Wecker gegangen ist. Nun spüre ich diesem Schmerz bis auf den Grund nach, der Frage, wie man’s überhaupt aushalten kann auf dieser Welt, in der Gewissheit weiterleben zu müssen. Das ist der Nährboden für die Selbstmordfantasien der Figur.

MM: Das klingt alles todernst und tieftraurig. Der Autor nennt seinen Roman schon noch Komödie. Bei Bernhard ist das Eins-zu-Eins -Nehmen seiner Figuren ein schmaler Grat.

Holzhausen: Mich erinnert „Alte Meister“ sehr an Becketts „Endspiel“. Bernhard ist ein Ozean an Gedanken, da ist alles formuliert. Ich hätte nicht gedacht, dass er so ein zeitgemäßer Ausdruck für mein Lebensgefühl ist. Regers großer Schmerz ist eine singuläre Erscheinung in Bernhards Werk. Das heißt, das ist ein spezieller Aspekt, ein biografisch grundierter Aspekt. Ich hoffe trotzdem, dass es lustig ist. Der Roman heißt Komödie. Unser Stück ist eine intellektuelle Clownerie.

MM: Was ist für Sie an Thomas Bernhard das Allgemeingültige, was das österreichische?

Holzhausen lacht.

Galke: Persönlich gesprochen, es ist gerade schwer, in Österreich anzukommen und dieses Stück vor der Brust zu haben, wo einer auf alles schimpft, den Staat als marode bezeichnet, die Menschen verachtet. Wo ich doch gerade versuche, hier einen Fuß auf den Boden zu bringen und mein Leben für längere Zeit hier einzurichten. Andererseits ist natürlich, was er Reger über den Kulturbetrieb in den Mund legt, sehr drastisch, sehr überspitzt, zugleich sieht man aber auch Parallelen zu Deutschland, die durchaus der Wahrheit entsprechen.

Holzhausen: Ich bin zu kurz in Wien, um mich da festzulegen. Ich komme vom Schauspielhaus Zürich, und was die Schweiz betrifft, kann ich sagen, dass Kunst und Kultur dort viel nebensächlicher konsumiert werden als hier. Die Schweizer machen alles richtig, das ist das beste Land der Welt, mit dieser Mentalität lässt man sich doch nichts sagen. Die Schweizer „brauchen“ das Theater nicht, diese merkwürdig vergängliche Kunst, die man nicht im Salon aufstellen oder aufhängen kann, mit der man vor Freunden nicht protzen kann. Ich debütiere ja erst in Wien, aber ich beobachte, wie viele ins Volkstheater, das ja nun wirklich nicht wenige Sitzplätze hat, kommen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich als Kulturnation versteht, dass hier Kunst alles ist. Sieht man ja auch an den Touristenströmen. In der Schweiz würde sich niemand im Theater so beschimpfen lassen, die Schweizer würden so viel Selbstkritik nicht ertragen, Jelinek, Handke, Schwab, die Einmischung in den politischen Diskurs, da würden die Leute gar nicht reingehen. In Österreich ist man mit dem Theater per Du, in Wien ist das Bedürfnis sich aufzuregen ein ganz eigener Antrieb.

MM: Denken Sie, dass das noch so ist? Das Theater als Erregungsanstalt?

Galke: Ich glaube schon. Darum haben wir uns auch am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo ich zuletzt engagiert war, bemüht. Man kann sich aber nur über etwas empören, dass im tiefsten Kern wahr ist. Das aufzuzeigen war die Stärke Thomas Bernhards. Wir versuchen das Zeitlose an seiner Kritik in den Vordergrund zu stellen, dann meine ich, könnte es heute auch möglich sein, dass sich jemand aufregt.

Holzhausen: Es ist viel schwieriger geworden am Theater Skandal zu erzeugen, dafür gibt es jetzt andere Foren. Die Kämpfe verlagern sich in die sozialen Netzwerke. Skandal ist aber gar nicht unser Ziel, wir wollen zwei Figuren zeigen und was sie mit- und aneinander haben. Reger ist bewegt von Bernhards paranoidem Gedankengebilde, Staatskünstler zu sein. Das ist erzählenswert. Und wie der einfachere Irrsigler im Gegensatz zu ihm gut leben kann.

