Alfred Komarek im Gespräch über „Alt, aber Polt“

September 10, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Noch einmal tut er sich die Schinderei nicht an

KOMAREK Alfred, SchtritstellerAm 10. September erscheint im Haymon-Verlag Alfred Komareks neuester Polt-Roman „Alt, aber Polt“. Der letzte der Reihe, wie der Autor betont. Der ehemalige Gendarmerieinspektor ist zwar schon im Ruhestand, aber deswegen keineswegs aus der Welt. Aus seiner Weinviertler Kellergassen-Welt, um genau zu sein, denn Polt ist jetzt selber unter die Weinbauern gegangen. Jeden ersten Sonntag im Monat lädt er zum geselligen Beisammensein in sein Presshaus. Dort plaudert er mit seinen Altersgenossen aus dem Dorf über den Wein und das Leben, verkostet das ein oder andere Achterl und trauert der guten alten Zeit nach. Nach einem dieser Sonntagstreffen wird der nächtliche Heimweg durch die Kellergasse unvermutet zu einem Schauspiel, das Polt gleichermaßen fasziniert und bedrückt. Als er tags darauf vom schrecklichen Ausgang dieses Spiel erfährt, steht er vor einem Rätsel, dessen Lösung er sich eigentlich nicht mehr zutraut. Aber Polt bleibt eben Polt: ein leidenschaftlicher Verteidiger der Gerechtigkeit, nicht zwangsläufig des Gesetzes – auch dann noch, wenn es wehtut und zum Fürchten ist … Eine Verfilmung des Buches von Julian Pölsler mit Erwin Steinhauer ist schon in Planung. Alfred Komarek im Gespräch:

MM: Die wichtigste Frage, da ja von einer Verfilmung auszugehen ist: Weiß Erwin Steinhauer schon, dass Sie ihm wieder einen Kater an den Leib geschrieben haben?

Alfred Komarek: Das weiß er und er ist sehr erfreut, weil der Grammel im Vergleich zum Czernohorsky ja ein kleiner Kater ist. (Er lacht.) Ja, es stimmt, der Film ist in Vorbereitung, das Drehbuch fertig. Regisseur Julian Pölsler und Erwin Steinhauer würden gerne im November schon drehen. Es gibt demnächst ein Gespräch mit dem ORF, ob das schon so schnell gehen wird.

MM: Das ist nun Ihr siebenter Polt-Band. Sie kommen wohl von einander nicht los?

Komarek: Obwohl wir es immer wieder versuchen! Wir wollten uns nach dem vierten Band eigentlich trennen, aber es gelingt uns nicht. Ich hatte nicht vor, weiter zu tun, aber der Polt ist so lebendig, der wohnt ja in Untermiete in meinem Hinterkopf. Und so hat er sich eines Tages, nach fünf Jahren Pause, wieder gemeldet und gefragt: Was ist, kann ich wegschauen, wenn im Dorf etwas passiert oder kann ich das nicht? So musste ich ihm Antwort geben – und es hat sich herausgestellt, er kann nicht.

MM: Polt ist jetzt 70. Warum darf er nicht alterslos sein wie viele seiner Ermittlerkollegen?

Komarek: Das geht nicht, weil auch die Gegend altern. Die Polt-Geschichten erstrecken sich mittlerweile über zwei Jahrzehnte, das Wiesbachtal und seine Dörfer haben sich in der Zeit grundlegend geändert, da pickt an Vielem die Jahreszahl, daher auch an den Figuren. Ich wollte nie einen Seriencharakter schreiben, sondern über einen Gendarmen in einem realen Lebensraum. Die Spannung im „Polt“ entsteht ja nicht aus Taten und Gewaltszenen, es passiert ja Null bis wenig, sondern aus der Anteilnahme an den vorkommenden Figuren. Wenn die nicht realistisch altern, wenn alles ewig gleich ist, dann ist das nicht spannend.

MM: Komarek und Polt, die „Rolling Stones“ der Literatur. Immer wieder geben sie die allerletzte Tournee 😉

Komarek: Also, im Gegensatz zu den Rolling Stones, höre ich jetzt definitiv auf. Auch, wenn’s weh tut. Und der Polt hört auch gern auf. Er hat ja diesmal schon widerwillig und nur aus Pflichtgefühl mit der Polizei gearbeitet. Weil es ihm nahe ging, dass da ein Mädchen gestorben ist und so viele dran Schuld sind. Er hat ja ein starkes dörfliches Bewusstsein und Gewissen, das hat ihn diesmal noch dazu gezwungen weiter zu tun. Aber jetzt ist’s Aus. Polt will endgültig mit Untaten aller Art nichts mehr zu tun haben, und ich tu mir die Schinderei auch nicht mehr an.

