„Macht und Widerstand“: Ilija Trojanow im Gespräch

September 25, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Folter, Freiheit und vom Leben als Flüchtling

u1_978-3-10-002463-3 Sie sind schon als Kinder Feinde. Das wird sich nicht ändern. Konstantin Scheitanow wird Widerstandskämpfer, einer, der schon in der Schulzeit der bulgarischen Staatssicherheit auffällt und ihrem Griff nicht mehr entkommt. Metodi Popow wird Offizier, Opportunist und Karrierist, ein Repräsentant des Apparats und seiner Macht. Länger als ein halbes Jahrhundert sind sie in einem Kampf um Leben und Gedächtnis verstrickt. Der Dissident wird nach der Wende aus den Folterkellern der Stasi in den 14. Stock eines Plattenbaus abgeschoben. Und hat von dort oben den perfekten Blick auf das Anwesen seines Peinigers, der die Verwandlung vom Sicherheitschef zum Geschäftsmann mit römisch Eins absolvierte …

Ilija Trojanow legt mit „Macht und Widerstand“ einen großen Roman vor. Ohne Scheu wagt der politisch engagierte Autor den schwindelerregenden Blick in allzu menschliche Abgründe und entfaltet so ein Panorama von exemplarischer Gültigkeit. Momente aus wahren Geschichten, die Trojanow seit den Neunzigerjahren in Gesprächen mit Zeitzeugen sammelt, verdichtet er zu einer spannenden Erzählung. Ilija Trojanow im Gespräch:

MM: Sie haben 1999 mit „Hundezeiten“, 2006 überarbeitet als „Die fingierte Revolution„, ein Bulgarien-Buch geschrieben, Sie haben 2007 den Film „Vorwärts und nie vergessen – Ballade über bulgarische Helden“ gedreht, eine Dokumentation basierend auf Gesprächen mit politischen Gefangenen, die Jahre und Jahrzehnte in den Lagern des kommunistischen Bulgarien verschwunden waren. Nun also „Macht und Widerstand“. Bulgarien lässt Sie nicht los.

Ilija Trojanow: Das Thema lässt mich nicht los, Bulgarien ist nur Anschauungsmaterial. Diese Beschäftigung hat auch keinen autobiografischen Impuls, sie ist wirklich gänzlich inspiriert von anderen Menschen, von anderen Stimmen – und der Tatsache, dass diese Stimmen nicht gehört, dass sie weiterhin marginalisiert werden. Das war für mich die Verpflichtung, darüber zu schreiben. Ein Roman bietet sich geradezu an, weil die großen Problemstellungen von Erniedrigung bis Verrat übermächtig sind.

MM: Sie haben in der Recherche zu diesem Buch mit vielen Menschen gesprochen, Opfern wie Tätern. Was haben Sie für sich erfahren?

Trojanow: Ich habe viel gelernt, und glaube, dass auch die Leser viel lernen werden, weil manches nicht so ist, wie man vermutet. Man würde annehmen, dass Menschen im Gefängnis, im Lager, in Isolationshaft völlig ohnmächtig sind, dem ist aber nicht so. Die Unbeugsamkeit gibt einem in ausweglosen Situationen, in Situationen der Machtlosigkeit, die Möglichkeit Haltung zu bewahren und dadurch weiterhin Widerstand zu leisten. Was ich wirklich erstaunlich finde und was ich nie vergessen werde, ist der oft gefallene Satz „Im Gefängnis haben wir uns am freiesten gefühlt“. Man musste um nichts mehr fürchten, denn man hatte ja schon alles verloren.

MM: Das Leben hatte man noch.

