Joachim J. Vötter im Gespräch

Februar 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar spielt „Yorick stirbt“

Joachim J. Vötter Bild: Ernst Binder

Joachim J. Vötter
Bild: Ernst Binder

Der Dramatiker Joachim J. Vötter hat in seiner neuen Komödie „Yorick stirbt“ dem Wiener OFF-Theater-Star Hubsi Kramar eine Rolle auf den Leib geschrieben. Die Rolle des Theaterdirektors, der genug hat vom Theater,  ist auch eine Hommage an seinen langjährigen Freund und Förderer. Den Dichter spielt Markus Kofler, den Schauspieler Daniel Doujenis. Beide sind mit kryptischen Botschaften ins Theater bestellt worden, ohne wirklich zu wissen, wozu sie gebeten sind.

„Ich möchte die Herren daran erinnern, dass wir uns hier eingefunden haben, um die Welt zu Kleinholz zu machen und nicht, um uns zu verbrüdern!“, schnauzt der Direktor die beiden an und befiehlt ihnen, ihm beim Zertrümmern des Bühnenbildes zu helfen. Ein letztes Mal gibt er im Foyer seine Paraderolle als Adolf Hitler. Bevor der rote Vorhang fällt, holt er den Totenschädel aus dem Fundus, um Auge in Auge zu resümieren: „Ein Hauch von Leben rührt sich in dem weiten Dunkel. Wo die Gestirne unbeirrbar Jahrmillionen Jahre standen, bestaunen mich an ihrer Stelle Augen, um das an mir zu suchen, was Hamlet einst an dir gesucht: das entwichene Leben des geliebten Narren, auf dessen Rücken er als Kind wohl tausend Male ritt.“

Ernst M. Binder vom dramagraz inszeniert, einem Spezialisten für zeitgenössische Dramatiker, der an die 70 Theaterstücke uraufgeführt hat – darunter Texte von so renommierten Autoren wie Peter Handke, Elfriede Jelinek, Einar Schleef, Werner Schwab oder Gert Jonke; die Uraufführung findet am 2. März in Graz statt, Wien-Premiere ist am 16. März. Joachim J. Vötter im Gespräch:

MM: Wie kam Ihr Stück „Yorick stirbt“ zustande? Es ist sehr den momentanen Lebensumständen Hubsi Kramars angepasst: Er wollte nicht mehr Theaterdirektor sein, sondern „unter Obstbäume“ ziehen …

Joachim J. Vötter: Richtig. Als ich den Stückauftrag von Ernst Binder vom dramagraz bekommen habe, habe ich mich erst an anderen Stoffen versucht. Und einmal bin ich, nach einem Telefonat mit Hubsi, mitten in der Nacht aufgewacht und dachte daran, was alles passiert ist: Dass wir wirklich ein Theater, das 3raum, geschlossen, unser gemeinsames Bühnenbild in Form von großen Weltkarten zerlegt haben. Die derzeitige Wirtschaftkrise, die Weltverhökerung, das trifft unsere Situation im Stück ziemlich genau.

MM: Der Theaterdirektor …

Vötter: … ist sehr nahe an der Person Hubsi Kramar. Inklusive „Hitler beim Opernball“ oder Jesus Christus aus seiner Reihe „Dr. Helmut Zilk im Gespräch mit …“ Das gehört alles zu ihm. Aber: Nach 40 Jahren Theater habe ich absolutes Verständnis dafür, wenn sich einer einmal etwas zurückziehen möchte. Die Figur ist, wie Hubsi Kramar, eigentlich sehr heiter. Ich habe es erlebt, wie Hubert erblüht ist, nachdem die Last, Theaterdirektor zu sein, die er ja nie haben wollte, von seinen Schultern gefallen ist. Er entstieg wie Phönix aus der Asche und ist sehr entspannt. Und er hört ja nicht auf, Regie zu führen oder zu spielen.

MM: Welche Aufgabe haben die Figuren des Autors und des Schauspielers?

Vötter: Für die ist ein Theater zu verlieren, der Verlust von einem Stück Heimat. Der Schauspieler tut sich leichter, hat Engagements da und dort. Der Dichter ist trauriger. Wie’s in meinem Fall wirklich war. Sie reden lange um den heißen Brei herum, können sich nicht aufraffen, anzufangen, ihr geliebtes „Weltbild“ zu zerstören – und beginnen dann als erstes am Sessel des Theaterdirektors zu sägen, nicht nur sprichwörtlich, während nebenan die Abschiedsparty voll im Gang ist.

MM: Sie schreiben gerne Trilogien. Der Beginn der neuen wäre „Der Kopf im Rachen der Natur“ gewesen, in dem der Dichter tot ist und seinen Bruder, den Erben, nicht vom Reichtum im doppelten Wortsinn seines Wortschatzes überzeugen kann. Gibt’s einen Konnex?

Vötter: Ja. In „Kopf im Rachen der Natur“ ist der Dichter verschollen, wurde für tot erklärt, in „Yorick“ verlässt er das sich schließende Theater, voller Ideen im Kopf, um im nächsten, „Was wollen denn alle von Shakespeare?“, als Hauswart und Gärtner in Steinhof wieder aufzutauchen, an der Seite von August Strindberg. Es gibt da schon einen Faden, der die drei Stücke zusammenhält. Hubert sucht schon nach Möglichkeiten, es umzusetzen.

