Werner Sobotka im Gespräch

September 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert „La Cage aux Folles“ in den Kammerspielen

Albin/Zaza (Michael Dangl) und Georges (Herbert Föttinger) Bild: Jan Frankl

Albin/Zaza (Michael Dangl) und Georges (Herbert Föttinger)
Bild: Jan Frankl

Am 10. September hat in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt das Musical „La Cage aux Folles“ Premiere. Michael Dangl schlüpft in die Rolle des Albin alias Zaza, eines in die Jahre gekommenen Travestiestars und besseren Hälfte von Georges, gespielt von Herbert Föttinger, dem Besitzer des titelgebenden glitzernd-schillernden Nachtclubs in St. Tropez. Werner Sobotka inszeniert. Ein Gespräch:

MM: Wie kam’s zu der Idee „La Cage aux Folles“ in den Kammerspielen zu machen?

Werner Sobotka: Die grundsätzliche Idee war von Herbert Föttinger, auch die, dass Michael Dangl und er selbst die beiden Hauptrollen spielen. Es war von Anfang an klar, da werden keine Gäste engagiert, wie es bei anderen Produktionen, die ich am Haus gemacht habe, der Fall war, sondern da kommen zwei Sprechtheatergrößen der Josefstadt zum Einsatz. Den Ansatz fand ich schon einmal super. Es passt ja wie hingespuckt, dass der Herbert den Georges, den Direktor des Clubs „La Cage aux Folles“ spielt. Mitunter verwischen sich bei den Proben die Grenzen, da weiß ich dann nicht ganz, welcher Direktor – Cage oder Josefstadt – zu mir spricht. Aber auch das ist super: Dass Herbert zum ersten Mal in einer Musicalproduktion an einem seiner Häuser mitmacht. Er ermöglicht uns viel – und er sieht jetzt, dass sich das auch auszahlt.

MM: „La Cage aux Folles“ kann von Travestieklamotte bis Tragikomödie alles sein. Wie wird der Sobotka-Touch dieser Inszenierung?

Sobotka: Das Musical wurde 1983 uraufgeführt und hat damals in der Jetztzeit gespielt. Das wäre mir heute zu altmodisch. Außerdem ist der Überraschungseffekt, das Geheimnis, dass sich hinter der Figur Zaza ein Mann verbirgt heute keines mehr. Man muss also anders an den Stoff herangehen. Die Welt hat sich in den vergangenen 32 Jahren zum Glück ja weiterentwickelt. Wir zeigen von Anfang an einen Mann, der Spaß an der Verkleidung hat – ohne das „Spiel“: Wer verbirgt sich unterm Fummel? Wir machen keine Satire, nichts Trashiges, aber Komödie mit jener Ernsthaftigkeit, die das Stück mitbringt. Wir wollen’s mit Stil, mit Klasse machen. Michael Dangl strahlt als Albin/Zaza eine große Eleganz aus. Er erschafft eine Zaza, die Stil hat. Die Musik ist neu arrangiert im Big-Band-Swing-Sound. Auch das ist classy.

MM: Lassen Sie mich dazu eines kurz anmerken: Als Dustin Hoffman eine der Perücken seiner „Tootsie“ kämmte, sagte er: Ich wollte sie wäre hübscher …

Sobotka: (Er lacht.) Die Aussage soll aber auch nicht sein, Zaza ist die schönste, sondern Zaza ist die mit dem längsten Atem. Sie behauptet sich seit 22 Jahren auf der Bühne. Das muss ihr erst einmal einer nachmachen. Sie steht seit 22 Jahren an vorderster Front. Sie wird vielleicht einmal so ausgesehen haben wie Conchita Wurst, aber jetzt ist sie in die Jahre gekommen.

MM: Apropos: Glauben Sie, dass die Message, die im Musical steckt, in einem Österreich der Conchita Wurst noch transportiert werden muss.

Sobotka: Ja, ich fürchte: Ja. Josef Hader sagt gerne, es ist leicht im Kabarett eine Meinung zu äußern, unter lauter Menschen, die der gleichen Meinung sind. Gerade aus diesem Grund ist es richtig und wichtig, dass Herbert Föttinger dieses Stück jetzt auf den Spielplan der Kammerspiele gesetzt hat. Das ist ein Statement. Es sind halt zwei küssende Männer – Dangl und Föttinger -, das wird für die Leute immer noch, sagen wir, anders sein, als wenn sich eine Frau und ein Mann küssen. Ich würde die „Message“ aber gar nicht auf das Thema Homosexualität beschränken, sondern auf das Thema Toleranz ausweiten. Wir nehmen hier als Metapher Schwule, die für etwas Außergewöhnliches, buchstäblich: außerhalb der gewohnten Norm, außerhalb der gewohnten Sichtweise stehen. Es könnten aber genauso gut Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Religion sein. So viel Fantasie traue ich unserem Publikum zu, dass es diese Metapher versteht.

