Akademietheater: Die Präsidentinnen

Oktober 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Entlarvung niederträchtiger Denksysteme

Stefanie Dvorak (Mariedl), Regina Fritsch (Erna), Barbara Petritsch (Grete) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Stefanie Dvorak (Mariedl), Regina Fritsch (Erna), Barbara Petritsch (Grete)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Ein Vierteljahrhundert ist seit der Uraufführung von Werner Schwabs von ihm so genanntem Fäkaliendrama „Die Präsidentinnen“ vergangen. Und keine Theatersaison ohne die drei Schreckschrauben. Zwei-, dreimal im Jahr sogar. Bei Hilde Sochor, Dirk Stermann und Christoph Grissemann war klar, dass die „Seele brennt!“ Auch Lucy McEvil, Roswitha Soukup und Lilly Prohaska als Mariedl waren im 3raum in Hubsi Kramars Regie wunderbare Präsidentinnen. Am Volkstheater wurde Miloš Lolićs Inszenierung zum Griff ins Klo: www.mottingers-meinung.at/?p=7947. Nun also David Bösch mit seiner klugen Arbeit am Akademietheater. In der Wiener Wahlwoche den Ungeist dieser Kleinkrämerinnengespenster zu beschwören, das hat was. Scheiße, wenn man so denkt und wählt – oder wie war der Spruch?

Zunächst gibt’s einmal viel zu schauen. Patrick Bannwart hat das scheußlichste Bühnenbild seit Langem entworfen. Schäbig und zugemüllt ist dieses Grusel-Kabinett, an der Rückwand der von einem Kreuz durchbohrte Schriftzug „Fuck Mother“, dazu Kalendersprüche und Fotos – auch eines vom Autor scheint dabei zu sein. Die Wohnküche als Reliquienschrein des Surrealen. Eine Marienstatue passt zu Mariedls schlussendlichem Neonröhrenheiligenschein. Die Atmosphäre atmet ewiggestrige Erbärmlichkeit. Kein Wunder, dass die Weiber hier verkommen, hier an Sprechbrechreiz laborieren. Bösch hält sich an Schwabs Vorgaben. Auch bei den Kostümen. Von Pelzhaube und Kittelschürze bis zu den Bergschuhen. Die Gesichter der Schauspielerinnen sind leichenblass. Die Untoten der Zeitgeschichte drängen in ihr Revier zurück. Schwab schrieb an gegen menschenverachtende Dummheit. Kräftige Auslassung und skurrile Wertverbindung – was kann mehr Heute sein in Österreich? Die Sprache entlarvt die Schurken. Entlarvt niederträchtige Denksysteme.

Die darstellerische Dreifaltigkeit Regina Fritsch, Barbara Petritsch und Stefanie Dvorak hat sich die geniale Sprachpartitur angeeignet. Sie sind jene, die, wie’s im Text heißt, „glauben, alles zu wissen, über alle zu bestimmen“. Leute, die keinen Widerspruch dulden. Deren Meinung in Zement gegossen ist. Sind erst die Gedanken-los, werden die Argumente weggesperrt. Regina Fritsch gibt ihre Erna mit steriler Sparsamkeit. Sinnlich ist ihr nur das Leid: Man muss dem Schicksal und der Sittlichkeit gottergeben sein; ein zwischen Belehrung und Drohung schwankendes Schlachtschiff. Dem entgegen steht die sich die Lebenslust herbeilügende Grete, Barbara Petritsch, mit falschen Perlen behängt wie ein Christbaum, die Wimpern so unecht, wie das Konstrukt, in dem sie sich eingerichtet hat. Grete wurde von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen, zuvor hatte er die Tochter missbraucht. Erna ergeht sich in Lobliedern über ihren dauertrunkenen Sohn Hermann und den papstgleich verehrten Fleischhauer Wottila, ein Analverkehrfetischist. Beide prolongier(t)en Verbrechen, weil sie deren Existenz verleugnen. Bei Fritsch und Petritsch stimmt jeder Ton. Er chanchiert zwischen gewalttätig derb und  frömmlerisch schrill. Ihr Kampf ums Wort muss zur körperlichen Züchtigung werden. Am Ende spricht das Elektromesser.

Da hat die Mariedl ihren Monolog schon hinter sich. Die gütige, reine Reinigungs-Kraft des alpenländischen Aborts. Als Schöpfungsgöttin müsste sie erst Zerstörerin des Alten sein. Doch die Alten rächen sich mordsmäßig. Auf Mariedls Wiedererweckung wird gewartet. Es gibt noch genug braune Würschtln an die oberflächliche Gesellschaft zu befördern. Stefanie Dvorak ist die triumphierende Märtyrerin, die den Schmutz der Welt „auch ohne“ Schutzhandschuhe auf sich nimmt. Dieser Schmerzensfrau in verwaschenrosa Unterbuxe gehören die Dornenkränze gewunden. Himmlisch, wie sich die Dvorak der Hölle auf Erden in die Hände spielt. Bösch hat genug inszenatorische Ideen, um dem Nichts-ist-schlimmer-als-ein-Regieeinfall auszuweichen. Nichts ist vordergründig komisch, alles ist hintergründig. Und weil’s um Exploitation geht, fließt auch noch horrorviel Blut aus der Wand. Radikalwirklich und ewigkeitsverträumt ist dieser Abend. Der offizielle Punkdramatiker Schwab hätt‘ über den Ernst der Sache laut gelacht, der inoffizielle Unglückswerner vielleicht aus Spaß sogar ein wenig geweint.

www.burgtheater.at

Österreichische Autoren und Autorinnen am Burgtheater:

Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“ www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 5. 10. 2015