Leonardo Padura: Die Palme und der Stern

August 13, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Freundschaft und Verrat

3293004857Leonardo Padura liebt sein Kuba und sein Havanna. Das merkt man in jeder Zeile seiner Romane. Padura ist aber kein angepasster, bequemer Autor. Er bringt in seinen Romanen auch Politisches ins Spiel, prangert die Zustände in seiner Heimat an – ob unter spanischem Kolonial-Joch oder nach der Machtergreifung Castros. Er eckt an, wenn er von Dingen schreibt, die eigentlich nicht thematisiert werden sollten. Doch der Autor geht seinen Weg unbeirrt weiter, und das macht den heute knapp 60-Jährigen, zusammen mit seiner brillanten Erzählkunst und poetischen Sprache, zu einem der ganz großen Autoren, nicht nur seines Landes und der spanisch sprechenden Welt.
Das beweist er auch in „Die Palme und der Stern“, das bereits 2002 in Spanisch, aber erst jetzt auf Deutsch im Unionsverlag erschienen ist.
Wie in „Ketzer“ (eine durch die Jahrhunderte führende Suche nach einem verschollenen Buch) spannt sich in „Die Palme und der Stern“ der historische Bogen über mehrere Jahrhunderte und Generationen. Diesmal von der Zeit, als das Land im 19. Jahrhundert noch Teil der spanischen Krone war, den ersten gescheiterten Versuchen eine Unabhängigkeitsbewegung auf die Beine zu stellen, dem Kuba der mächtigen Zuckerrohrbarone nach der Unabhängigkeit bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Fidel Castros und Che Guevaras Revolution die Karibikinsel politisch veränderten und demokratische Rechte und Freiheiten genauso mit Füßen getreten wurden, wie unter den vorherigen, von den USA unterstützten, Regimen.
Nach 18 Jahren im Exil kehrt der Schriftsteller Fernando Terry nach Havanna zurück, um nach einem verschollenen, brisanten Manuskript – einer bislang unbekannten Autobiographie – des ersten romantischen Dichters und Nationalhelden Kubas, José Maria Heredia, zu suchen. Die Rückkehr führt ihn nicht nur zu den Geheimnissen der Freimaurer Kubas, denen Heredia angehörte, sondern auch in die eigene Vergangenheit: Wer von seinen Jugendfreunden, dem „Club der Spötter“, hat ihn damals bei Fidel Castros Staatssicherheit denunziert und damit seine Universitäts- und Intellektuellenkarriere beendet, die hoffnungsvoll begonnen hatte?
Geschickt verwebt Padura die drei Handlungsstränge miteinander. Immer wieder lässt er Heredia in seinen „Memoiren“ seine Geschichte erzählen. Dazwischen schickt er Fernando auf Spurensuche, versehen mit Rückblenden in sein Leben vor 18 Jahren. Die verschiedenen Zeitebenen haben natürlich auch ihre eigene Sprache. Der Realismus des 20. Jahrhundert steht in Kontrast zum pathetischen Stil des 19. Jahrhunderts, was besonders in der Liebesszene Heredias zu Lola deutlich wird: „Behutsam bereitete ich den Boden für größere Genüsse und schickte meine Zunge vor, die in die wunderbare Schatulle ihres Mundes eindrang, um ihre Zunge zu liebkosen, sie zum Leben zu erwecken und in ein Liebesspiel zu verwickeln …“
Der Autor vermittelt in seinem Roman ein atmosphärisches Bild von der Geschichte der Karibikinsel, von Sklaverei und Rebellion, vom beklemmenden Lebensgefühl im Exil und (falscher) Freundschaft und Verrat. Gleichzeitig deckt er erstaunliche Parallelen im Leben der beiden Schriftsteller auf. Denn obwohl sie 150 Jahre trennen, haben sie doch vieles gemeinsam. Beider Leben sind vom beunruhigenden Lauf und ewigen Wiederbeginn einer gewalttätigen und freiheitsbedrohenden Geschichte durchdrungen.
