Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

www.volkstheater.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech

Wien, 28. 2. 2015