Volkstheater: Fasching

September 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Anna Badora beginnt mit Mut und Wut

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger, Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater startet ambitioniert in den Zeitraum Anna Badora. Die neue Intendantin hat gemeinsam mit ihrem Chefdramaturgen Roland Koberg eine zynische Textzusammenfassung von Gerhard Fritschs „Fasching“ erstellt; der Roman war bei Erscheinen 1967 unbequem und ist durch die Einwirkung nicht kommoder geworden, sondern gerade in den Tagen der Erstaufführung ein gfeanzter Grenzgänger, der beobachtet, wie sich wieder welche zu Herren über andere Menschen aufschwingen wollen. Badoras Inszenierung ist wie ein Exhibitionist, der unterm biederen Herrenmantel den Blick für nackte Scheußlichkeiten aufreißt. Sie zeigt die Provinzialität des Bösen. Sie wird in zwischendurch traumhaften Bildern Fritschs Poesie des Grauens gerecht. Sie spielt mit Geschlechtern, verwebt Gegenwart und Rückblicke zu einem brüchigen Kontinuum. Die kleinbürgerlichen Bürgerschrecke auf der Bühne lassen es bei ihren „Andeutungen“ an Deutlichkeit nicht fehlen. Botschaft verstanden: Der ganze Abend ist eine einzige Verkleidung. Changiert zwischen bodenlos beklemmend und irr witzig. Wie gespielt wird, ist – eine Farce.

Fritschs Nachkriegsdemaskerade erzählt von Felix Golub, der nach Jahren in russischer Gefangenschaft in das Städtchen zurückkehrt, in dem er einst, weil er kein Mörder unter den Mordbuben sein wollte, als Deserteur untergetaucht war. Dort wird der Umstand, dass die Tausendjährigen das Heft in der Hand behalten haben, nur notdürftig kaschiert. Katholisch pornografisch hatte Frau Baronin Pisani den Fahnenflüchtling zum Mädchen umgemodelt. Der nunmehr Zweigeschlechtliche wurde in beiden Häuten Missbrauchsopfer – der Baronin und des Herrn Ritterkreuzträger. Mit der Ermannung und der Auslieferung, letztlich aber Lebensrettung, weil nicht In-Grund-und-Boden-Bombung, des Ortes an die Sowjets folgte die Verbannung. Gegen die Meinungsmacht der Masse ist der einzelne machtlos – Felix wurde an die Besatzer ausgeliefert. Nun blasen die Moral- und Reuelosen zum erneuten Halali. Die skrupellose Spaßgesellschaft tarnt ihre Absichten zwar als Scherz, doch wer irritiert, sich nicht integriert, wer zuviel weiß, wird liquidiert. Das Bühnenbild von Michael Simon ist der weißgewaschene Rahmen, aus dem hier nichts fallen darf; die Welt eine schwarzweiße Strichzeichnung. Positiv/Negativ. Darin bewegt sich die ges(ch)ichtslose Menge in ihren „Braunhemden“, ein schlammiger Niedertrachtenlook von Denise Heschl, für die, die danach trachteten, sauber aus dem Sumpf zu steigen.

Nils Rovira-Muñoz und Nikolaus Habjan teilen sich die Rolle des Felix. Das heißt: es gibt vier davon. Rovira-Muñoz spielt den jungen Deserteur und den Heimkehrer als vehemente Verweigerer. Er ist auch waidwund noch im Widerstand gegen die Sich’s-Richter, er zeigt in Zivil Courage, geht angesichts der Lauter-Opfer-keine-Täter-Mentalität seiner Peiniger vor Wut im Wortsinn die Wand hoch, kann natürlich, obwohl das Schlussbild einer Pietà ähnelt, kein Mitleid erfahren. Habjan komplettiert die Figur mit seinen Figuren: einer berührenden Felix-Kinderpuppe und der inneren Stimme des erwachsenen Felix, einem feinstofflichen Rovira-Muñoz-Zwilling. Habjan gelingen mit die stärksten Momente des Abends, er nicht nur ein bekannt begnadeter Puppeteer, sondern als Schauspieler – stimmlich – so präsent wie es sich wünschen lässt. Zugegeben, er hat die lyrischsten Sätze, aber wie er beispielsweise mit benetzstrumpften Baroninbeinen und Felixkopf dazwischen eine Beschlafungsszene erzeugt, das ist große Kunst.

Die Pisani gibt Adele Neuhauser mit Bravour. Sie ist ein Monster in mondäner Erscheinung, das gierig die von ihm überwältigte und vergewaltigte Landmasse verwaltet. Neuhauser spielt Unechtheit als Effekt. Das ist beeindruckend. Ihr heiseres Hyänenlachen setzt sich im „Deserteur“-Geraunze des Dorfchors (von Christoph Rothenbuchner, Elena Schmidt, Katharina Klar, und darstellerisch herausragend: Christian Dolezal und Thomas Frank als Ritterkreuzträger und späterer Wurstfabrikant Lubits) fort. Sie alle verkörpern jenseits der Geschlechtergrenzen mehrere Charaktere, ekelhafte Charakterschweine, sind sie unter den Faschingsmasken doch noch mit Saurüssel ge- und somit enttarnt. Stefan Suske ist als Fotograf Wazurak, der Grund für Felix‘ Rückkehr, will er ihm doch sein Geschäft überschreiben, raumfüllend. Kein Wunder, er hat in Graz den Homburg gegeben … Ein Gag, der die angereisten Freunde des dortigen Schauspielhauses, Badoras vergangener Wirkungsstätte, hörbar freut. Der Sitznachbar hat’s zumindest so erzählt, dass man gemeinsam aus der Steiermark nach Wien gekommen ist – und es nicht bereut, siehe schlussendliches Klatschen und Bravorufen.

Stefanie Reinsperger, der „Theater heute“-Ausgezeichneten, wird bei ihrem Auftritt als Felix‘ Braut Hilga Pengg zurecht ein großer Bahnhof bereitet. Sie darf auch die Kulturwichtigen Wiens im Volkstheater neu begrüßen. Ihre Hilga brennt vor Feuer und Eifer und ist gleichzeitig, ganz Anpasserin an die ewiggestrigen Verhältnisse, in ihrem Enthusiasmus eiskalt. Reinsperger spielt die Vorurteilsscherze der ihrer Rolle zugeordneten Textpassagen gewaltig aus. Eine kraftvolle, vielschichtige, bestechende Darbietung. Die hier wohl am Deutlichsten das Wollen und Wirken der neuen Intendanz verkörpert. Mut ist da. Das hat Badora nicht nur auf Plakaten versprochen – nicht unkomisch, dass in Wiener Wahlkampfzeiten zu schreiben -, sondern mit dieser ersten Premiere auch gezeigt. Nun darf mit Spannung erwartet werden, wie’s weiter geht.

Hauptdarsteller Nils Rovira-Muñoz im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?s=nils

www.volkstheater.at

Wien, 6. 9. 2015