ImPulsTanz: Performance von Christine Gaigg

August 3, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung „untitled (look, look, come closer)“

Bild: ©eSel.at

Bild: ©eSel.at

netzzeit zeigt in einer Koproduktion mit ImPulsTanz und 2nd nature eine Performance von Christine Gaigg zu Kompositionen von Klaus Schedl vom 12. – 15. August im 21er Haus. „untitled (look, look, come closer)“ ist ein Stück über Kriegsberichterstattung und Waffengebrauch, über Kommunikation in den sozialen Medien und die damit verbundene Bilderflut. Performance: Alexander Deutinger, Marta Navaridas, Frans Poelstra, Robert Steijn und Juliane Werner.

Wie schon bei „DeSacre!“ (2013) – einer Performance für einen Kirchenraum, in der sie Szenen aus Vaclav Nijinskys Originalchoreografie zu Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ von 1913 mit dem Kunstskandal von Pussy Riots Punkgebet in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vom Februar 2012 zueinander in Beziehung setzte – befragt und analysiert Christine Gaigg das digitale Videomaterial mit analogen, performativen Mitteln und eröffnet damit einen etwas anderen Blick auf die Bilder des Terrors und der Gewalt sowie die alltägliche Umgangsweise mit ihnen. Diesmal verwendet sie für ihre „kunsttheoretische“ Performance kleine Objekte und Figuren. Das Ergebnis ist keine Erklärung des Unerklärbaren, vielleicht aber eine produktive Infragestellung gängiger Interpretationen von Terror und Propaganda sowie verschiedener Reaktionsweisen.

Das 21er Haus ist dafür der Schauplatz: Indem die Szenen in einem Museum für zeitgenössische Kunst stattfinden, in einem Raum der ästhetischen Reflexion, nutzt Gaigg den Genius Loci (vergleichbar der Kirche als Spielort für „DeSacre!“), um sich mit der durchästhetisierten Medienstrategie terroristischer Systeme und Gruppierungen auseinanderzusetzen, die der bildlichen Darstellungen von Göttern und Menschen jegliche Legitimität absprechen, zugleich aber die Zerstörung von Bildern selbst effektiv in Bilder setzen. Charakteristisch für Christine Gaiggs jüngste Arbeiten ist ihr Ansatz, Performance, musikalische Komposition und Text zu einem „Bühnenessay“ miteinander zu verknüpfen. Für „untitled (look, look, come closer)“ schreibt der deutsche Komponist Klaus Schedl, der für seine sich unmittelbar äußernde und assoziativ sowie emotional wirkungsvolle Musik bekannt ist, eine räumlich und zeitlich nach ihrer eigenen Logik fortschreitende Partitur. Auch Schedls Kompositionen speisen sich aus vorgefundenen Materialien, die er der Umgebung ablauscht. Sie entwickeln sich aus den jeweiligen Geräuschen und Klangsplittern und entlang der von ihnen evozierten Struktur. In der Komposition für diese Performance setzt er zudem auf erschreckende, unvorhersehbare Momente, unheilvolle Stille, Bedrohung, Vibration und Pulse. Der wuchtige Sound steht dabei im irritierenden Kontrast zur Fragilität der Spielaktionen, er legt den aufwühlenden Boden für das analytisch-distanzierte Reenactment en miniature.

www.impulstanz.com

Wien, 3. 8. 2015