Kojo Laing: Die Sonnensucher

August 3, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Eine Stadt im Umbruch

LaingCoverFürGrid-207x300Beni Baidoo ist für viele ein Narr, aber auch einer der letzten Weisen einer Stadt, die im Umbruch begriffen ist. Dort, wo noch alte Mythen und Legenden vorherrschen, andererseits die Moderne aber auch langsam Einzug hält. „Im Busch gleich hinter Accra, diesem Busch, den eine Handvoll wilder Perlhühner mit ihren Schreien aufwühlte, saß Beni Baidoo.“ So beginnt Kojo Laings großartiger Roman „Die Sonnensucher“ über die ghanaische Hauptstadt, ihren Weg zur Metropole, und die dort lebenden Menschen, die, jeder auf seine Art, einzigartig sind. Seine Protagonisten sind Suchende, teilweise orientierungslos. Visionen für die Zukunft haben sie kaum und leben in den Tag hinein. Einer dieser bunten Vögel, Beni, hat allerdings einen großen Traum: Er möchte ein eigenes Dorf gründen, ein kleines Paradies schaffen. Dafür reitet er auf seinem Esel durch die Stadt Accra, sammelt Spenden und hält Ausschau nach Damen, die sich zu Müttern vorkolonialer Nachkommen eignen.
Kojo Laings mitreißendes und mosaikartiges Bild einer Metropole und ihrer Bewohner ist der erste afrikanische Großstadtroman. Er steht im Spannungsfeld von westafrikanischer Erzählkunst und europäischer Moderne. Der Autor präsentiert dem Leser eine Vielzahl exzentrischer Charaktere – vom wirren Beni, dem von seiner Frau verlassenen Vater, der mit seinem Sohn und Enkel zusammenlebt, bis zum Bischof, der sich endlich zur Heirat durchringt – und führt durch das quirlige Leben von Accra im Ghana der 70er-Jahre, das politisch durch die Abfolge zahlreicher Militärregierung gekennzeichnet ist. Gesellschaftliche Stagnation und wuchernde Korruption breiten sich aus, ein tiefer Fall aus der Euphorie der ersten Jahre nach der Unabhängigkeit 1957.
Diese Zeit bietet auch allerlei Spielräume für Ganoven: Da ist der gierige Dr. Boadi, der versucht, zwei Rennpferde als Ackergäule getarnt durch den Zoll zu schmuggeln; als die Tiere ausbrechen, fällt der Betrug zwar vielen Augenzeugen auf, doch nur einer lässt sich sein Schweigen nicht erkaufen.
Aus den vielen Geschichten entsteht eine faszinierende, farbintensive Gesellschaftsparabel einer afrikanischen Metropole sowie die Bestandsaufnahme eines Landes im Umbruch. Laing spart aber auch nicht mit Gesellschaftskritik. Die ehemaligen kolonialen Machthaber wurden durch eine Klasse korrupter und machtgieriger Politiker ersetzt. Charakteristisch dafür ist die Szene, in der eine Demonstration damit endet, dass alle Teilnehmer von der Polizei zum Essen eingeladen werden, ein Angebot, das bereitwillig angenommen wird. Glückliche Paare gibt es keine. Beziehungen sind meist schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Die Fragmentierung der Gesellschaft macht auch vor der Familie nicht halt. Frauen, die ihren Männern zu alt geworden sind, werden verstoßen.
Und so ist der Roman zwar Satire und über weite Strecken komisch, auf der anderen Seite zeigt er jedoch auch die zerrissenen Seelen. Sie stehen zwischen zwei Welten und wissen nicht, wohin sie gehören, wie die Stadt Accra selbst, die einerseits noch Dorf ist, aber auch schon zur Mega-City heranwächst. Bezeichnend für viele Städte des afrikanischen Kontinents. Für Ilija Trojanow ist „Die Sonnensucher“ „ein Versuch, das brodelnde Chaos der jungen Metropole Accra abzubilden, die Dynamik sowie den Wahnsinn, die Gewinner sowie die Verlierer, geschrieben in den verschiedenen Dialekten der Stadt, von Pidgin bis hin zu kolonial geprägtem Englisch.“ (Dieses Sprachengewirr geht leider etwas in der deutschen Übersetzung verloren, dafür trifft Thomas Brückner die blumige, poetische Sprache Laings perfekt). Mit all seinen Facetten und Handlungssträngen, die ineinanderlaufen, entsteht so etwas wie eine Nacherzählung des Turmbaus zu Babel, und wenn eine der Protagonistinnen scheinbar durch die Lüfte fliegt und das Leben von oben betrachtet, wird alles zu einem niemals enden wollenden Hexensabbat.
Ein Danke an die Edition Büchergilde, die diesen Roman wiederentdeckt hat.

Über den Autor:
Kojo Laing wurde 1946 in Kumasi (Ghana) als ältester Sohn des anglikanischen Pfarrers George Ferguson Laing und Darling Egan geboren. 1968 schloss er seinen Master an der Universität von Glasgow in Geschichte und Politikwissenschaft ab, 1969 heiratete er und ging mit seiner Ehefrau nach Ghana zurück. Kojo Laings Arbeit umfasst bis heute vier Romane und einen Gedichtband. Seine Arbeit beschränkte sich ursprünglich auf Dichtungen, so dass erst 1986 sein erster Roman „Search Sweet Country“ (dt. „Die Sonnensucher“), erschien. Sein zweiter Roman „Women of the Aeroplanes“ erschien 1988 und 1992 „Major Gentl and the Achimota Wars“ und schließlich „Big Bishop Roko and the Altar Gangsters“ 2006.

Edition Büchergilde, Weltlese, Band 14, Kojo Laing: „Die Sonnensucher“, Roman, 544 Seiten. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Mit einem Nachwort von Ilija Trojanow

www.edition-buechergilde.de

Wien, 3. 8. 2015