TAG: Faust-Theater

Februar 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Unbeschreibliche, hier wird’s getan

Faust und Auftragsarbeiter Mephisto: Julian Loidl, Jens Claßen Bild: Fotocredit © Judith Stehlik.

Faust und Auftragsarbeiter Mephisto: Julian Loidl, Jens Claßen
Bild: Fotocredit © Judith Stehlik.

Die witzigsten Szenen sind, wenn sich Intendant, Autor und Regisseur zur dramaturgischen Sitzung treffen. Einmal als Vorspiel auf dem Theater, einmal in Auerbachs Keller. Jeder zerrt und zurrt. Der Dramatiker will Kunst machen, der Theaterdirektor Kasse, der Regisseur will Kracher. Das Publikum soll fürs Theater bluten, sagt der eine. Er wolle Schauer, Kitsch und falsche Briefe, nur nichts Postdramatisches, sagt der andere. Und der dritte: Er brauche Sex und Stöhnen im Plot – ergo eine Frau. Gernot Plass hat es gewagt. Nicht nur, sich an DEM Werk aus der Geheimratsfeder zu vergreifen, sondern sich selbst auch noch als Triade reinzuschreiben: als Autor, Regisseur und künstlerischer Leiter des TAG. Er macht sich mit Goethes „Faust“ ein Theater, weshalb das Ganze „Faust-Theater“ heißt. Kein neues Stück. Mehr ein neuer Dialog, der sich wie eine dünne Folie über das Welttheater legt. Für die Theaterwelt von heute. Sich im strebenden Bemühen verbeugend. Der Schöpfung, wie der Schöpfer, gleich nah und gleich fern. Das ist Quanten- und Metaphysik in einem. Und, ach ja, der Intendant, der Regisseur und der Autor sind auch noch Gott, Mephisto und Engel. Plass verwendetwandelt die Germanistenschatzkästleinzitate: Wenn ich zum Augenblicke sage, stop! Es wird umgeendet auf Teufel, komm raus: Es war ein König – Mensch, mir fällt der Text nicht ein!

Das Publikum lacht und flüstert den Originalvers mit. Doch es heißt: Kein Pardon für Alexandriner und Alliteration. Die Schauspieler, die bis auf Julian Loidl als Faust in mehrere Rollen schlüpfen, sind so großartig wie Text und Inszenierung. Ein Abend als Gesamtkunstwerk. Es wird an nichts gespart, auch nicht an Four-Letter- Words. Kaum fragt sich Loidl-Faust, der populäre Fachidiot im Strickjackerl: Warum bin ich geschlagen mit IQ?, kommt auch schon der Pudel mit Jesustattoo, der seinen Kern rasch freilegt. Er ist Fausts Geist, den der verneint. Bewusstseinserweiternde Tränke waren davor im Spiel. Jens Claßen spielt seine Rolle mit aller Kunstfertigkeit. Er ist der Höhepunkt (zu dem er Faust verhelfen will) des Abends. Teils angewidert, teils erheitert von der Menschheit, ein böser Clown, ein Knecht, dem nichts Unmenschliches fremd ist, der lacht und springt und immer ein Ass im Ärmel hat. Nur gegen Georg Schuberts köstlich-geile Marthe – in Pink mit Perlenkette – geht ihm der Schmäh aus. Des Teufels Vergewaltigung. Dabei will er im tragischen Satyrspiel doch den Faust lehren, dass das beste Stück nicht nur zum Lulumachen gemacht ist … Und der kommt ja dann auch noch mit Jungfrau zum Kinde. Loidl, nun junger Yuppie im schwarzen Businessanzug, wird vom stubenhockenden Gelehrten zum triebgesteuerten Blackoutler. Was er noch verfluchen wird.

Raphael Nicholas stirbt als Valentin einen einwandfreien soldatischen Tod; Margarethe (Elisabeth Veit) landet statt im Gefängnis im Irrenhaus. Dabei ist sie eigentlich nur die Praktikantin, die das verlangte viele Blut wegwischen sollte. Mit dem sie nun, wahnsinnig in ihrem Schmerz, besudelt ist. Die Darsteller begeben sich zum Ausgang. Ende? Nicht der Diskussion. Brauchen wir den zweiten Teil. – Nein, bitte nicht. Faust wird von Direktor-Gott Schubert, Mephisto-Regisseur Claßen und Autor-Engel Nicholas eingeweiht, dass alles nur Theaterdonner war. Abgang. Ende? Nein, denn Mephisto kommt zurück und ködert Faust mit der Tragödie zweitem Teil. Endlich Wissenschaftlichkeit! Das muss Faust lesen und den Fachkollegen zeigen …

Der Trieb, dem Schöpfer gleich zu werden. Der Hochmuth erbt sich fort auf Erden,

Dafür sorgt meine Muhme, die Schlange, Es bleibt hier alles im alten Gange.

Im Zuschauerraum saßen einige höchst amüsierte Schulklassen. Mit solchen Produktionen macht man junge Menschen zu Theaterverrückten. Genau das brauchen wir.

http://dastag.at

Trailer: https://vimeo.com/114223594

www.mottingers-meinung.at/gernot-plass-im-gespraech