Theater in der Josefstadt: Am Ziel

März 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andrea Jonassons Verwandlung

in ein Bernhard-Monster

Therese Lohner, Andrea Jonasson Bild: Sepp Gallauer

Therese Lohner, Andrea Jonasson
Bild: Sepp Gallauer

Wie sie’s schon sagt: „Gusswerk“ und „Ende gut, alles gut.“ An diesen paar Silben sind schon etliche Schauspielerinnen gescheitert. Die Jonasson findet dafür unzählbare Stimmen und Betonungen. „Ich bin mehrere“, sagt ihre Figur „Die Mutter“ einmal. Mit scheinbarer Leichtigkeit turnt sich die Mutter aller Monologe durch die Textmassen. Das „Gusswerk“ wird zum Inbegriff für Geld und Macht. Erotisch in gewisser Weise. Die Bernhard-Debütantin ist von der ersten Sekunde an ein Bernhard-Monster. Zänkisch, herrisch, herrlich. Ein böses Weib, ein Schmerzensmensch – und natürlich in der Selbstbehauptung eine große Humanistin. Schmerzensmensch ist nicht so weit hergeholt. Andrea Jonasson hatte einen schweren Unfall, weshalb sie ein Stützkorsett mit Halskrause trägt, den Birgit Hutter mit einem Tuch verdeckt hat. So lässt Regisseur Cesare Lievi seine Protagonistin also auf einem Fauteuil thronen. Die Königin der Manipulation. Feuerrote Haare, rauchige Stimme: Die Primadonna, noch immer bildschön, versteht es, dem zynischen Text Humor einzuflössen. Wie sie sich selbst Cognac.

Seit zwanzig Jahren fahren Mutter und Tochter am gleichen Tag nach Katwijk ans Meer, aneinandergefesselt in gegenseitiger Abhängigkeit.
Doch in diesem Jahr wird es anders sein. Ein dramatischer Schriftsteller wird sie begleiten und das gemeinsame Ritual von Mutter und Tochter brechen. Die etablierte Sicherheit der Mutter wird durch den Gast, den Eindringling, gefährdet.

Denn vor einem riesigen Schrankkoffer sitzt Therese Lohner als Tochter und packt. Während die Beleidigungen, Schimpfreden und Schmähgesänge nur so auf sie niederprasseln. „Mein Mann (der Gusswerk-Besitzer, Anm.) war ein Monster“, „Mein Sohn war ein Krüppel“,  „Meine Tochter ist lebensunfähig“. Diese Witwe hat ihre Tochter zur Haushaltsgehilfin degradiert; Therese Lohner spielt sie grandios als wundersam hilfloses, vorwiegend von ihrer festen Flechtfrisur zusammengehaltenes Mädchen. Lohner ist in ihrer meist stummen Unterwerfung kongenial. Beklemmend ausdrucksstark als ältliche, gedemütigte, grantig einherschlurfende Tochter. Wenn jedoch die Rede auf den Dramatiker kommt, der sie zum Haus am Meer begleiten soll, glaubt man beinahe, so etwas wie ein Gefühl der Erwartung in ihrem Gesicht zu erkennen, aber die Mimik ist so sparsam, dass dieser Eindruck auch Einbildung sein könnte. So schön wird eine Hässliche selten gespielt. Lohner ist fantastisch im Minimalismus.

Bleibt der dramatische Schriftsteller – Christian Nickel -, ein „Anarchist“ des Geistes, wie Bernhards eigener Großvater Johannes Freumbichler, der sich für die Tochter interessiert und für sein Stück „Rette sich, wer kann“ gefeiert wird. Was die Mutter veranlasst zu gurren und zu flirren und zu flirten. Nichts für Tochter! Aber auch gar nichts. Und überhaupt nichts für das Dienstmädchen Martina Ebm. Es geht jetzt angeblich sogar um Kunst, Natur, das Leben. Die Dame friert, das Meer rauscht, der Dichter lässt sich bewundern, das Mädchen beobachtet, die Tochter packt aus. Christoph Nickel brilliert da als verunsicherter, ungeschickt seine Teetasse balancierender Nachwuchsautor, der seine gesellschaftskritischen Prinzipien im Wissen um deren Folgenlosigkeit verteidigt und – wie Bernhard – mutig immer in die „entgegengesetzte Richtung“ geht. Mit dem Hinweis, dass gerade das „Scheitern“ der „wesentlichste Gedanke“ sein muss. Er ist wie ein Hündchen, das diesen Untoten zugelaufen ist und sich fürchtet. Nickel schwankt zwischen dem Begehren für die Tochter und einer uneingeschränkten Bewunderung für die Mutter. Ganz dem Textbuch folgend.

Wie komplex Thomas Bernhards Stücke sind, wird am deutlichsten, wenn man sie als das nimmt, was sie sind: als virtuos-melodiöse Sprachkunstwerke von ironischer Schärfe. Und das macht der italienische Regisseur Cesare Lievi. Er vertraut dem Text und seinem Team. Das Ergebnis: unbedingt sehenswert!

www.josefstadt.org

Wien, 13. 3. 2015