MM: Das Grundthema ist aber eines, dass die Community seit Jahren bewegt.

Sobotka: Das Grundthema ist, dass Georges einen Sohn hat, der heiraten will, aber dessen konservativer Schwiegervater in spe Jean-Michels Eltern ablehnt. Da schwingt die ganze Debatte um das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Partner mit. Da gibt es die wunderbare Szene, wo Jean-Michel ein Plädoyer für Albin hält, die einzige mütterliche Bezugsperson, die er jemals hatte. Albin, der sich immer um ihn gekümmert hat, der immer für ihn da war.

MM: All die Gedanken, die ihr euch um das gesellschaftliche Rundherum der Produktion macht, führen mich zu der Frage: Wie schwer ist die leichte Muse?

Sobotka: Man muss sie sehr ernst nehmen, sonst wird’s nix. Man muss sehr diszipliniert sein und man muss viele Leute finden, die an einem Strang ziehen. Die leichte Muse ist harte Arbeit. Deshalb ist es auch nicht so, dass wir uns bei den Proben permanent kaputt lachen. Wir treffen uns nicht und haben eine Gaudi, so soll es dann nur aussehen. Ich sage jeden Tag, ich als Zuschauer muss merken, die da oben haben Spaß dran, dann habe ich auch Spaß. Nur: Bis es soweit ist, das dauert. Ich bin als Regisseur ein Diktator, ich habe überall meine Finger drin: bei den Kostümen, bei der Choreografie … Deshalb ist es gut, dass wir ein eingespieltes Team und seit Langem befreundet sind, sonst würden die anderen mich, glaube ich, nicht aushalten. Michael Dangl und Herbert Föttinger treten gerade in eine neue Welt ein, die für Musicaldarsteller selbstverständlich ist: Spielen, sprechen, singen, tanzen, und das alles gleichzeitig. Es ist großartig, ihnen dabei zuzuschauen. Sie kommen ja doch beide vom schweren Fach und sie jetzt in so etwas Leichtfüßigem zu sehen, ist schon der halbe Spaß.

MM: Sie führen auch Regie bei „Flügel“, dem neuen Programm von Florian Scheuba und Robert Palfrader, das am 7. Oktober im Rabenhof Premiere hat. Wie inszeniert man Kabarett?

Sobotka: Prinzipiell ist man ein drittes Hirn. Da die Autoren die Schauspieler sind, sind die oft sehr in ihrer Welt, und wenn ich da eine Anregung gebe, eröffne ich den beiden im besten Fall eine neue Sichtweise auf ihre Arbeit. Es ist eine Mitautorentätigkeit. Scheuba/Palfrader haben – ich sage das unter Anführungszeichen – eher ein „Stück“ als ein Kabarettprogramm geschrieben. Da ist der Weg zum normalen Theater nicht weit.

MM: Welches Herrenduett ist anstrengender?

Sobotka: Natürlich sind Scheuba/Palfrader in ihrer Kernkompetenz als Kabarettisten. Dangl/Föttinger nicht, deshalb in vielen Dingen unsicherer, deshalb brauchen sie im positiven Sinn mehr Aufmerksamkeit, mehr Fokus. Bei Scheuba/Palfrader geb’ ich so kleine Das und Das und Das dazu … Dangl/Föttinger nehme ich an der Hand und führe sie durch die Produktion. Was ich liebe, weil es mit den beiden so gut funktioniert. Manchmal fragt man mich: Wie oft habt’s schon gestritten? Noch nie! Herbert ruft mich an, der Dangl mailt mir ganz lang und immer kreativ. Es ist schön, so zu arbeiten.

MM: „Die Hektiker“ sind heuer allesamt 50 geworden. Zu diesem Anlass gibt es kein neues Programm.

Sobotka: Und das wird am 10. März 2016 in Michael Niavaranis Globe Theater Premiere haben. Es wird nichts geschrieben. Wir haben keine Ahnung, was wir da machen werden und ich hoffe, das bleibt auch so. Wir haben als Vorbild Monty Python in Aspen. Wir sind deshalb drauf gekommen, weil wir im Zuge unserer 50er sehr viele Interviews gegeben haben, natürlich Anekdoten aus den vergangenen 33 Jahren Hektiker erzählt haben und Journalisten meinten: Das müsst ihr auf der Bühne machen. Es soll etwa so werden: wir erzählen, zeigen Zuspielungen nach dem Motto: Bist du deppert, ist das peinlich, gut das es so lange her ist! und spielen natürlich ein bisserl live. Ich stell’ mir vor, wie wir in Fauteuils sitzen … ich hab’ übrigens mit den anderen überhaupt nicht drüber gesprochen, das fällt mir jetzt spontan ein …

MM: Arbeitstitel „Videoabend mit Freunden“?

Sobotka: Genauso ist es.

www.josefstadt.org

Wien, 2. 10. 2015