Theater in der Josefstadt: Vor Sonnenuntergang

September 4, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael König brilliert als alter Clausen

Martina Ebm, Michael König Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm, Michael König
Bild: Sepp Gallauer

„Bin ich noch in meinem Haus?“, sind die kolportiert letzten Worte von Gerhart Hauptmann. Der Literaturnobelpreisträger hätte sie auch seinem letzten großen Theaterhelden, dem Geheimen Kommerzienrat Matthias Clausen, in den Mund legen können. Wollen den doch seine Kinder und Schwiegerkinder von der Macht in die Ohnmacht verbringen, weil der zuletzt am Leben schwächelnde Witwer sich im hohen Alter von 70 Jahren erdreistet mit einer jungen Frau, Inken Peters, wieder zu Kräften zu kommen. Die Liebe! Oder so. Modern ist dieser Ansatz eines Stücks aus dem Jahr 1932, in dem ein geschundener Geist in einem gesunden Körper ein Pendant zu finden hofft. So zeitlos, wie die Regiearbeit von Janusz Kica, mit der das Theater in der Josefstadt die Saison eröffnete. Geboten wird, wäre dieses Wort nicht so absurd, weil es kein Theater ohne Schauspieler gibt, man müsste es hier schreiben: großes Schauspielertheater. Michael König brilliert als alter Clausen, Martina Ebm spielt die Inken. Das Ensemble der Josefstadt erweist sich in diesem Kampf der Generationen einmal mehr als homogen in Sprache und Stil. Und Kica einmal mehr als einer, der seine Akteure liebt und anzuleiten weiß.

Im kühlen Bühnenbild von Karin Fritz – ein drehbares Podest als sachlicher Salon, das zuletzt noch mit einem Lichteffekt punktet, ein großkotziger Kamin in Grabsteinoptik – entfaltet er den Hauptmann’schen Figurenreigen. 16 Personen. Und Kica hat sie alle im Blick. Keine, die er nicht mit feiner Feder skizziert, keine, die er nicht in ihrer Vielseitigkeit schillern lässt. Er inszeniert das große Ganze bis ins kleinste Detail, sozusagen das missbilligende Lupfen der einen und anderen Augenbraue als ob es das ganz Große wäre. Er inszeniert vielsagende Blicke, beredtes Schweigen, stummen Protest, der mindestens so laut ist wie der wortreiche, und bringt so einen gewissen Witz ins Spiel (beispielsweise beim großartig grotesken „Tanz“ rund um den Frühstückstisch, wenn Clausen Inken seiner Familie vorstellt). Die Geste, gleichberechtigt, konterkariert oder unterstreicht das Gesagte. Der Text wird so lapidar fallengelassen, so nebenbei ausgestoßen, wie der Zigarettendunst, mit dem sich die großbürgerliche Familie unzulässige Emotionen in Kette wegraucht. Bis zur Pause hält Kica die Darsteller auf Betriebstemperatur, dann erhöht er von Szene zu Szene auf meist rotierender Bühne die Drehzahl. Bis zur Überhitzung. Wirkungssicher.

Die Josefstadt hat die Kräfte, die Kicas Regieintentionen stemmen können. Etwa Martina Stilp als kalte, arrogante Schwiegertochter Paula, von Hauptmann als „Paprikaschote“ beschrieben, hier eine Königs Kobra, die ihrem schwachen Ehemann die Männlichkeit, wenn schon nicht genommen, so zumindest abgesprochen hat. Den, Wolfgang, Clausens ältesten Sohn, einen Philosophieprofessor, gibt Christian Nickel mit aufgesetzt rechtschaffener Entrüstung als einen, der neben der Welt steht – außer, wenn es ums Geld geht.  Gebildet, aber ohne Herzensbildung. Raphael von Bargen ist als Schwiegersohn Klamroth ein grauslicher Managertyp, selbsternannter Nachfolger Clausens als Rudelführer, der beim Alles-Tun für den Machterhalt zwischen Privatsekretär Wuttke (Matthias Franz Stein) und Diener Winter (eine Type: Alexander Waechter) gegen Wände läuft. Pauline Knof legt Clausen-Tochter Bettina zerfahren hektisch an, eine bigotte Schein-Heilige, eine seufzende Pflichterfüllerin, die doch nur um ihren Platz als erste Dame des Hauses fürchtet. In dieser Schlangengrube ist Siegfried Walther als loyales Schlitzohr Dr. Steynitz einer der wenigen Verbündeten des neuen Paares.

Martina Ebm hat ihre Inken vom Image des Kleineleutemädchens losgelöst, sie ist kein bisschen „Backfisch“, sondern sehr bald aufmüpfig, selbst bestimmt und – so fragt man sich zumindest im ersten Teil – auch berechnend? Dass sie laut Hauptmann „burschikos“, also in Hosen, geht, passt. Sie hat trotz Altersunterschied in der Beziehung die Hosen an. Michael König ist als Zeitungsmagnat und Potentat darstellerisch Primus inter Pares. Seinen Kindern gegenüber aufbrausend, versprüht er für Inken subtil-verhalten genau die Dosis Charme und Virilität, die glaubhaft macht, dass ihm eine so junge Frau zufliegt. Sein Herz und Hirn stehen in Flammen. Und mutmaßlich die Hose. Ebm fehlt das Vokabular der Verliebten. Sie ist von Anfang an mehr auf Konfrontations- denn auf Kuschelkurs. Kica holt sich den sogar bei der Uraufführung verschmähten fünften Akt heran. Bei ihm stirbt Mann doch nicht am Herzen, wiewohl man’s beim ultimativen Verrat heftig brechen hört, so einer muss sich selbst aus dem Leben schaffen! „Der neue Lear“ wollte Hauptmann sein Drama ursprünglich nennen, und wie der Shakespeare-Charakter wird nun auch Michael König überlebensgroß. Vom Verdammer zum Verdammten. Wahnsinnig. Nackt in der Ödnis. Am Ende jeder Unternehmens/Kultur. Das Publikum bedankte die Vorstellung mit lautem Jubel. Müßig hier Superlative zu bemühen. Clausen ist tot, lange lebe der König!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4p0vxYHvzHs

www.josefstadt.org

Wien, 4. 9. 2015