E.L. Doctorow: In Andrews Kopf

September 1, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auch das Gehirn ist ein weites Land

Doctorow-In-Andrews-Kopf-Cover-2-Er war ein ganz Großer der zeitgenössischen amerikanischen Literatur: E.L. Doctorow starb am 21. Juni dieses Jahres in Manhattan. Ob in „Billy Bathgate“ (die Geschichte eines New Yorker Straßenjungen, der als Lehrling und Vertrauter eines Gangsterbosses Glanz und Brutalität der Unterwelt erlebt), „Der Marsch“ (das große amerikanische Anti-Bürgerkriegsepos über Liebe in Zeiten der Gewalt und des Krieges als alles verschlingendes Ungeheuer) oder in „Homer & Langley“ (die Geschichte zweier Brüder, die in ihrer Sammlerwut ihr Haus in Manhattan mit Objekten aller Art vollstopfen und nach und nach ihre Verbindungen zur Außenwelt kappen): kaum einem anderen Autor gelang es so unterschiedliche Themen und Genres wortgewaltig und doch einfühlsam zu Papier zu bringen. In seinem letzten Roman „In Andrews Kopf“ beschäftigt sich E.L. Doctorow mit einem besonderen Thema: dem menschlichen Gehirn und seinen Fähigkeiten.

Andrew, Kognitionswissenschaftler, erzählt in elf Kapiteln einem Psychotherapeuten – oder vielleicht doch einem Psychiater? – aus beziehungsweise über sein Leben. Und das ist nicht geradlinig verlaufen. Da gab es jede Menge Tragödien: Sein erstes Kind starb als Säugling (dafür gibt er sich die Schuld), sein Zweites musste er weggeben – zu seiner ersten Frau Martha, von der er getrennt lebt. Seine zweite Frau Briony starb während der Ereignisse vom 11. September 2001. Und es gab noch andere tragische Ereignisse: Wie er etwa als kleiner Junge mit seinem Schlitten einen Unfall verursachte, bei dem ein Mann ums Leben kam. Oder wie er als Kind einen kleinen Hund geschenkt bekam, der ihm im Park von einem Bussard entrissen wurde … Alte Geschichten tauchen aus seinem Gedächtnis wieder auf. Doch Andrew scheint die Trennschärfe zwischen Fakten und Fiktion abhanden gekommen zu sein. Kann er seinem Verstand noch trauen oder spielt er ihm einen Streich? Er jedenfalls ist sich sicher: „Heutzutage kann ich niemandem trauen, am wenigsten mir selbst.“ Schon bald fragt sich auch der Leser: Was ist Fiction, was ist Non-Fiction? Die Grenzen verschwimmen. Mit sprachlicher Finesse, aber auch mit Humor und psychologischem Gespür lotet Doctorow die Grenze zwischen Geschichte und Geschichten eines Menschen aus, der auch von der Suche nach einem Computer, in dem das Bewusstsein sämtlicher Menschen, die je gelebt haben, reproduziert und gespeichert wären, getrieben wird, was ihn an den Rand des Wahnsinns bringt.

Andrews turbulentes Leben ist aber noch nicht vorbei und steuert seinem Höhepunkt zu: Die Collegezeit scheint ihn einzuholen. Sein Zimmergenosse von damals wurde US-Präsident und nach dessen Besuch an einer Schule, an der Andrew nach allen Schicksalsschlägen unterrichtet, holt ihn dieser schließlich ins Weiße Haus und macht ihn zum Direktor des Amtes für neurologische Forschung. Doch eigentlich geht es nur darum, ihrer beiden College-Missgeschicke zu vertuschen. Davon ist Andrew überzeugt: „Da saß ich nun, aus seiner Vergangenheit aufgestiegen, und wurde zu einer Staatsangelegenheit. Ich musste eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben.“ Die folgenden knapp 50 Seiten macht Doctorow zu einer Politfarce über das Leben und Wirken des US-Präsidenten (George W. Bush, obwohl niemals namentlich ausgesprochen), seiner wichtigsten Berater, Chaingang (Dick Cheney) und Rumbum (Donald Rumsfeld) und wie Politik gemacht wird. Andrew rechnet am Schluss auf seine Weise mit ihnen ab: „Sie gingen achtlos mit dem Leben um, sagte ich, sie seien ein erstklassiges Beispiel für die menschliche Unzulänglichkeit, sagte ich, und ich spräche als eine Autorität auf dem Gebiet. Dann holte ich tief Luft und machte einen Handstand.“ Mitten im Oval Office.

Dafür bekommt Andrew aber auch die Rechnung präsentiert.

Über den Autor:
E.L. Doctorow wurde am 6. Januar 1931 in New York City geboren und wuchs in der Bronx auf. Seine Romane „Ragtime“, „Billy Bathgate“, „Der Marsch“ und „Homer & Langley“ (alle bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) sind aus dem Kanon der amerikanischen Literatur nicht wegzudenken. Er erhielt für seine Bücher nahezu alle wichtigen Literaturpreise, darunter den PEN/Saul Bellow Award für sein Lebenswerk. Viele seiner Werke wurden auch verfilmt beziehungsweise als Musical auf die Bühne gebracht. Doctorow starb am 21. Juli 2015 in Manhattan.

Kiepenheuer & Witsch, E.L. Doctorow: „In Andrews Kopf“, Roman, 208 Seiten. Aus dem amerikanischen Englisch von Gertraude Krueger

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Wien, 1. 9. 2015