Burgtheater: Der Revisor

September 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wo Hermanis draufsteht, ist Hermanis drin

Dietmar König (Postmeister), Franz J. Csencsits (Doktor der Armenanstalt), Dirk Nocker (Bürger), Martin Reinke (Vorsteher des Krankenhauses und Armenasyls) Hermann Scheidleder (Bürger), Falk Rockstroh (Richter), Michael Maertens  (Bürgermeister) Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Dietmar König (Postmeister), Franz J. Csencsits (Doktor der Armenanstalt), Dirk Nocker (Bürger), Martin Reinke (Vorsteher des Krankenhauses und Armenasyls) Hermann Scheidleder (Bürger), Falk Rockstroh (Richter), Michael Maertens (Bürgermeister)
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Nun also endlich „Der Revisor“ am Burgtheater. Zur Saisoneröffnung ein Etikettenschwindel, denn, Premiere ja, einer quasi Wiederaufnahme, hatte Alvis Hermanis, damals noch lettischer Wunderknabe, Gogols Groteske doch schon 2002 an seinem Jaunais Rīgas teātris in Riga inszeniert. Da veränderte sich diese Stadt gerade rasend schnell. Kapitalismus hieß der neue Heilsbringer: Die Balten wollten EU werden und das grau gewordene Mütterchen Russland ins Altenheim abschieben. Hermanis stellte ein Museum auf die Bühne, eine heruntergekommene Werksküche, echte Hühner und unförmige Menschen. „Kommunismus“ atmete es aus jedem abgefuckten Kostüm. Der real existiert habende Sowjetmensch war plötzlich eine bedrohte, ergo schützenswerte Theaterfigur. 2003 wurde Hermanis mit dieser poetischen Arbeit auch im Westen berühmt – und der erste Preisträger des mittlerweile aus Sponsorabsprungsgründen wieder zu Grabe getragenen Young Directors Projekt der Salzburger Festspiele. A Shooting Star was born. Mehr als zehn Jahre später lässt sich feststellen: Hermanis hat seine Kantine konserviert. Also Remake! Daher wohl auch das energische Kopfschütteln auf Nachfragen, ob die Tatsache, dass ein Korruptionsstück … hihihi … eine aufgeführte Intrige … hahaha … ausgerechnet an diesem Haus … hohoho … Hermanis verweigert sich wie immer und diesmal ganz besonders schlüssig, weil Neues ja fehlt, der aktuellen Zeit. Er mag’s lieber verweht-verstaubt.

Was wurde im Wiener Saisoneröffnungsreigen nicht alles über diese Produktion geraunt. Von „Ein Wahnsinniger, vierdreiviertel Stunden!“ über „Fad!!“ bis „Na, da hast nix versäumt.“ Wo Hermanis draufsteht, ist Hermanis drin. Schon anlässlich „Eine Familie“ erklärte er in einem MM-Interview, seine Landleute wären enttäuscht bis aufgebracht, würde man sie nach nur 90 Minuten aus dem Theater werfen, daher dauerten seine Abende geringfügig länger. In „Platonov“ ließ er die Schauspieler bis zur Unhörbarkeit wispern, in „Das weite Land“ schickte er Chicagoer Gangster, bekannt begeisterte Bergwanderer, in die Dolomiten. Kinder, diesmal gibt’s wie gesagt wenigstens echte Hühner auf der Bühne. Und bis zum Überquellen versiffte Toiletten, auf denen nichtsdestotrotz konstant Platz genommen werden muss. Hermanis, der Humorpächter. Auch die vielbemurmelte, weil zu lange stumme Auftaktszene ist zu verschmerzen. (Da hat an der Burg schon einmal eine zwanzig Minuten lang wortlos gebügelt. Weil damals die Kritik von der falschen Seite kam, hat die richtige heftigst applaudiert.) Es ist schwer bis unmöglich, Hermanis vorzuwerfen, dass er Hermanis ist.

Weh tut, dass das beste Ensemble der Welt nicht aus seiner Kauzstarre kommt. Schon vorher hätte man sagen können, wer wie katzbuckeln, naiv lispeln, tragikomisch die Hände werfen, den Hüfteinknick üben wird – und sie haben’s alle genau so getan. Geschah diese virtuose Selbstverwaltung eigentlich mit oder ohne Sanctus des Regisseurs? Warum gerät Komödie an der Burg in der Regel knallchargig? Herrschaftszeiten, kann einer die Türen aufreißen und durchlüften? Oder ist diese Arbeit ein subtiles Signal an die Politik, dass mit Subventionsgeldern in der Höhe von vorgestern nur Theater von vorvorgestern gemacht werden kann?

Schwamm drüber. Ein Hoffnungsschimmer ist am Horizont: Georg Schmiedleitner mit Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“ am Akademietheater.

www.burgtheater.at

Wien, 9. 9. 2015