Trojanow: Aber in einer Situation, in der das Leben täglich bedroht ist, in der die Unsicherheit des Lebens Alltag ist. Interessant war die Solidarität unter den Häftlingen, völlig abgehoben von politischen Überzeugungen. Das wird auch im Buch beschrieben, wie Faschisten und Anarchisten, also Gruppierungen, die sich draußen die Köpfe eingeschlagen hätten, dort unglaublich intensive kameradschaftliche Beziehungen gepflegt haben. Es gab verblüffende Einsichten in das menschliche Verhalten in Ausnahmesituationen. Ebenso bei den Tätern. Die Leute muss man natürlich aufsuchen, die klopfen nicht an. Es war ein jahrelanger Prozess, da einen Fuss in die Tür zu kriegen, das funktioniert nur, wenn man einen kennt, der einen kennt. Dann kommt es darauf an, wie man mit ihnen umgeht, wie man mit ihnen spricht, damit man ihr Vertrauen erlangt. Vertrauen und dessen Verlust ist ja eines der Themen im Buch. Ich glaube, dass eine der perfiden Folgen von Überwachung der Vertrauensverlust ist, ein Gefühl, das rasch existenziell wird.

MM: Von etlichen Rezensenten wird das Buch als Ihr großer Bulgarien-Roman bewertet, ich finde darin eine Allgemeingültigkeit über repressive Regime und das Danach. Beispiel: Ihre Figuren könnten auch aus dem Nachkriegs-Österreich sein, ein KZ-Häfling, dessen Erinnerungen die Öffentlichkeit nicht interessieren, sondern die sie ignorieren, ein Nazi, der sich schnell in der Alltäglichkeit eingerichtet hat, der in der Masse entschlüpft und entkommen ist.

Trojanow: Das glaube ich auch. Und das betrifft nicht nur Deutschland oder Österreich. Ich habe in Gesprächen in Argentinien erstaunliche Ähnlichkeiten festgestellt; in Frankfurt habe ich Leute getroffen, die in Guatemala arbeiten, die sagten, es ist verblüffend, als hätte ich ein Buch über Guatemala geschrieben. Eine andere Gültigkeit, die ich fand, war: Ich hatte den Roman fast zu Ende geschrieben, da kam der US-Kongress-Bericht über die Folterpraktiken der CIA, da stehen Rechtfertigungssätze von hochrangigen Offizieren drin, die Metodi teilweise fast wortwörtlich sagt. Es geht um eine Kontinuität der Eliten und um den Schminkkoffer der Selbstrechtfertigung, mit dem das Böse daherkommt. In der Literatur ist das Böse meiner Meinung nach oft nicht ganz realistisch dargestellt, die Bösen sind innerlich zerrissen, können nicht schlafen, sind voller selbstquälerischer Erinnerungen. Das ist nicht meine Erfahrung. Im Gegenteil, die Täter haben sich in der Selbstrechtfertigung kommod eingerichtet, die schlafen gut.

MM: Wie werden Sie in Bulgarien gelesen?

Trojanow: Das hat sich über die Jahre verbessert. Zu Beginn nur als Nestbeschmutzer, ich wurde auch jahrelang nicht übersetzt, das hat sich jetzt gewandelt. Es gibt eine merkwürdige Mischung aus Hass und Patriotismus. Wenn ich einen Preis gewinne, lassen sie es sich nicht nehmen, über „unseren“ Trojanow zu berichten, Nachsatz: „aber sonst schreibt er Blödsinn über Bulgarien“. Ich bin gespannt, wie dieser Roman ankommt, so einen hat es noch nie gegeben. Auch in anderen ehemaligen Ostblockländern nicht. Ich habe meinen ungarischen Kollegen György Dragomán vor ein paar Tagen getroffen, der meinte, solche Bücher seien auch in Ungarn und Rumänien selten. Er sagte den schönsten Satz: „Wenn meine Kinder mich fragen, wie es war, im Kommunismus zu leben, werde ich ihnen sagen, lest ,Macht und Widerstand'“.