MM: Irrsigler ist Burgenländer. Kennen Sie schon einen Burgenländerwitz?

Galke: Ach, das sind die hiesigen Ostfriesen! Wie viele Burgenländer braucht man um eine Glühbirne …

MM: Schön! Wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem österreichischen, dem berühmten deutschen und dem noch viel berühmteren Schweizer Humor?

Holzhausen: Humor ist in der Schweiz eine Erbärmlichkeit. Ich bin Österreich die Kabarettisten, allen voran Josef Hader, sehr neidig. Wie der Gemeines ganz charmant und unterhaltsam präsentieren kann.

Galke: Das ist ja das Gemeine daran. Das ist die Falle, in die wir Deutschen im Umgang mit den Österreichern gern tappen. Deutscher Humor ist Schenkelklopfen und Vier-Viertel-Takt-Klatschen. Der qualitätsvolle beschränkt sich auf Loriot und Hape Kerkeling. Ende. Und weil vorhin die Autoren Jelinek, Schwab etc. genannt wurden: In Deutschland wird streng getrennt zwischen Unterhaltung und tiefernster Aussage, da fehlt es an der Leichtigkeit solcher Dramatiker.

MM: Erzählen Sie mal was über sich: Männedorf trifft Meerburg in Wien. Wie soll das werden?

Galke: Als ich mich mit Anna Badora wegen des Engagements getroffen habe, war ich zum ersten Mal in Wien. Ich bin ganz neu und ganz zurückhaltend und sehr devot und warte, was passieren wird. Bis jetzt waren alle sehr nett und zuvorkommend. Meine Familie ist da, meine Kinder werden in der Schule sprachlich zu kleinen Wienern. Ich muss mal gucken, dass ich alles verstehe, was sie sagen. Warum sagen Sie eigentlich zum Kellner „Herr Ober“?

MM: Weil er im Caféhaus der Herr ist und hierarchisch ober den Gästen steht. Ich weiß es nicht.

Holzhausen: Was das werden soll? Viel Spaß am Spielen! Meine Frau Anja Herden ist jetzt auch hier am Haus. Das freut uns sehr. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich gemeinsam zu präsentieren? Wir freuen uns, bei einem Neuanfang dabei zu sein, wir freuen uns über Anna Badoras Mut, Neues zu versuchen. Wir lieben die leicht abgefuckte Optik des Hauses, aber da soll sich ja bald was tun.

MM: Anja Herden ist in der Volx-Bezirke-Produktion von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15092) zu sehen. Auch Sie werden in den Bezirken arbeiten, Sie inszenieren Thomas Glavinics erstes Bühnenstück „Mugshots“ im April 2016. Apropos, abgefuckt …

Holzhausen: Jaja, ich war schon auf Spielortebesichtigungstour. Großartig, was es da zu sehen gibt. SiMM City! Ich habe zunächst Sin City verstanden. Ich überlege schon, wie ich eine Produktion für so viele verschiedene Stätten adaptieren kann. Aber sehen Sie, das ist wieder was Tolles, wie hier in Wien Theater zu den Leuten gebracht wird.

MM: Um zum Ende noch eine Groscherlfrage anzubringen: Auf einem ersten Foto zu „Alte Meister“ zeigen Sie beide viel Bein. Was hat’s damit auf sich?

Holzhausen: Das ist unsere Art zu sagen: Sire, geben Sie Beinfreiheit.

Galke: Wir haben einfach die Beine, die man zeigen kann, insofern verstehe ich Ihre Frage nicht.

www.volkstheater.at

www.rainergalke.de

Außerdem Neu am Volkstheater:

Nils Rovira-Muñoz: www.mottingers-meinung.at/?p=14477

Jan Thümer: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 6. 10. 2015