Akademietheater: Engel des Vergessens

September 12, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

Elisabeth Orth (Großmußtter), Gregor Bloéb (Vater), Alina Fritsch (Ich 1) Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Elisabeth Orth (Großmußtter), Gregor Bloéb (Vater), Alina Fritsch (Ich 1)
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach dem Volkstheater (Rezension „Fasching“ www.mottingers-meinung.at/?p=14584) behandelt nun auch das Akademietheater zu Saisonbeginn ein wichtiges Stück Zeitgeschichte in Form eines für die Bühne adaptierten Romans: Regisseur Georg Schmiedleitner zeigt die von Autorin Maja Haderlap und ihm selbst angefertigte Dramatisierung ihres Buchs „Engel des Vergessens“. Ihr autobiografisch grundierter Debütroman wurde 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichnet. Haderlap schreibt aus sehr persönlicher Sicht über die Nachwehen des Partisanenkampfs der Kärntner Slowenen im Dritten Reich. Ein Österreich-Kapitel, bei dessen Aufarbeitung sich die Republik nicht mit Ruhm bekleckert hat. Noch heute fehlt die flächendeckende Anerkennung dieser Widerstandsbewegung, noch heute gibt es Schriften, die stattdessen den „Terror der Titoschergen“ anprangern dürfen – Schmiedleitner zeigt das in einer stilisierten Stammtischstreiterei mit gegenseitigen Zuweisungen der Schuld am Massaker auf dem Peršmanhof in Bad Eisenkapp/Železna Kapla, wo nachweislich die Nazis wüteten. Heute ist im Haus ein Gedenkmuseum (www.persman.at) eingerichtet, das das Ensemble vor der Premiere besuchte.

Haderlap und Schmiedleitner haben aus der poetischen, reflexiven, kaum Dialoge bietenden Coming-Of-Age-Ich-Erzählung einen vielstimmigen Chor gemacht. Verschobene Zeitebenen führen dessen Erinnerungen zusammen. Licht- und akustische Effekte fördern die Intensität der kammerspielartigen Szenen, in schreckgespenstischer Düsternis gehen hier die Toten und die Untoten um. Schmiedleitner gelingen eindrückliche Bilder. Die Live-Musik von Matthias Jakisic interpretiert dazu Partisanenlieder im Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Stil. An machen Stellen ist man von der Wucht der Inszenierung wie erschlagen. Das ist gut so. Wie schon Anna Badora teilt auch hier der Regisseur die Hauptfigur auf zwei Akteure auf. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind „1“ und „2“ eines Ichs, das inmitten der Albträume der (Familien-)Geschichte steht, zwei von der Tragödie des Vaters in die Mitleidenschaft Gezogene; der jüngeren wird sein Trauma als Erbe aufgelastet, die ältere will, weil darob nicht zer-, ergo aufbrechen, sie fordert ein Morgen ein. Sie muss sich befreien von diesem Menschenschlag, der in der Vorhölle der eigenen Scholle schmort. Doch auf dem Boden der Vergangenheit ist Zukunft ein Leichtgewicht. Beide Schauspielerinnen spielen das stark, ergänzen ihre Leistungen vor und in dem von Volker Hintermeier zusammengenagelten Bretterverschlag, der die Kärntner Wälder symbolisiert. Die angedacht bäuerlichen Kostüme stammen von Su Bühler.

Gregor Bloéb brilliert als Vater. Themengeschult (er ist an der Josefstadt in der Wiederaufnahme von Felix Mitterers „Der Boxer“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581) ist seine Darbietung vielleicht am atemberaubend authentischsten. Der Vater wurde mit zehn Jahren von der SS gefoltert, um den Aufenthaltsort des Partisanengroßvaters zu verraten. Vom Menschen blieb ein trauriger Clown. Er hat sich in der Geschichte verloren, versteckt sein Tiefverwundetes in rohem Aufbegehren, in Kraftlackelei, ist einerseits in seinem Leid ein Berserker, als Dauersuizidler ein Familientyrann, andererseits ein Gut- und Übermütiger, der an seinem Motorradskelett herumschraubt. Sein Schicksal scheint ihm im Vergleich zu anderen schlimmeren Schicksalen klein, und dennoch zerfleischt er sich um die Anerkennung seines Überlebthabens. Mit seiner zupackenden Art Rollen anzugehen, ist Bloéb ein Naturereignis. Dabei hat er’s nicht leicht gegen die beiden Ravensbrückerinnen. „Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, sagt Elisabeth Orth als Großmutter an einer Stelle. In Sippenhaft genommen hat sie das KZ überlebt. Ihre Enkelin wird ihr die Erinnerung daran als Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Orth ist ein Kraftfeld, das die Inszenierung an sich zieht. Mit grimmigen Humor gestaltet sie den Triumph einer ertrotzten Existenz, spielt eine schelmische Mystikerin mit festem Glauben an das Vaterunser und den 8. Mai. Noch auf dem Totenbett erteilt sie letzte gute Ratschläge. An diesem und diesen wird Petra Morzé, als Mutter bis dahin in Desillusionierung über ihr Leben auf Distanz gegangen, schließlich zusammenbrechen. In Vorahnung, dass nun alle Last ihr eigen ist, dass ihr kein Aufstieg aus dem Kellerabteil des Hauses Österreich in seine für andere bereits hellerleuchteten Oberräume beschieden sein wird.

Rudolf Melichar, Michael Masula, André Meyer – er ist unter anderem des Vaters Bruder – und Sven Dolinski schlüpfen mit viel Engagement in die Joppen verschiedenster Eisenkappler. Gleichsam als Gegengewicht zur oben beschriebenen Stammtischszene gestaltet Schmiedleitner mit ihnen auch eine slapstickhafte Suche mittels riesiger Antenne nach dem besten Empfang eines slowenischen Fernsehkanal. Es ist letztlich eine Suche nach Identität, ortstafelschildert das Fremderbleiben am Geburtsort. Sabine Haupt überzeugt wie stets, diesmal geht vor allem ihre ebenfalls KZ-inhaftiert gewesene Tante unter die Haut. Anders als ihre Verwandten ist sie weniger eine von der Vergangenheit Bewältigte, als eine, der das Niemals-Vergessen! zum Überlebensmotor geworden ist. Eine starke Frau. Wenn sie wütend die Stube zusammenkehrt, treibt es einem nicht nur den Staub in die Augen. Haupt setzt Helene „Jelka“ Kuhar ein eindrucksvolles Denkmal. In diesem Sinne überzeugt der gesamte Abend. Schmiedleitner zeigt, wie sich Geschichte in Familiengeschichten eingraviert, zeigt die Schmerzen einer schwerstversehrten Generation, zeigt deren Seelenverheerungen. Den eigenen Vater hat man so oder so ähnlich erlebt. Jetzt sei’s aber gut mit der Vergangenheitsbewältigung, raunt sich in beiderseitigem Einvernehmen ein Paar beim Verlassen des Theaters zu. Ja, manche würden ihn gern für sich in Anspruch nehmen, den „Engel des Vergessens“ …

www.burgtheater.at

www.haderlap.at

Mehr Burgtheater: Rezension „Der Revisor“ www.mottingers-meinung.at/?p=14630

Wien, 12. 9. 2015