Howard Jacobson: Im Zoo

August 24, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesker Grabgesang aufs gute Buch

Im Zoo von Howard Jacobson

Im Zoo von Howard Jacobson

Bei den Amazon-Kundenrezensionen wird er im Schnitt mit vier von den fünf möglichen Sternen bewertet. Für Howard Jacobson eigentlich eine Unmöglichkeit, lässt er doch in seinem Roman „Im Zoo“ sein schriftstellerisches Alter Ego Guy Ableman darüber wehklagen, dass jede Erwähnung auf der Webseite des Buch-und-Mehr-Versands seine Verkaufszahlen weiter in den Keller treibe. Oder ist das eine Übertreibung? Nichts Genaues weiß man nicht, hätte Otto Grünmandl an dieser Stelle gesagt. Wohl aber, dass nicht alles in Ablemans, fast hätte man schon geschrieben Jacobsons, Literatur-Betriebsabrechnung, ihrem satirischen Schrei nach Satisfaktion, der Unwahrheit entspricht. Der vom Briten, beziehungsweise seinem Protagonisten, gewährte groteske Blick in den Bauch des Buchmarkts ist zu authentisch, um nicht alle an der Nase herumzuführen. Fast hätte man schon geschrieben zu verarschen. Aber das führt thematisch zu sehr an den Umstand heran, dass Jacobson seinem an Logorrhoe leidenden Ich-Erzähler die Verstopfung als körperliches Symptom seiner Schreibblockade verordnet hat …

Worum sich’s dreht ist schwer zu sagen bei einem Roman, der um einen Autor kreist, der sich der Handlung als bourgeoiser Anbiederung an den, als Buckelei vor dem Leser verweigert. Guy Ableman rotiert um sich selbst, weinerlich, wehleidig, ein Pornograf des allgemeinen Intellektverfalls, der so gern wie in besseren Tagen unfromme Verstörung unter seinen Anhängern verbreiten würde, aber ausgeschlossen, weil die gibt es ja nicht mehr, sondern nur noch analphabetische Hirnamputierte, die ganze Literaturwelt in Trümmern, das Verlagswesen so tot wie sein sich selbst aus dem Leben geschossen habender Verleger, sein Agent auf dem Weg in die Pension; die neuen Bosse der Bücherbranche verlangen von ihm, dem 600-bis-700-Seiten-Fossil, zu „tittern“ und eine Idee für eine App vorzulegen und wer hätte das je von den Henrys James und Miller verlangt … Jacobsons Ableman sudert seinen Grabgesang in konzentrischen Kreisen, badet in Selbstmitleid wie Kleopatra in Eselsmilch. Lasterhaft luxuriös und lasziv. Für sein als Trauerrede getarntes, prall gefülltes Branchenbashing sind Feindbilder schnell gefunden: Erstens alles von wie gesagt Amazon und Kindle bis zum Literarischen Quartett und Nimm-drei-zahl-zwei-Diskonteraktionen, zweitens – und niemals mag Jacobson an eben dieses verfassende Kolleginnen und Kollegen gedacht haben – Teenievampirschnulzen, Zauberschüleridiotien, Tudorwälzer, schwedische Kommissare und welch anderer Schwachsinn ihn sonst noch aus den Regalen der Buchhandlungen vertrieben haben mag. Mit Ironie und noch mehr Selbstironie legt Jacobson den Offenbarungseid offen. „Ich weiß, wann ein Schriftsteller in Schwierigkeiten steckt. Wenn er Zuflucht darin sucht, über das Schreiben zu schreiben“, schreibt er.

