TAG: Bluad, Roz und Wossa

Oktober 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Suchy inszeniert Romeo und Julia aufm Laund

Elisabeth Veit und Raphael Nicholas Bild: Anna Stöcher

Elisabeth Veit und Raphael Nicholas
Bild: Anna Stöcher

Dieser Abend hat einen grundlegenden Fehler, das passiert am Theater nicht oft, aber wenn es passiert, ist es umso betrüblicher: Man hätte gern mehr gesehen, noch einmal 90 Minuten … sehr gern …

Christian Suchy hat mit seiner Theaterpratzn hing’langt und, als ob Shakespeare nicht schon schlimm genug wäre, alles noch schlimmer gemacht. Die Romeo-und-Julia-Adaption, die er im TAG zeigt, heißt „Bluad, Roz und Wossa“, weil, wenn erstes fließt, die anderen zwei folgen müssen. Eigentlich geht’s aber um einen vierten Körpersaft. Romeo und Julia lebn jetzt aufm Laund, sind sehr schön gschert und außerdem Brüderlein und Schwesterlein. Die Blutschande hat sie obendrein ein bissl blöd gemacht. Und, wias aufm Laund holt so is: Der Romeo hat einen unehelichen Sohn mit der Rosalinde. Das Kinderl wird klarerweis sterben. Die Intrigen gerinnen zu einem giftigen Saft, der dicker ist als rot. Ein Ausflug nach Anzengruber.

Der Witz an der Sache ist naturgemäß suchyesk. Der Regisseur erlaubt sich eine abgrundtieftraurige Clownerie. Seine Inszenierung tänzelt leichtfüßig durch ihren tonnentragischen Inhalt, weil ja musikalisch begleitet. Suchy hat einen ihm lebenswichtigen Körperteil an Raphael Nicholas verborgt, der mit dem Akkordeon alles spielt, wozu die und wie’s der Quetschn taugt, Tango, Walzer, Wienerlieder, der Titelsong „Bluad, Roz und Wossa“ hat Jacques-Brel-Qualität: Mir san olle z’sammenpantscht aus … Handzug und Zungenschlag. Das ausgezeichnet agierende Ensemble, zuständig auch für Text und Ausstattung, redet frei nach Geburtsregister. Der Dialekt ist Wienerisch, Bayrisch, irgendwos zwiaschen Eisenstodt und Slozburg, ollas homma ned varstandn – und, nicht sauer sein, wenn’s nicht stimmt: Sauerland, so was wie Borbecksch Platt oder doch Kölsch? Ösi und keine Ahnung. Wat hesse doe gesagg? Deu mer doch der Naache. Jens Claßen jedenfalls vasucht nix, wos ned geht, und bleibt wortwörtlich ganz bei sich.

Er ist Pfarrer Lorenz, der erkannt hat, dass der Jeck wieder heimgekommen ist und weg muss, bevor die Julia-Geschichte ihren immerwährend britischbebardeten Lauf nimmt und sich hier nun zusätzlich das Suchy-Schicksal der Eltern wiederholt. Der Gottesmann ist ein Seelenfänger, ein mephistophelischer Mann der Tat, während Julias Ziehonkel, Georg Schubert gibt diesen Rosslechner mit tadellosem Sopran, nur zuag’schaut hat, guatmüatig bis zum Dodlsein. Oba si dobei scho denkt hat: Des is ned recht. Die beiden wollen verzweifelt etwas aufhalten, was hinter ihrem Rücken längst in Gang ist. Und weil in Gschertindien neben der Scholle als Waffe der Degen eher ungebräuchlich ist, kommt für sie eine Pistole ins Spiel. Aber immer gemütlich, zu dem Zeitpunkt hat’s schon genug Tote gegeben. Schubert und Lorenz sind ein großartig dynamisches Duo, ihnen hat Suchy ein paar einwandfreie Laurel&Hardy-Fingerübungen in die Hände gegeben.

Das Schießeisen gehört übrigens Rosalinde, Julia Schranz als Kittelschürtzin, als Waffennärrin und Furchentreterin, deren beständige Frage nach der Liab Romeo oba volll ausm Konzept bringt. Er ist kein Hiesiger, sondern ein Dasiger – wos auf die Stroßn ollas umalauft! -, ein zigeunernder Musikant im Schlurfgang, der sich die Nachtigall selber macht und seine Gefühle in Kuhfladengleichnissen formuliert. Wie Raphael Nicholas mit dem Kopf hin- und herwebt, hat was von einem Tanzbären an der Kette und wirkt zum Fürchten verhaltensgestört. Wer mit dem mitgeht, hat Mut, oder wie Onkel Rosslechner sagt: An Klescher hams olle beide. Beide, das ist inklusive Julia, also Elisabeth Veit, die kieksend in ihrem Kasperltheater sitzt, ein liabs Mädi im Puppenhormonhaushalt, und mit Bimbulli spielt. Bevor das hier entgleitet, das ist eine von Mira Lobe erdachte Schneuztüchlpuppe: Annerl und Peterl spielen Vater-Mutter-Kind. Sie verkleiden sich, basteln ein Baby aus Stoff und nennen es Bimbulli. Stolz wollen sie es der Nachbarschaft vorstellen, doch da werden sie ins Haus gerufen und Bimbulli bleibt allein im Stall zurück … Für Romeo und Julia nimmt’s das natürliche Ende, samt Rosalinde nebst Kind als Familienaufstellung. Was ist der Mensch? Star-crossed vom Prolog an.

Suchy ist so shakespearisch wie der alte Willy höchstselbst – weshalb hier auch nicht steht, er habe tief in die rein österreichische Identität geschaut. Er lässt fürs Tanzparkett furios aufspielen, aber aus dem Keller fritzelt’s gewaltig, ein G’ruch nach Jodllackn, den kein Ballparfüm übertünchen kann. Suchy, der Bader, dockert an den Beschwerden der Gesellschaft herum. Seine Diagnose diesmal: Ohne Körperflüssigkeit kannst ned überleben. Aber grauslich is scho.

dastag.at

Trailer: vimeo.com/131640005

Die nächsten TAG-Premieren: www.mottingers-meinung.at/?p=14610

Wien, 4. 10. 2015