Neue Oper Wien: Die Nase

September 29, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Terror ist kein Staat zu machen

Pablo Cameselle als Wachtmeister, Marco Di Sapia als Platon Kusmitsch Kowaljoff, Georg Klimbacher als Arzt und Lorin Wey als Iwan Bild: © Armin Bardel

Pablo Cameselle als Wachtmeister, Marco Di Sapia als Platon Kusmitsch Kowaljoff, Georg Klimbacher als Arzt und Lorin Wey als Iwan
Bild: © Armin Bardel

Ein Obdachloser macht sich im Zuschauerraum sein Pappkartonbett, auf der Bühne räkelt sich eine käufliche Kaugummikauerin. Dies die ersten Bilder, betritt man das Parkett. Wenig später wird der Barbier vom Mob verfolgt werden. „Des könnt’s bei eich daham mochn!“ – „Scheiß-Ausländer!“ – „Lern‘ amoi Deitsch!“ ruft man ihm hinterher. Und treibt ihn direkt in die Arme(e) der Polizei, wo sich Iwan Jakowlewitsch in vorauseilendem Gehorsam mit Klebeband gleich selbst mundtot macht. Am Ende wird man sehen: Die Folter hat ihn einen Finger gekostet. Auch Platon Kusmitsch Kowaljoffs Behandlung durch den Arzt gleicht einem schmerzhaften Verhör. Pistole, Spritze und Gummihandschuhe kommen zu Einsatz. Endlich irre geworden würgt der Kollegienassessor ergo einen, der ihm Gutes will. Und eine Brezelverkäuferin wird Vergewaltigungsopfer …

Die Neue Oper Wien zeigt in der Kammeroper Schostakowitschs „Die Nase“. Mit starken szenischen Statements macht Regisseur Matthias Oldag deutlich, mit Terror ist kein Staat zu machen. Er inszeniert intensiver die Verrohung der Gesellschaft, Gruppenwahn und Brutalität in Zeiten der Repression, als das aus der Konformität gefallene Einzelschicksal. Russland ist nicht mehr so groß, dafür der Zar nicht mehr so weit. Ein als Bühnenhintergrund affichierter Zeitungsartikel über Putins Ukrainekrise verweist im Zwischentitel auf „Osteuropas Ängste“ (Ausstattung: Frank Fellmann). Grimmig-groteske Gesellschaftskritik trifft sich mit Gogols Vorlage anno 2015. Und drückt auch Schostakowitsch nicht an die Wand. Jede Geste, jedes Mienenspiel, zu dem Oldag das Ensemble anhält, korrespondiert mit der farb- und facettenreichen Partitur. Als würde er nur zeigen, was musikalisch schon immer vorgegeben war. Er spielt mit dem russischen Titel „Nos“ und dessen Umkehr „Son“ und gestaltet den Abend als albtraumhafte, Lachen machende Farce. Oldag hatte ganz offensichtlich den richtigen Riecher für die Sache. Übers Musikalische an sich braucht man mit Intendant Walter Kobéra am Pult keine Sorge zu tragen. Es spielt das amadeus ensemble-wien. Das Orchester agiert unter Kobéras Leitung präzise und flott und exakt so „schräg“ wie es wünschenswert ist. Es singt der Wiener Kammerchor, der nicht nur in Schostakowitschs Anleihen bei Volksweisen und Kirchenliedern seinen schönsten Klang entfalten, sondern in den wimmelnden Massenszenen auch schauspielerisch glänzen kann.

Wie auch die Protagonisten gesanglich und darstellerisch gefallen. Mit ihrer Kraft drohen, nein: versprechen sie mitunter gar den Raum zu sprengen, eine Großartigkeit, die Oldags psychologisch eindringlicher Personenführung zu danken ist. Marco Di Sapia ist als Kowaljoff  intensiv. Sein wandlungsfähiger Bariton überzeugt in den weinerlich jammervollen Passagen ebenso wie im herrischen Befehlston, exemplarisch zeigt er vor: Hochnäsigkeit kommt nach dem Fall. Alexander Kaimbachers „Nase“ ist elegant-geschmeidig. Sein Tenor gehört zu den bestechendsten Hörerlebnissen des Abends. Bassbariton Igor Bakan ist als erbärmlicher, erbarmungswürdiger Barbier Jakowlitsch ebenso ein Genuss. Pablo Cameselle gibt den Wachtmeister als schwarze Odilija und lässt sich von seinen ALFA-Männern umringen. Stimmlich ist Cameselle schön auf der Höhe. Georg Klimbacher behagt mit ansprechendem Bariton als fieser Arzt wie als Redakteur – als solcher ist er der Führer einer gleichgeschalteten Bluthundpresse mit rotverschmiertem Maul.

Diese „Nase“ läuft! Eine Produktion, die man gesehen haben sollte. Noch bis 1.Oktober.

neueoperwien.at

Wien, 29. 9. 2015