Kasino des Burgtheaters: dosenfleisch

September 22, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Hirn klebt quasi auf der Straße

Dorothee Hartinger (beate) Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Dorothee Hartinger (beate)
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Percussionistin Katharina Ernst beginnt am Schlagzeug. Ihr Rhythmus wird den Abend begleiten, wird das Wortwuchtgewummere bestimmen. Herzschlag, bis das Herz aussetzt. Wenn das „dosenfleisch“ in seiner Blechbüchse zu Tode kommt.

Ferdinand Schmalz, Autor mit steirischem Lebensmittel-Punkt, seinen Erstling nannte er „am beispiel der butter“, sein nächstes Stück „der herzerlfresser“, da wird eine Frauenleiche mit herausgebissenem, das heißt: ohne Linksorgan gefunden, eröffnet mit „dosenfleisch“ die neue Saison am Kasino. Endlich wieder wird der beste Theaterraum des Burgimperiums bespielt. Die Regiearbeit von Carina Riedl wurde bei den Berliner Autorentheatertagen uraufgeführt, nun folgte die Übernahme nach Wien. Riedl, besser gesagt: Bühnenbildnerin Fatima Sonntag, gestaltet einen Spielraum aus Metall und Neon, da rein setzt sie Schmalz‘ Protagonisten.

Aufgefahrene in einer Autobahnraststätte. „dosenfleisch“ meint ja nicht nur Konserveninhalt, sondern auch das blutende Innere der Blechkarossen, wenn sie sich in der dortigen Todeskurve zu Schrott zerquetschen. Ein Versicherungsinspektor, rolf (Tino Hillebrand), besessen von Verkehrsunfallspuren, untersucht das Phänomen, das sich von der Raststätte aus perfekt überblicken lässt. der fernfahrer (Daniel Jesch) muss wegen einer desaströsen Karambolage hier Halt machen. Frustriert über den erzwungenen Stillstand, beobachtet er durch seine Windschutzscheibe das nächtliche Geschehen. beate, die Betreiberin der Raststation (Dorothee Hartinger), teilt ein dunkles Geheimnis mit jayne, einer schönen, autoaggressiven Fernsehschauspielerin (Frida-Lovisa Hamann), die süchtig ist nach Hochgeschwindigkeit. Beide Frauen sind tatkräftige Spezialistinnen für inszenierte, mitunter tödliche Autounfälle.

Schmalz verleiht der Sprache Fliehkraft. Sie, der eigentliche Star des Abends, schwadoniert sich kurvengängig vom Hundertsten ins Tausendste, jeline(c)kisch, Sie machens alle, er staffiert mit seinen wunderbaren Wortneuschöpfungen seine Figuren aus. Jesch etwa entwickelt als fernfahrer in seinem Auftrittsmonolog aus dem schönen Begriff „Fleischnebel“ eine Poetik des Insektengatschs auf der Windschutzscheibe. Stimmsicher satzschlängelt er sich durch seine Kadaver-Ode an den Fernverkehr. Inmitten dieser Kalauereien entwickelt sich eine Art von Krimihandlung. Hartinger und Hamann staksen in knöchelbrecherischen Extrem-Highheels und mit kreischfarbenen Perücken umher und verströmen Aggression, Thelma-und-Louise-Air, weil sie doch vom Lebensleerlauf gleich in die Fünfte schalten wollen. Da ist Hillebrands rolf, der genug hat von Autoerotik, natürlich ein gutes Opfer. Auch er wird den Weg allen Fleisches gehen …

Riedls Choreografie dieses Ausdruckstanzes bleibt unter cool und stahlhart. Sie lässt sich nicht zur angeheiterten Horrorshow verführen, was am Ende irgendwie ein bisschen schade ist. Mehr subversiver Splatter, etwas mehr Fleisch hätte dem „dosenfleisch“ nämlich gut getan, dieser verkappt hirnigen, hochphilosophischen Analyse des Weltblechschadens. Das Hirn klebt quasi auf der Straße. „Die Welt ist alles, was der Unfall ist“, dieses Zitat Ludwig Wittgensteins ist ergo dem Text vorangestellt. Im Kasino ist aber trotz sich quatschig quatschender Muskelmasse kein Crash passiert. An Verkehrsberuhigung ist an der Burg auch nicht gedacht. Im Februar inszeniert Claus Peymann das Stück des bekennenden Nichtautofahrers Peter Handke: „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

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www.dieschmalzette.at

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Wien, 22. 9. 2015