MM: Ihr Zusammentreffen mit Hubsi Kramar war eine Art dramatische Initialzündung. Wie sind Sie aneinander geraten?

Vötter: Ich war bei der Gunter-Falk-Gala in Graz, November 2002. Bei der Premierenfeier haben wir einander kennen gelernt. Ich hatte einen 1000-Seiten-Roman geschrieben, den wollte er unbedingt lesen, und war begeistert. Dann fragte er mich, ob ich fürs Theater schreiben möchte, und ich sagte launig: Das Theater kann mich mal. Und Hubert sagte: Du bist mein Mann. Darauf habe ich das erste Stück geschrieben, „Die Walzermembrane“. Und Hubert sagte: Das geht auf keinen Fall, allein das Bühnenbild und dieser Text … Er wollte nicht, aber die Förderung war schon da. Dann sagte er: Das geht aber nur mit einem herausragenden Schauspieler – und hat den Text Andreas Patton gegeben, in der Hoffnung, der sagt Nein. Andreas war aber ganz angetan, sprach von einem „ungeschliffenen Juwel“. Und so ging es weiter: mit „Schreber – eine Nervenromanze“, „Der Weltintendant“ und „Kopf im Rachen der Natur“…

MM: Ihre Texte sind eine Mischung aus intellektuellem Wortjonglieren, einem Spiel mit Ihrer umfassenden Bildung, Humor und der Schadenfreude am Scheitern der Figuren.

Vötter: Also Schadenfreude entspricht überhaupt nicht meinem Naturell. Ich bin stets solidarisch mit meinen scheiternden „Helden“, die letztendlich dadurch doch eine für sie wichtige Erkenntnis gewinnen, wie die auch immer gelagert sein mag, ich bin kein Moralist. Wenn ich zu schreiben beginne, bin ich sehr ernst bei der Sache, bei historischen Stoffen mit gebührenden Respekt, so wie ich etwa für das letzte Stück die Philosophen des Deutschen Idealismus studierte. Und wenn ich denke, ich habe das im Griff, halte ich mich an die Regel von Günter Brus: „Im eigentlichen bedeutet die Kunst des Schreibens nur, das Talent zu besitzen, die Vernunft so zu verprügeln, dass sie noch knapp am Leben bleibt“. Dabei stellt sich der Humor dann von selbst ein. Ich bin ja auch als Mensch nicht bierernst. Und: Ich bin ein Teamspieler. Die schlussendliche Leichtigkeit einer Aufführung ist den Schauspielern zu verdanken. Wenn deshalb einer bei einer Probe meint: Du, das kann ich so nicht sagen. Über den Satz stolpere ich jedes Mal. Na, dann ändern wir ihn eben. Die Schauspieler sind am Theater das Wichtigste, die halten alles zusammen.

MM: Sie haben ein Architekturstudium abgebrochen, um Autor werden zu können. Sind  von der Liebe zum dreidimensionalen Entwerfen, Gedankengebäude in die Dichtung gewechselt?

Vötter: Ich erlernte die Architektur noch als hochgradig künstlerisches Handwerk, voller Gerüche: Bleistifte, Tusche, Papiere, Farben. In der Mitte meines Studiums kamen die Computer. Damit war das Haptische, das Sinnliche draußen. So wollte ich die nächsten 40 Jahre meines Lebens nicht verbringen. Also ging ich zurück zu Tusche und Papier, zur Sinnlichkeit. Wobei Hubert alle meine Fähigkeiten nützt. Zum Beispiel beim Bühnenbildbauen, nach dem Motto: Endlich ein Autor, der einen Nagel in die Wand bringt (er lacht). Nein, im Ernst: ich bin ja ganz gegen dieses praktische Klischee, dass Autoren oder Geistesmenschen ausschließlich elfenbeintürmisch und lebensunpraktisch sind.

MM: Wenn Sie sich an den Schreibtisch setzen, was inspiriert, was interessiert Sie? Welche Inhalte sprechen Sie an?

Vötter: Ich habe ständig die Fühler ausgefahren. Daraus ergibt sich ein gewisses Reservoir, das ich in Notizbüchern aufbewahre. Und wenn jemand sagt, er hätte gern ein Stück, habe ich schon drei, vier Ideen parat, die ich ausarbeiten kann. Ich bin wie eine Biene, die sammelt, bis dann irgendwann der Honig fließt, oder auch nicht.

MM: Abschlussfrage: ganz was anderes: Auf Ihrer Facebookseite https://www.facebook.com/people/Joachim-J-V%C3%B6tter/100001915348833 ist ein Foto mit Alice Cooper. Wie kam’s dazu?

Vötter: Alice Cooper hat in Graz ein Konzert gegeben. Ich war bei der Pressekonferenz und er hat das Script von „Der Weltintendant“ unterschrieben. War ganz interessiert, worum’s da geht. Ich erzählte von Christoph Columbus. Und er sagte: Oh, I know Chris! Er meinte den Hollywoodregisseur. Ein sehr bewusst gesetzter Witz von diesem Gentleman. Wir haben geblödelt und geplaudert und dann haben wir das Foto gemacht.

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Wien, 20. 2. 2015