MM: Sprechen wir über die äußere Form der Arbeit. Sie haben auf einen übergeordneten, die Geschehnisse ordnenden Erzähler verzichten und lassen zwei Ich-Stimmen im Monolog aufeinanderprallen. Es fallen Sätze wie „Angst wächst in den Archiven.“ – „Die Wahrheit wird an die Oberfläche geschwemmt werden, wie die Leiche eines Ertränkten“. Das ist klar, kitschlos, dennoch poetisch – und kalt. Warum diese Entscheidung?

Trojanow: Weil jede Erzählstimme etwas Subjektives beigefügt hätte; die absolut objektive Erzählstimme ist eine Illusion. Das wollte ich vermeiden, ich wollte aber auch vermeiden, dass ich irgendetwas erklären muss. Da wäre ich unweigerlich in die Bredouille gekommen, den Lesern, die vieles nicht kennen, Hilfestellungen zu geben und somit Stellung zu beziehen. So haben die Leser nichts anderes als diese zwei eigenwilligen Stimmen und müssen sich selber ein Bild machen.

MM: Das ist interessant, weil der Roman als solcher natürlich Stellung bezieht. Neben dem Trend der nabelschauenden Hippsterromane scheint das ein Weltanschauungsbuch zu sein.

Trojanow: Natürlich hat jeder Autor eine Weltanschauung. Es gibt von James Joyce den wunderbaren Satz „Wenn ich einen Autor lese, interessiert mich nur seine Weltanschauung“. Aber Gesinnung in dem Sinne, dass man die Leser in eine bestimmte Richtung manövriert, das wäre ein schlechter Roman, das möchte ich nicht. „Macht und Widerstand“ stellt Fragen, vielleicht andere als üblich, und dadurch wird eine Posibilität für bestimmte Zusammenhänge und damit natürlich auch eine bestimmte Haltung sichtbar. Aber das Buch beantwortet Fragen nicht mit einer ideologischen Ausschließlichkeit.

MM: Sie fügen auch in sehr lakonischer Beamtensprache verfasste Folterberichte in den Text ein. Das Ergebnis einer Reise durch Bulgariens Geheimpolizeiarchive?

Trojanow: Ich habe selber gesucht, es sind aber auch Materialien, die mir ein Gewährsmann überreicht hat. Ich will damit nicht vordergründig schockieren, diese Berichte machen literarisch Sinn und sind teilweise auch Fiktion. Die Vorstellung, dass das rein dokumentarisches Material ist, ist unsinnig. Es ist Ausdruck eines bestimmten Machtbegriffes, einer bestimmten Manipulation, einer Instrumentalisierung. Indem ich zwei verschiedene Fiktionen nebeneinander stelle, entsteht auch ein Loslösen von klaren Kategorien … (er macht eine Pause) … doch, es stimmt, es gibt einen Schockeffekt, auf den Verstörung und Desorientierung folgen. Was, glaube ich, aber notwendig ist, um zu spüren, wie das System funktioniert.

MM: Sie haben von der inneren Freiheit der Gefängnisinsassen gesprochen. Sie haben einmal gesagt, die Menschen im sogenannten Westen würden die innere und äußere Freiheit, in der sie leben dürfen, gar nicht ausreichend nützen. Wie meinen Sie das?

Trojanow: Mich schreckt der Mangel an Freiheitsdrang. Wenn man die Freiheit einmal verloren hat, ist man sensibilisierter, einfach aufgrund dessen, dass man beobachtet hat, welche traumatisierende, fatale, zerstörerische Wirkung diese Durchherrschung hat. Das habe ich in den Akten gemerkt: Die Perspektive, der Blick des Überwachenden macht einen per se verdächtig. Man kann, wenn die Kamera auf einen gerichtet wird, gar nicht unschuldig sein. Die Überwachung allein macht einen zum Schuldigen. Egal, wie unschuldig jemandes abgehörte Aussage war, durch den Generalverdacht wurde der Inhalt verdreht. Die Paranoia des Systems kriecht dann in jedes Wort und die Wahrheit „Ich weiß nicht“ wird zur Wahrheit, dass dieser Mensch sicher etwas verheimlicht.

