Jüdisches Museum Wien: Post41. Berichte aus dem Getto Litzmannstadt

September 29, 2015 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Nachlesen, was keiner erzählen kann

Straßenszene, o. J.  Bild: Henryk Ross © AGO, Toronto, Sign. 99534

Straßenszene, o. J.
Bild: Henryk Ross © AGO, Toronto, Sign. 99534

Sie schicken Grüße an die Familie, an die Kollegen. Sie erteilen noch geschäftliche Ratschläge, hoffen, dass es den Verwandten gut geht, hoffen auf Arbeit und Geld. Über ihren Worten auf den vergilbten Postkarten wie zum Hohn die Briefmarke mit Hitlers Porträt. Das Jüdische Museum Wien zeigt ab 30. September „Post41. Berichte aus dem Getto Litzmannstadt“ im Museum in der Dorotheergasse.

Die Ausstellung dokumentiert Zeugnisse aus dem Getto Litzmannstadt. Postkarten und Tagebücher, Auszüge aus der Gettochronik sowie Foto- und Filmbeiträge bilden Versatzstücke einer Rekonstruktion, einer Erzählung, die sich im Grunde nicht erzählen lässt. 70 Jahre nach der Räumung des Gettos widmen Institutionen in Wien und Łódź den 5.000 Jüdinnen und Juden, die 1941 vom Wiener Aspangbahnhof nach Łódź deportiert wurden, eine Ausstellung und ein Gedenkbuch. Viele der Deportierten starben in den ersten Monaten an Hunger und Krankheiten, die meisten wurden in Kulmhof und Auschwitz ermordet. Nur wenige erlebten die Befreiung.

Am 10. Dezember 1939 wurde vom Regierungspräsidenten von Litzmannstadt ein Rundschreiben zur „Bildung eines Gettos in der Stadt Lodsch“ verschickt. Es endete mit der Aussage, dass die Errichtung des Gettos nur eine Zwischenlösung darstellen solle und am Ende „das Getto und damit die Stadt Lodsch von Juden gesäubert“ werden sollten. Neben einem „Jugendverwahrlager“ – 1940 gab es im Getto 39.559 Kinder – gab es auch ein „Zigeunerlager“, dessen Insassen aus Lackenbach, Oberwart und Fürstenfeld kamen. Die Lebensbedingungen waren unmenschlich. Die Bewohner litten an Unterernährung, starben massenhaft an Krankheiten, erfroren im Winter; teilweise starben sie auf offener Straße. Die Nazis delegierten fast die gesamte Organisationsarbeit an ihre Opfer, an den „Judenrat“ weiter – von der Verteilung der ungenügenden und minderwertigen Nahrungsmittelrationen und der Einteilung zur Zwangsarbeit über den Betrieb von Schulen bis hin zur Zusammenstellung der Transportlisten für die Deportation in die Vernichtungslager.

„Niemand kann das wirklich verstehen. Es war eine Atmosphäre, die man nicht schildern kann. Man kann sie nicht filmen, man kann sie nicht erzählen“, Grete Stern, 2013.

Zwangsarbeit aus Litzmannstadt war für die Auftraggeber billig, ja beinahe kostenlos, denn den fünf Reichsmark, die jeder der 70.000 Zwangsarbeiter an Gewinn einbrachte, standen nur 30 Reichspfennig an Arbeitskosten gegenüber. Zu den Großkunden, die im Getto produzieren ließen, gehörten die Unternehmen Josef Neckermann und Heinrich Leineweber. Unter dem Eindruck der vorrückenden Sowjetarmee begann man so schnell mit der Auflösung des Gettos, dass die Russen nur noch 870 Mitglieder eines Aufräumkommandos, 30 Kinder und 80 Erwachsene befreien konnten. Sie hatten sich vor den Deportationen verstecken können. Im Aufräumkommando war auch einer der Fotografen der Statistik-Abteilung, Henryk Ross, der seine Aufnahmen retten und beim Eichmann-Prozess 1961 vorlegen konnte. Seine Bilder sind in der Ausstellung des Jüdischen Museum Wien ebenfalls zu sehen.

www.jmw.at

Wien, 29. 9. 2015