Karl Markovics‘ Superwelt

Februar 13, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Gabi trifft Gott, Gott trifft Gabi

Superwelt: Rainer Wöss, Ulrike Beimpold Bild: © Thimfilm/Petro Domenigg.

Superwelt: Rainer Wöss, Ulrike Beimpold
Bild: © Thimfilm/Petro Domenigg

Seine Uraufführung hatte er im Forum der Berlinale, er wird der Eröffnungsfilm der diesjährigen Diagonale sein, im Kino kann man ihn ab 20. März sehen: Karl Markovics‘ „Superwelt“. Inhalt: Eine Kleinstadt südöstlich von Wien. Gabi Kovanda (Ulrike Beimpold) führt dort ein ruhiges Leben zwischen Familie und ihrer Arbeit im Supermarkt. Den Alltag haben sie und ihr Mann Hannes (Rainer Wöss) fest im Griff. Tochter Sabine ist bereits ausgezogen, Sohn Ronnie absolviert gerade seinen Bundesheerdienst; er wohnt noch zu Hause, aber auch er ist bereits auf dem Sprung. Obwohl Gabi wie gewohnt den Haushalt schupft und ihren familiären Pflichten nachkommt, ist plötzlich irgendetwas ganz anders. Nach einer Trainingsstunde mit den Frauen in der örtlichen Turnhalle, wird sie auf der Straße von etwas eingeholt. Es ist nicht zu sehen und nicht zu hören. Nicht für die anderen. Nur für Gabi ist sie da, die Stimme. Zu Hause scheint alles wieder normal: Hannes kommt von der Arbeit, sie unterhalten sich über die kaputte Waschmaschine und den vergangenen Tag. Aber als Gabi später, nach dem Bügeln, den Fernseher ausschaltet, ist da wieder etwas im Raum.

Gabi wird zunehmend aus der Bahn geworfen, sie wird von der Stimme wie von Geisterhand bedrängt. Sie will es nicht wahrhaben, kann mit niemandem darüber reden. Sie sucht nach einem Ausweg, sie kann nicht mehr alleine damit fertig werden, will sich endlich jemandem anvertrauen. Zuerst versucht sie das auf quasi neutralem Boden an der Autobahntankstelle, wo Helli aus dem Aerobic-Kurs arbeitet. Aber noch schafft sie es nicht, sich zu öffnen, immer verzweifelter werden die Ausbruchversuche, immer massiver wird ihr Leben von „der Stimme“ bestimmt. Gabi geht zum Arzt, aber auch dort findet sie keine Erleichterung. Nachts sitzt sie alleine im dunklen Zimmer und verhandelt mit sich selbst. Erst bei einem nächtlichen Spaziergang bricht es aus ihr heraus: „Was wollen Sie von mir? Warum ausgerechnet ich?“, fragt sie den Geist, den Gott, der sie in den Wahnsinn treibt. Am nächsten Tag kommt die Tochter Sabine mit ihrem Mann zu einem Familienessen vorbei. Gabi versucht, ihre Routine weiterzuführen. Aber inzwischen fällt sogar ihrer Familie auf, wie zerstreut und anders sie ist. Die Begegnung mit zwei Zeugen Jehovas lässt für Gabi innere Schranken aufbrechen. Kann sie sich auf ein Gespräch über Gott einlassen, kann man das Unaussprechliche aussprechen?

In dieser Nacht erwacht Gabi, im Garten brennt eine Hecke lichterloh. Sie geht am nächsten Morgen zur Arbeit in den Supermarkt, um wenig später wegzulaufen. Eine Odyssee beginnt. Hannes kann die Vorgänge und Veränderungen nicht akzeptieren. Er versucht, zu Hause den Alltag aufrechtzuhalten, aber schon ein Gespräch mit dem Nachbarn über die verbrannte Hecke hinweg löst eine Eskalation aus. Gabi ist verschwunden, ihr Handy liegt in der Küche. Vorbeifahrende Menschen haben sie auf der Landstraße scheinbar ziellos herumwandern gesehen. Und auch Ronnie sieht seine Mutter zufällig während einer Fahrt im Bundesheer-LKW. Das kann und will nun keiner mehr verstehen. Hannes macht sich auf, Gabi zu suchen. Zunächst wendet er sich an Helli, die er verdächtigt, die Krise bei Gabi ausgelöst zu haben, beging er doch vor ein paar Jahren mit ihr einen Seitensprung, von dem Gabi jetzt vielleicht erfahren haben könnte. Hannes findet das unversperrte Auto, dann auch Gabi. Aber Gabi zieht alleine und rastlos weiter. Sie begegnet auf ihrer Reise vielen Menschen, mit denen sie ins Gespräch kommt: dem Berufsfahrer, der meint, dass sie sich von der Brücke stürzen will; der Hochzeitsgesellschaft, die sie ungesehen in der Kapelle zurücklässt. Ein verheerendes Gewitter zieht über die Landschaft hinweg. Gabi ist in großem Aufruhr – und endlich folgt die erlösende Stille. Gott lässt sie los, und als Hannes sie findet, ist sie erschöpft, aber auch bereit zurückzufinden: zu ihrer Familie und in ihr Leben.

