Das Theater der Jugend kämpft mit Geldsorgen

September 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Birkmeir braucht noch mal 500.000 Euro

Human Being Parzival Bild: Rita Newman

Human Being Parzival
Bild: Rita Newman

Die Zahlen zuerst: In der vorigen Saison haben 276.500 Besucher die Vorstellungen des Theaters der Jugend gesehen, was einer Auslastung von 96 Prozent entspricht.  Die wirtschaftlichen Eigenleistung liegt bei 47 Prozent. 44.000 Abonnenten machen das Haus zum größten Kinder- und Jugendtheater Europas. Doch trotz dieser Erfolge, mit den seit 2008 nicht mehr erhöhten Subventionen käme man heuer gerade noch einigermaßen über die Runden. „Dann weiß ich nicht mehr weiter“, sagte Direktor Thomas Birkmeir bei der Programmpräsentation für die Saison 2015/16. Das Theater der Jugend brauche 500.000 Euro pro Jahr mehr, um künftig einen vergleichbaren Spielbetrieb aufrechterhalten zu können. Schon jetzt habe man gravierende Schnitte setzen müssen, den üblichen Tag der Offenen Tür zu Saisonbeginn könne man sich nicht mehr leisten: „Das Existenzbedrohende umklammert uns bereits mit kalter Hand“, so Birkmeir. „Produktionen im Großen Haus dürfen nur noch sechs Schauspieler benötigen, im kleinen vier. Das ist echt an der Kante zum Desaströsen. Es wird ein hartes Jahr für uns.“ Bei den politisch Verantwortlichen könne er keinerlei Perspektive im Umgang mit der Situation ausmachen. Wiewohl bei Kindern sparen sicherlich ein Sparen am falschen Platz ist …

Zum Künstlerischen: Es werden acht Neuproduktionen gezeigt, darunter sind die beiden märchenhaften Uraufführungen „Die automatische Prinzessin – Fantastische Fabeln aus 1001 Nacht“ (12. 2. 2016) von Henry Manson und „Der Pirat im Kleiderschrank“ (24. 5. 2016) von Thomas Birkmeir. „Eine inhaltliche und thematische Klammer bildet die Fragestellung nach Wert und Gültigkeit des Generationenvertrags in unserer heutigen Gesellschaft“, erklärt der sein Spielzeitmotto.

Die Saison beginnt am 9. Oktober im Renaissancetheater mit einer Bühnenadaption des Nicht-nur-Kinderbuchklassikers „Momo“ von Michael Ende, es inszeniert Michael Schachinger. Die grauen Herren sind für Birkmeir ein Synonym für unheimliche Erscheinungen unserer Zeit: „Es ist wichtig, dass wir unsere Kinder vor ausländerfeindlichen Parolen schützen und ihnen die Werkzeuge geben, diesen zu begegnen.“ Im zweiten Haus, dem Theater im Zentrum, ist ab 15. Oktober die Produktion „Human Being Parzival“, eine moderne Version des mittelalterlichen Vers-Epos von Wolfram von Eschenbach, zu sehen. Bei Bernhard Studlar sucht statt eines Ritters ein Teenager Wege zu sich selbst. Jakob Elsenwenger spielt den Parzival, Uwe Achilles unter anderem den Anfortas. Außerdem steht in der deutschsprachigen Erstaufführung „Kalle Blomquist lebt gefährlich“ (11. 12.) von Astrid Lindgren auf dem Programm.

„Beautiful Thing“ (8. 4. 2016) von Jonathan Harvey in der Regie von Werner Sobotka wird erstmals in Österreich aufgeführt und geht der Liebe von zwei jungen Männern auf den Grund. Eine Komödie, wie vielleicht nur die Engländer sie schreiben können. Ein Stück, das den Drahtseilakt zwischen Ernsthaftigkeit des Stoffes und pointiertem Humor mit Leichtigkeit bewältigt. Situationskomik wechselt sich ab mit atemberaubenden und stillen Momenten. Die Stücke von Jonathan Harvey, einem ehemaligen Lehrer, sind vielfach preisgekrönt. Er verfasst ebenso erfolgreich Drehbücher für das Fernsehen. Zudem schrieb er das Buch zum Pet-Shop-Boys-Musical „Closer to heaven“.“Netboy“ (26. 4. 2016) thematisiert Cybermobbing. Auf ebenso spannende wie einfühlsame Art verfolgt die Autorin Petra Wüllenweber das Thema von seinen harmlosen Anfängen in der vermeintlichen Anonymität bis zu seinen sehr realen Folgen in der Wirklichkeit. „Tschick“ (12. 1. 2016) ist ein Road-Trip durch Deutschland, Birkmeir selbst setzt Wolfgang Herrndorfs Coming-of-Age-Story in Szene. Die Geschichte wurde mit Superlativen bedacht, Herrndorf in eine Reihe mit Mark Twain und J. D. Salinger gestellt. Noch vor dem tragischen Tod des Autors wurde der Roman mit vielen Auszeichnungen – unter anderem dem Deutschen Jugendliteraturpreis – gewürdigt und in 24 Sprachen übersetzt.

Auch für die aktuelle Saison stehen unterschiedlich zusammengestellte Abonnements für verschiedene Altersgruppen zur Verfügung. Diese Abos umfassen nicht nur Stücke im Renaissancetheater und Theater im Zentrum, sondern auch auf weiteren Wiener Bühnen.

www.tdj.at

Wien, 11. 9. 2015