Steven Galloway: Der Illusionist

August 10, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mann, der Harry Houdini ermordete

Der Illusionist von Steven Galloway

Der Illusionist von Steven Galloway

Die Fakten sind in der Regel enttäuschender als die Fiktion. Noch enttäuschender ist nur, wenn sich die Fiktion von Fakten erschlagen lässt. Steven Galloway hat es geschafft, einen Roman über Harry Houdini zu schreiben, dem es in jeder Hinsicht an Zauber fehlt. Das ist zugegeben große Kunst. Aber wer will das lesen? Dabei hatte es unter dem Titel „Der Illusionist“ eigentlich gut angefangen. Wohl weil es schon ausreichend Bücher von und über Houdini gibt, führt Galloway einen Erzähler ein, Martin Strauss, der vorgibt, den Entfesselungskünstler ermordet zu haben. Zwei Mal. Erst mittels Bauchschlag (der den akut entzündeten Blinddarm zum Platzen brachte und den tatsächlich der Student Jocelyn Gordon Whitehead Houdini 1926 in Montreal versetzte). Dann mittels Pistole. Zu diesem Zeitpunkt ist man aber schon so oder so niedergestreckt, dass einem Punch oder Peng wurscht ist.

Strauss leidet an Konfabulation. Konfabulierende sind Menschen, die objektiv falsche Dinge erzählen, in der festen Überzeugung, dass sie wirklich genau so geschehen sind. Strauss wird den Verstand verlieren. Seinen schönsten Moment hat das Buch ergo gegen Ende, als Strauss‘ und Houdinis Egos immer mehr verschwimmen, bis dem alten Mann klar wird, dass seine Lebensbeichte Alice Weiss, seiner unehelichen Tochter, und natürlich nicht Alice Weiss, der ehelichen Tochter des (kinderlos gebliebenen) Illusionisten mit dem bürgerlichen Namen Weiss gilt. Strauss scheint ein ziemliches Schwein gewesen zu sein. Alle seine Versäumnisse, Übertretungen, Unmenschlichkeiten tarnt sein Hirn unter dem Vorwand, er hätte ja Houdini … und seither wären dessen Publikum wie die Polizei hinter ihm her. Ein Leben auf der Flucht. Allerdings vor sich selbst. Vor jeglicher Verantwortung. Strauss ist 1947 geboren. Und wird schließlich vom Krankenpfleger aus dem Freibereich zurück ins Innere des Hospitals gebracht. Was hätte Galloway daraus nicht kreiieren können? Doch er bleibt unentschlossen. Als hätte er eine gute Idee gehabt, bei deren Ausformulierung aber w. o. gegeben. Vielleicht wegen zuviel Ehrfurcht vor dem Gegenstand der Betrachtung.

Galloway klebt an Houdini. Zugegeben, der Autor hat akribisch recherchiert. Wie ein Wikipedia-Eintrag – sprachlich ebenso uninspiriert; die Magie der Worte hat sich Galloway offenbar nicht erschlossen – liest sich sein Abarbeiten an biografischen Daten, Houdinis Freund-, später Feindschaft mit Sir Arthur Conan Doyle, sein Kampf gegen die Spiritisten, die Mutmaßungen, Houdini sei Spion gewesen, die Gerüchte angesichts seines Todes, seine komplizierte Ehe mit Bess, seine Affären, sein Jähzorn, seine beinah ödipale Mutterliebe … Galloway lässt der eigenen Fantasie keinen Raum. Und er lässt Houdini nicht leben. Der schillernde Unsympath bleibt ein Scherenschnitt. Statt seine Figuren auszuformen, erklärt Galloway lieber, wie handwerklich einfach Houdinis genial ausgeklügelte Tricks, das Entkommen aus der gigantischen Milchkanne und später der legendären „Chinesischen Wasserfolterzelle“, funktionierten. Oder, wie er Elefantin Jennie auf der Bühne verschwinden ließ. Spiegeltrick, eh klar.

Über den Autor:
Steven Galloway wurde 1975 in Vancouver, Kanada, geboren. Er lehrt Creative Writing an der University of British Columbia und hat bisher vier Romane publiziert. „Der Cellist von Sarajevo“ war ein internationaler Bestseller, erschien in dreißig Ländern, kam u.a. auf die Longlist des Scotiabank Giller Prize und des IMPAC Dublin Literary Award, auf die Shortlist von Richard & Judy’s Best Read of the Year sowie des Ethel Wilson Fiction Prize. Galloway lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in New Westminster, British Columbia.

Luchterhand, Steven Galloway: „Der Illusionist“, Roman, 352 Seiten. Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz

www.randomhause.de/luchterhand

Wien, 10. 8. 2015