INTERVIEW MIT KARL MARKOVICS

In Ihrem neuen Film „Superwelt“ geht es um eine Kassiererin, der wie aus dem Nichts Gott begegnet. Wie ist Ihnen diese Geschichte begegnet? Stand wieder ein starkes Einzelbild am Anfang, so wie schon bei „Atmen“?

 Karl Markovics: Ja, das ist bei mir immer so. Ich nähere mich von einer Momentaufnahme an, einem Bild wie ein Filmkader. Entweder ist das eines, das aus meiner Vorstellung erwächst, wie bei „Atmen“, oder das einer realen Situation entspringt. Bei „Superwelt“ war das eine Situation im Supermarkt. Die Kassiererin hat einen Moment ohne Kundschaft genutzt, um ihr Laufband mit Allzweckreiniger zu reinigen – und dabei hat sie ins Leere geschaut. Das hat mich gar nicht in diesem Moment so bewegt, sondern erst einen Tag später. Das Alltägliche ist das, was mich am meisten interessiert, nämlich die Frage, was in einem Menschen vorgeht, dem man täglich begegnet. Der tägliche Einkauf ist eine ganz öffentliche und banale Tätigkeit, und dennoch ist das einzig Menschliche in einem Supermarkt die Kassiererin. Das interessierte mich: diese Frau zu porträtieren und sie mit dem Absoluten in Berührung zu bringen, also eine Begegnung mit Gott zu konstruieren.

Ist „Superwelt“ auch eine jener Geschichten, die Sie in der Schublade gesammelt haben, aber bei der Sie den letzten Schritt zur Veröffentlichung nicht gewagt hatten?

Markovics: Das ist eine Geschichte, die sich vorgedrängt hat. Ich hatte schon ziemlich weit an einer anderen Geschichte gearbeitet, aber dann habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit an anderen Stoffen nicht mehr möglich war. Also begann ich mit dem Schreiben an „Superwelt“. Es war dann trotzdem ziemlich schwierig: Als der erste aufgestaute Ruck an Energie weg war, kam so eine Leere. Da wusste ich nicht, wie ich nun mit dieser Geschichte zurande kommen sollte. Aber das sind wohl die üblichen Wellentäler.

Wie ist Gott in diese Geschichte geraten?

Markovics: Dazu kann ich nur sagen, dass das vielleicht das einzige Thema ist, an dem wirklich niemand vorbeikommt. Da fällt mir der Kalauer des deutschen Kabarettisten Hans-Dieter Hüsch aus den Achtzigerjahren ein, der meinte: ,An Gott kommt keiner vorbei, außer Rummenigge.‘ Tatsächlich beschäftigt sich jeder Mensch mit diesem Thema, ob er die Frage des Glaubens nun für sich abhakt oder ob er sich darauf einlässt – man kommt da nicht dran vorbei.

Beschäftigt Sie das persönlich oder eher als gesellschaftspolitisches Thema?

Markovics: Das würde ich schon als sehr persönliches Thema bezeichnen. Wenn es mir begegnet, dann auf eine sehr elementare, existenzielle Weise. Deshalb war da wohl auch der Entschluss zu sagen, ich versuche, darüber einen Film zu machen.

Plötzliche Gotteserfahrungen werden oft in Zusammenhang mit krisenhaften Lebenssituationen beschrieben. Wie verhält sich das bei Ihrer Protagonistin?

Markovics: Ganz naiv formuliert: Wenn es kein Wesen gibt, das an Gott glaubt, dann gäbe es auch keinen Gott. Deshalb ist die Hauptfigur ganz untrennbar mit Gott verknüpft. Mich hat interessiert, wie sich so eine Begegnung bei einem Menschen gestaltet, der grundsätzlich keinen großen Leidens- oder Veränderungsdruck verspürt. Üblicherweise sollte es da ja eine Fallhöhe geben, mit der wir als Zuschauer die Geschichte dieser Figur verfolgen können. Meine Figur hat aber kein Ausgangsproblem, das war mir sehr wichtig. Hier passiert einer vollkommen im Leben stehenden Figur so etwas. Wichtig war mir, dass das nichts Esoterisches hat, in das sie sich flüchtet. Deshalb empfand ich die Supermarktfigur als so passend.

Religion ist ein Topos, der in Filmen auch gerne zur Provokation eingesetzt wird. Bei Pasolini etwa war es quasi die Heiligsprechung des Proletariats, Scorseses „Last Temptation“  wurde als blasphemisch bezeichnet. Wo bewegen Sie sich?