Natürlich ist „Im Zoo“ von Jacobsons Lieblingsthemen gespickt. Sexualität und Eifersucht (die in „Liebesdienst“ im Zentrum stand) sind zwei davon. Ableman, kurzzeitig berühmt durch „Schweinskram“-Bücher, ist seit zwanzig Jahren Ehe unsterblich verliebt – in seine Schwiegermutter. Er will Poppy poppen. Wähnt sie und Ehefrau Vanessa, die beiden schwesterngleichen rothaarigen Hexen, die mit ihrem Wildkatzenduft ihre Umgebung kirre machen, in allerlei eindeutig zweideutigen Stellungen mit allerlei Herren, und geht damit doch nur seiner Fantasie auf den Leim. Der Nabelschauer, der so gern der Wüstling von Wilmslow – Ablemans Heimatort – wäre, ist aber nicht einmal ein, wie er’s auch so gern wäre, „Im Zoo“ der Zivilisation gezähmtes Tier, sondern nur ein Biedermann. Jacobsons drastisch-provokanter Umgang mit dem Judentum, der die „Finkler-Frage“ zu einem berauschenden Lesevergnügen machte, entlädt sich diesmal an Ablemans Elternhaus, einem Kabinett des Schreckens, wo man sich urplötzlich mit tiefer Inbrunst an seine jüdischen Wurzeln erinnert.

Um den Seelen- und Geisteszustand seines Ego- und Erotomanen zu beschreiben, hat Jacobson das „indirekte Schreiben“ (artverwandt mit der indirekter Rede) erfunden. Dazu gehören auch Wortneuschöpfungen wie „mundschreiben“, heißt: etwas, das im Kopf schon Gestalt angenommen hat, steht deswegen noch lange nicht auf dem Papier, oder „Wortwundbrand“. Jacobson bewitzelt den Genderzwang („sein Schrägstrich ihr“), lässt Ableman mit Grammatikregeln hadern, lässt Nebenfiguren auf unvergleichliche Weise lebendig werden: „Er hätte gerne gelächelt, schien mir, aber sein Gesicht ließ ihn nicht“, formuliert er über einen Buchkritiker. Ein Literaturveteran leidet an durchgescheuertem, weil als Radiergummi verwendetem Mittelfinger. „Ich muss die Wörter berühren, selbst diejenigen, die ich verwerfe“, sagt er. Für die Figur eines Filmproduzenten hingegen entschuldigt sich der Autor, welcher der beiden auch immer. Es sei ihm peinlich, einen so platten Charakter eingeführt zu haben, lässt er den Leser wissen. Und hat für diesen gleich die nächste Breitseite parat. Zum Schluss hin nimmt „Im Zoo“ nämlich noch einmal gewaltig Fahrt auf; alles kommt für Ableman anders als man gedacht hätte. Als „Guy Ableman unter dem Pseudonym Guido Cretino“, das macht man so, um zu zeigen, dass man auch schlichter kann, um Spuren seines anderen, hochtrabenden Schreibstils zu verwischen, und doch auf sich zu verweisen – und niemals hat Jacobson hier an einen weiteren Man-Booker-Preis-Kollegen gedacht – wird er wieder extrem erfolgreich. Mit dem dümmsten Buch der Welt. Einer Welt, wie man ja jetzt schon weiß, voller hirnamputierter Analphabeten. Welch ein Spaß. Welch ein ab- und tiefgründiger, boshafter, brillanter, motherfucking Spaß.

Über den Autor:
Howard Jacobson, 1942 in Manchester geboren, lebt in London. Er hat bisher dreizehn Romane und vier Sachbücher vorgelegt und zählt zu den renommiertesten Autoren Großbritanniens. Seine Romane erscheinen in zwanzig Ländern und wurden schon vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er für „Die Finkler-Frage“ 2010 den Man-Booker-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Nach „Liebesdienst“ (2012) und „Im Zoo“ (2014), für den er den Bollinger Everyman Wodehouse Prize for Comic Fiction erhalten hat, ist „J“ Jacobsons neuester Roman. Er stand 2014 auf der Shortlist des Booker-Preises.

DVA, Howard Jacobson: „Im Zoo“, Roman, 448 Seiten. Aus dem Englischen von Friedhelm Rathjen

www.randomhouse.de/dva/

Wien, 24. 8. 2015