Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt

August 4, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Geschichte(n) der Grande Nation

Die französische Gesellschaft ist selbst der Historiker, ich kann nur der Sekretär sein. Honoré de Balzac

Paris von Edward Rutherfurd

Paris von Edward Rutherfurd

Am Ende der mehr als 900 Seiten ist man beleidigt. Erstens, weil das Buch schon aus ist. Zweitens, weil Edward Rutherfurd dem Jahr 1968 nur einen knappen 12-Seiten-Epilog widmet. Paris. 1968. Da hätte man mehr erwartet. Daniel Cohn-Bendit sicher auch. Revolution aber findet bei Rutherfurd an anderer Stelle statt. 1789. Zum Beispiel. Und die De-Gaulle-Schelte hat anno Kapitel XXVI ihren Platz. Das war nun das berüchtigte cheveu dans la soupe 😉 Denn der Meister des Monumentalepos, London und New York erprobt, erweckt Paris in seinem Werk eindrucksvoll zum Leben. Tausendfach besungen, erträumt, geliebt. Die Stadt der Gelehrten und der Heiligen. Ein Druckkochtopf voll lasterhafter Sinnenfreuden. Und beispiellos blutig.

Sechs Sippen begleitet Rutherfurd von 1261 bis ins Jahr der Studentenunruhen. Ihre Schicksale sind miteinander und mit dem Schicksal Frankreichs verwoben. Da ist die vom Verbrecherkönig Rouge Gorge abstammende Familie Le Sourd, die seit der Niederschlagung der Pariser Kommune einen Rachefeldzug gegen die adeligen De Cygnes führt. Man wird schließlich in der Résistance Seite an Seite kämpfen. Da sind die Kaufmannsfamilien Renard und Blanchard. Zweitere werden erstere vor der Bartholomäusnacht warnen; die Hugenotten-freundlichen Füchse flüchten und kehren Jahrhunderte später als britische Rechtsanwälte namens Fox zwecks Heirat mit einem Blanchard-Mädchen zurück. Da sind Thomas und Luc Gascon, Gossenbrüder, Hinterhofkinder des Montmartre. Einer wird am Bau des Eiffelturms beteiligt sein, einer zum Strizzi werden, einer Mitglied des Widerstands, einer Nazi-Kollaborateur. Einer wird den anderen töten. Und da ist Jacob Ben Jacob, dessen Nachfahren Jacob, der Antiquar, und Jacob, der Kunsthändler, wie er selbst Verfolgung leiden. Die Blanchards sind ihre Freunde, ebenso wie ihre besten Kunden, die De Cygnes. Von den Gascons droht – no na – Unheil … Rutherfurd lässt nichts aus. Es gibt uneheliche Kinder, die Bordellbesitzerinnen werden, es gibt uneheliche Kinder, die zum Universalerben avancieren – und natürlich sind sie miteinander verwandt. Die Sprösslinge nach Kanada und in die USA ausgewanderter Verwandter tauchen auf. Und ein ganzer Sack voll real existiert habender Personen. Als eine Art Zierleiste.

Weder die Washington Post noch der britische Telegraph behandelten „Paris“ besonders freundlich. „An epic snooze“ nannten die einen den Generationenroman, während die anderen meinten, er sei “a book in which style, character and plot are blithely sacrificed on the altar of trivia with every turn of the page.” Das ist so nicht richtig. “Paris. Roman einer Stadt“ ist einfach ein Buch, in dem es leicht fällt, sich häuslich einzurichten. Liebe Mutter, habe Quartier bezogen im Quartier … Die Figuren – zumindest die moralisch einwandfreien und die zur Katharsis bereiten– sind bald Freunde. Rutherfurd versteht es vortrefflich ihre Geschichten mit Geschichte zu verbinden. Und wendet dabei selbstverständlich den ganz fiesen Autorentrick an: Er erzählt nicht chronologisch. Gerade also, wenn’s um das Leben von XY im Jahre Schnee zu bangen gilt … das zwingt zum Weiterlesen. Rutherfurds Sprache ist schön, melodisch, sie fließt ruhig über die Seiten (wie die Seine durch die Stadt, möchte man an dieser Stelle schreiben und tut es dann doch nicht, oja, muss sein). Das steigert das Vergnügen. Wie die Tatsache, dass seine akribisch recherchierte Arbeit für Antworten in Quizsendungen bis zu Smalltalkthemen für Partys so ziemlich jedes erforderliche Wissen liefert. Was Anekdoten betrifft ist Rutherfurd Auto(r)erotiker. Wissen Sie, woher das Wort Bistro stammt? Haben Sie etwas zum Personenkomitee zur Erhaltung des Reiterstandbilds Karls des Großen neben Notre Dame zu sagen? Eine Ahnung, in welchem Winkel die Füße des Eiffelturms zur ersten Plattform emporragen – und was das punkto Statik zu bedeuten hatte? Eben. Rutherfurd lesen! Er breitet die Stadt vor Ihnen aus.

Übrigens: Einen Fehler hat sich der Schriftsteller erlaubt. Im Buch besucht Hemingway am 21. Juli 1924 die Olympischen Spiele in Paris. In Wahrheit brach er am 25. Juni nach Pamplona auf und kehrte erst am 27. Juli zurück. Steht hier nur für den Fall, dass Sie’s bei der nächsten heißen Hemingway-Diskussion in die Runde werfen wollen …

Über den Autor:
Edward Rutherfurd, 1948 in Salisbury geboren, studierte in Cambridge und Stanford und lebt heute in New York. Seine Romane „Sarum“ (1990), „London“ (1998), „Der Wald der Könige“ (2000), „Die Prinzen von Irland“ (2005) und sein großer New-York-Roman „Im Rausch der Freiheit“ (2012) wurden internationale Bestseller.

Blessing, Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt, 928 Seiten. Aus dem Englischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn.

www.randomhouse.de/blessing/

www.edwardrutherfurd.com/paris.html

Wien, 4. 8. 2015