Markovics: Das fällt mir schwer zu sagen, weil ich versuche, keine Botschaft zu transportieren. Ich wollte anhand einer konstruierten Begegnung ein mögliches Verhältnis zu Gott beschreiben. Aber ich wollte nicht meine persönliche Botschaft, meine spezielle Neugier auf diese Figur legen – weder provokativ noch missionarisch. Deshalb fällt mir eine Zuordnung auch schwer. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Leuten auch schwer fallen wird, diesen Film zu beurteilen. Und vielleicht fragen sie sich auch: ,Was ist das jetzt?‘

Das klingt nach einem radikalsubjektiven Entwurf. Geht dieser Frau ihre Umwelt abhanden?

Markovics: Nein, im Gegenteil, ihre Begegnung mit Gott strahlt auch stark auf die Familie aus. Sie ist verheiratet, hat Kinder – ihr Sohn ist Zeitsoldat beim Bundesheer, ihre Tochter führt eine normale Zweierbeziehung mit ihrem Ehemann –, es geht also nicht um eine rationale Loslösung von ihrer Familie. Das ist auch das einzige, was mich wirklich fasziniert: die scheinbare Durchschnittlichkeit eines Lebens, das sogenannte schnell abgehandelte Mittelmaß. Das interessiert kaum jemand, weil es so unsexy und undramatisch scheint.

Sie haben die Geschichte des jungen Burschen in „Atmen“ stark über die Bilder erzählt, mit wenigen konzentrierten Dialogen. Gott als ein Protagonist dürfte auch nicht gesprächiger sein, oder?

Markovics: Im Gegensatz zu „Atmen“ ist „Superwelt“ schon ein stärker dialogischer Film, die Protagonistin spricht gerne mit der Außenwelt. Aber filmisch habe ich nicht so stark auf Bildmetaphern gesetzt: Was man sieht, steht für sich. Ich habe es tunlichst vermieden, den großen Unbekannten, dessen Stimme wir nicht hören, dessen Gestalt wir nicht sehen, von dem man sich laut Bibel und Koran kein Bild machen darf, bildsprachlich einzubringen. Insofern ist der Unterschied zu „Atmen“ schon deutlich.

Sie haben nun zum zweiten Mal Regie geführt. Hatten Sie das Gefühl, nun schon den besseren Blick zu haben?

Markovics: Ich muss gestehen, dass ich beim ersten Film so ein Gefühl hatte, als hätte ich schon immer hinter der Kamera gestanden. Offenbar erlebe ich aber einen verschobenen Lernprozess, weil mir die Arbeit an „Superwelt“ schwerer gefallen ist. Ich merke gerade, wie unendlich schwierig es ist, einen Film zu machen. Nicht, dass ich jetzt drauf komme, wie viel man lernen kann, weil lernen kann man immer viel. Aber mir wurde klar, wie wenige Dinge mir eigentlich bewusst sind – vor mir öffnet sich ein Niemandsland an Möglichkeiten. Deshalb hoffe ich, dass ich auch noch einen dritten und vierten Film realisieren kann. Und dass ich mich dorthin trauen kann, wo ich noch nicht war. Das ist auch das einzige wirkliche Ziel meiner Arbeit, auch als Schauspieler und beim Schreiben: dass man sich auch seiner Hilflosigkeit und Angst stellt, weil man wegen mangelnden Werkzeugs und Erfahrung ganz nackt dasteht.“

Hatten Sie eigentlich früher Regie-Vorbilder?

Markovics: „Eigentlich nicht. Es fiel mir aber auch schwer zu sagen, ob ich gerne am Burgtheater gespielt oder mit einem bestimmten Regisseur zusammengearbeitet hätte. Sofern man mir nicht etwas konkret anbietet, bin ich total hilflos. Ich bin aber gerne hilflos, weil daraus die spannendsten Sachen entstehen. Aus diesem Instinkt heraus hatte ich vielleicht nie große Vorbilder gesucht. Es gibt ganz viele Regisseure, deren Arbeit ich bewundere – wenn ich jemand nennen müsste, dann wäre das, ganz weit ausgeholt, zum Beispiel Terry Gilliam mit seinem Film „Brazil“. Da war ich Anfang 20, der Film hat mich umgeworfen. Oder Ridley Scott mit dem Film „Alien“. Ich nenne diese Filme, damit Sie sehen können, wie ich filmisch sozialisiert wurde. Ich bin da jetzt ganz beim Mainstream und gar nicht bei Eric Rohmer und dem französischen Arthouse-Kino, wie sich das vielleicht gehören würde. Da kam vieles erst später.

www.superwelt.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=TOHIA3dzAic#t=10

Wien, 13. 2. 2015