Beide Schriftsteller müssen ihre Eigenständigkeit und politischen Widerstand mit vielen Jahren des Exils bezahlen, beide werden von ihrem nächsten Umfeld verraten: Heredia als Mitglied der Unabhängigkeitsbewegung gegen Spanien, der er sich aus idealistischen Motiven anschließt. Seiner Festnahme kann er sich nur durch die Flucht in die USA und später nach Mexiko entziehen. Dort gerät er in die politischen Wirren eines kürzlich unabhängig gewordenen Landes. Mexiko wird auch zu seiner letzten Station, wo er, von einem kurzen Besuch in seiner alten Heimat abgesehen, 1839 verarmt und ausgezehrt von der Tuberkulose 35-jährig stirbt. Zu dichterischem Ruhm sollte er erst viele Jahrzehnte später kommen.
Fernando wird denunziert, weil er angeblich von der illegalen Landesflucht seines Freundes Enrique wusste. Auch ihm bleibt nur der Weg ins Exil. Ihre Sehnsucht nach Kuba und Havanna werden aber beide Schriftsteller niemals los. „Wer die Stadt kennt, wird bestätigen, dass sie ein ganz eigenes Licht besitzt, intensiv und mild zugleich, und eine heitere Tönung, was sie von tausend anderen Städten der Welt unterscheidet.“
Fernando ist seit den Geschehnissen von damals ein Zerfressener. Seine Suche nach dem mutmaßlichen Verräter bestimmt sein Leben. Misstrauisch beäugt er seine alten Freunde, viele nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Jeder könnte es gewesen sein. Erst das Begräbnis ihres alten Professors – und Freimaurers – Dr. Mendoza lässt die Überlebenden des „Club der Spötter“ kurz bevor Fernandos Aufenthaltsgenehmigung endet, wieder näher zusammenrücken: Den zum Alkoholiker gewordenen Alvaro, den Grübler El Negro, den Zyniker Tomas, den zum Schurken umgeformten Conrado und den angepassten Poeten Arcadio. Und die Suche nach dem Verräter findet ein Ende.
Der Dichter erkennt aber auch, „dass sie alle konstruierte Figuren gewesen sind, manipuliert von einem durch fremde Ziele beeinflussten Willen, eingeschlossen in den Grenzen einer präzisen Zeit und eines umgrenzten Raums … Sie waren nichts als Marionetten, gelenkt von höheren Absichten, mit einem Schicksal, das von den Launen der Herren des Olymps abhing …“ Und so kommt Fernando auch mit seinem Leben irgendwie ins Reine, auch wenn, wieder eine Parallele zu Dichter Heredia, seine große Liebe zu einer Frau am Ende unerfüllt bleibt. Und das Manuskript mit seinen brisanten Inhalten?

Über den Autor:
Leonardo Padura, geboren am 9. Oktober 1955 in Havanna, ist einer der meistgelesenen kubanischen Autoren. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen und Interviews. In denen scheut er sich nicht, auch unbequeme Themen aufzugreifen. Wegen „ideologischer Probleme“ wurde er zwischenzeitlich sogar zur Zeitung „Juventud Reblede“ strafversetzt. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus „Das Havanna-Quartett“ (eine TV-Serie mit Antonio Banderas als Ermittler Mario Conde ist in Vorbereitung). Zu seinen weiteren erfolgreichen Büchern gehören u.a. „Der Mann, der Hunde liebte“ und „Ketzer“ (beide im Unionsverlag erschienen). Mehrmals wurde der Autor mit dem spanischen „Premio Hammett“, 2012 mit dem kubanischen Nationalpreis für Literatur ausgezeichnet. Im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Kategorie Geisteswissenschaften und Literatur. Leonardo Padura lebt auf Kuba.

Unionsverlag, Leonardo Padura: „Die Palme und der Stern“, Roman, 458 Seiten. Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein

www.unionsverlag.com

Wien, 13. 8. 2015