MM: Lassen Sie uns aus gegebenem Anlass zur aktuellen Flüchtlingsproblematik kommen: Bulgarien macht Europa gerade die Mauer. Warum tun sich einige osteuropäische Länder mit der Aufnahme von Flüchtlingen so schwer? Passt deren Leid nicht in die Köpfe nach dem Motto: Von hier wollten immer nur alle weg, warum will jetzt jemand herkommen?

Trojanow: In Bulgarien hat nicht einmal die Landbevölkerung Perspektiven, insofern ist es völlig abstrus zu glauben, Flüchtlinge könnten dort in irgendeiner Weise zurechtkommen. Ich habe letztes Jahr eine Recherche in Flüchtlingslagern gemacht, und die Syrer, die erst einige Wochen da waren, haben luzide klar gesehen, wie die Situation ist. Sie sagten zu mir: Die Bulgaren kommen nicht über die Runden, wie sollen wir hier ansässig werden? Das ganze System ist von einer strukturellen Unsinnigkeit, die ganze Dublin-Vorstellung ist absurd. Wir wissen, dass die europäischen Randzonen von je her die strukturschwachen Zonen sind, und nach den verschiedenen finanzökonomischen Katastrophen umso mehr. Wie sollen diese Länder, Rumänien, Griechenland, den Flüchtlingen eine Perspektive geben? Zumal der Bürgerkrieg in Syrien auf absehbare Zeit nicht abebben wird.

MM: Aber was ist dann die Lösung? Die Osteuropäer bedienen sich aus den Geldtöpfen der EU, aber an der Lösung ihrer Probleme wollen sie nicht teilhaben? Ein Dasein als von allen Troubles ausgenommene EU-Mitglieder?

Trojanow: Es gibt unterschiedliche Lösungen. Wichtig wäre, gesamteuropäisch zu schauen, welche Kompetenzen, welche Ausbildung die Flüchtlinge haben, und sie dann dort hinzuschicken, wo ihre Fähigkeiten gebraucht werden. Gerade die Syrer sind sehr gebildet, da muss es einen europäischen Jobmarket geben, wo man doch von Wirtschaftsexperten immer wieder hört, dass es an Fachkräften fehlt.

MM: Eine Frage an das ehemalige Flüchtlingskind und den heutigen „Weltensammler“ Trojanow: Einmal Flüchtling, immer Flüchtling?

Trojanow: Ja, aber das muss nicht negativ sein. Die Entwurzelung, das Exil kann auch ein Geschenk sein und kreatives Denken freisetzen. Die Vorstellung, dass man ein Leben lang verdammt ist, ist nicht zutreffend.

Über den Autor:
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielten. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia, wo Ilija Trojanow zu einem begeisterten Sportler wurde. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie an der Universität München. In München gründete er 1989 den Kyrill & Method Verlag und 1991 den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Bombay, 2003 nach Kapstadt. Heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. 2009 veröffentlichte Trojanow zusammen mit Juli Zeh das Buch „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Im Rahmen der Buchvorstellung kritisierten die beiden Autoren, dass der Staat unter dem Deckmantel der Terrorabwehr immer weiter in die Privatsphäre seiner Bürger vordringe. 2013 wurde ihm in zeitlichem Zusammenhang mit Schriftsteller-Protesten gegen die Praktiken US-amerikanischer Geheimdienste eine Einreise in die USA verweigert. Seine weithin bekannten Romane wie z.B. „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, „Der Weltensammler“ und zuletzt „Eistau“ sowie seine Reisereportagen wie „An den inneren Ufern Indiens“ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Herbst 2015 erschien bei S. Fischer sein großer Roman „Macht und Widerstand“.

S. Fischer, Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“, Roman, 480 Seiten

www.fischerverlage.de

trojanow.de

Wien, 25. 9. 2015