MM: Durch die Polt-Bücher weht traditionell die Melancholie. Dieses hier erscheint aber noch resignativer in seiner Sicht auf den Menschen. Eine Alterserscheinung?

Komarek: Was mich betrifft nicht. Ich habe die neuen Figuren, den Walter Grabherr, die Schauspielerin Mira Martell, den Ingenieur Seidl als unsympathisch bis mäßig sympathisch begonnen und sie sind mir immer netter geraten. Das zeigt doch, dass ich an das Gute im Menschen glaube. Das habe ich schon als Jurist. Der grauslichste Täter hat etwas Liebenswertes, und wenn’s ein zärtliches Hobby ist. Aber durch Polts Augen gesehen, ist schmerzhaft klar, dass seine Welt ein Auslaufmodell ist. Etliche seiner Weggefährten gibt es ja nicht mehr.

MM: Das bringen Sie diesmal in vielen Motiven ein: Die Moderne hält Einzug im Weinviertel. Und das sehen Sie als Wahl-Weinviertler auch in der Realität mit gemischten Gefühlen. Sind Sie ein Weinviertler im Widerstand?

Komarek: In gewisser Hinsicht ganz bestimmt. Ein Beispiel: Jetzt haben sie einen Polt-Wanderweg erfunden und wollten den mit einem hässlichen Prospekt mit irgendwelchen aufdringlichen Marketingmethoden bewerben. Da habe ich Nein gesagt, da spiele ich nicht mit. Also ist aus dem Prospekt ein liebes kleines Büchl geworden, das ich leider gratis schreiben hab’ müssen. Der einzige Komarek, den man nicht kaufen muss. Ein Begleiter für Wanderer und Radfahrer, bei dem man was über die Region und die Leut’, die da wohnen, erfährt. Mit Buchzitaten und Filmfotos. (Zu bestellen über info@pulkautal.at , Anm.)

MM: Apropos, Leut’: Zu denen gehört diesmal auch die Gruftie-Szene?

Komarek: Ich habe noch bei keinem Polt was draufgeschraubt, was es nicht gibt. Mir ist eine Gruftine zugelaufen, also habe ich recherchiert. Und tatsächlich einen Beinahe-Mord auf dem Friedhof entdeckt. Dazu habe ich meine Pulkautaler Vertrauensjugendlichen befragt, die haben gesagt, ja, so was, wie du schreiben willst, ist schon möglich bei uns. So kam’s also zur Gruftie-Szene in einem Polt-Roman. Mich hat dieses Jugendthema sehr berührt. Dieser Gruppendruck, dieses Außenseiterdasein des ermordeten Mädchens. Wer nicht dazu gehört, ist ein lebender Toter, sagt eine der Figuren. Ich bin der Bad-Ausseer-Lehrersohn, ich stand immer zwei Schritte außerhalb der Gruppe, ich kann mir dazu einiges denken. Heute sage ich, für einen Schriftsteller ist die Position ideal.

MM: Sie schreiben nicht nur Polt-Romane …

Komarek: Zuletzt habe ich mit János Kalmár ein Buch über „Schräge Vögel“ von Bodo Hell über Daniel Spoerri bis Otto Lechner, über faszinierend andere Lebensentwürfe gemacht. Zwei darin liegen mir besonders am Herzen: Marika Reichhold, die Frau Franzi, und die Clownin Martha Labil. Das ist das Schönste an meinem Beruf: Ich habe mit einer Arbeit dreizehn neue Freunde gewonnen. (Mehr dazu: www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/schrage-vogel-faszinierende-lebensentwurfe-679 , Anm.) Schade ist, dass es die Reisegeschichten, die ich früher für Zeitungen geschrieben habe, nicht mehr gibt. Ich wollte immer, dass die Leser nach einer Lektüre sagen, da kenn’ ich mich jetzt aus, da bin ich jetzt so gut wie Zuhause. Das was jetzt verlangt wird, mit Must-Sees und Do-Nots, ist nix für mich.

Buchrezension „Alt, aber Polt“: www.mottingers-meinung.at/?p=14662

www.alfred-komarek.at

Wien, 10. 9. 2015