Theater in der Josefstadt: Der Boxer

Januar 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer die Wahl, Nein zu sagen

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Ehrlich? Es fällt schwer über den Abend etwas zu schreiben. Man ist so zwiegespalten, wie die Inszenierung von Stephanie Mohr, die – nicht nur durch die Pause – in zwei Hälften zerfällt. Die ausgezeichnete Regisseurin hat das jüngste Werk des wunderbaren Dramatikers Felix Mitterer im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Und dennoch fliegt im ersten Teil kein Funke ins Publikum. Mitterer erzählt wie immer eine Geschichte von höchster Wichtigkeit. Über den Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann, dem, weil Sinto, die Nazis den Meistertitel aberkennen. „Wegen undeutschen Boxens“. Das ab sofort Faustkampf heißt. Es folgen Zwangskastration, Zwangsscheidung von der „arischen“ Ehefrau, Fronteinsatz in Russland samt Verwundung, KZ, Schaukämpfe dort, Tod.

Ein Champion im freien Fall Richtung Lehmgrube. Ein Tänzer, dessen Leichtfüßigkeit Frauen rund um den wie Gegnern im Ring die Sinne raubt. Ein arroganter Charmanter, der sich seiner sportlichen Überlegenheit bewusst ist, die Nächte in Jazzclubs bei Champagner verbringt. So frech, dass er sogar als Parodie der „deutschen Eiche“ mit blonder Perücke den Kampfplatz betritt. Rukeli war berühmt dafür, über das oberste Seil in die Arena zu springen, nicht zwischendurch zu „kriechen“. Auf seiner Hose stand stolz „Gypsy“. Stephanie Mohr hat sich das „Drama“, das Theatralische, die Show, Glanz und Glamour des Boxsports nicht erschlossen. Damit beraubt sie Rukeli um eine von Mitterer durchaus vorgezeichnete Farbe seines Charakters. Sie hat den Boxring an den Nagel, heißt an die Wand gehängt. Lässt Sandsäcke runter, die im Gegenlicht wie Geister von Gehenkten hängen, später auch als Tote dienen werden – aber doch nur fürs Schattenboxen gut sind. Andererseits: Zeige einer, wie Boxen am Theater geschmeidig darzustellen sein soll. Um viel mehr schade ist es, dass dieser erste Teil der Geschichte bis inklusive Russlandfront, Besuche bei der Familie, die ihrerseits wieder vom Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle, Dr. Robert Ritter, untersucht wird, im Schnelldurchlauf verhandelt wird. Erst im zweiten Teil, im KZ, wird die Inszenierung so beklemmend dicht, so klaustrophobisch, so „echt“, wie man es von der Mohr erwartet. Ein Kammerspiel, in dem der Wolf von seinem Lieblingshäftling erwartet, sich in seinesgleichen zu verwandeln. In einer Mördergrube, in der der Menschlichste das Menschsein lässt. In diesen Momenten ist Mohrs Arbeit intensiv. Schmerzhaft. Und Gregor Bloéb ihr Schmerzensmann.

Bloéb wächst als Rukeli über sich hinaus, zeigt mehr Nuancen seines schauspielerischen Könnens, als vielleicht jemals zuvor. Ist ein liebendes, liebenswertes, lebenslustiges Mannsbild, dem all das genommen wird, bis er schreit, wie das Vieach, das man aus ihm gemacht hat. Raphael von Bargen ist ihm als Reinhard Wolf sowohl als Boxer als auch später als Lagerkommandant ein ebenbürtiger Gegner/Partner. Wie ein Schießhund hat er sich in seine Beute verbissen, einer, der sich hart antrainieren muss, was dem anderen anscheinend zufliegt. Und der eine eigene Geschichte mit der Lehmgrube hat. Dass ihn am Ende der Wahnsinn umzingelt, ist kein Wunder. Matthias Franz Stein ist Rukelis schmächtiger Bruder Stabeli, der von Auschwitz als Geisel in die Lehmgrube gebracht wird. Sein Leben für einen Boxkampf. Sein Leben für die Entfachung des Überlebenstriebs. Eindrücklich die Szene, in der Rukeli auf einen schon am Boden liegenden Sandsack-Gegner eindrischt, vom Bruder, der dabei aus dem Blechnapf frisst, angefeuert: Mach‘ ihn fertig! Zwei gegen einen, auf den dann der Todesschuss wartet. Friss oder stirb. Eine Glanzleistung legt Peter Scholz als Polizist Heinz Harms hin. Nie weiß man, was man von ihm halten soll. Scholz verkörpert den Typ Mitläufer wie eine Fallstudie. Verzweifelt, aber zweifelt nie an Befehlen. Hat bei aller Leutseligkeit schnell den Knüppel zur Hand. Singt „Komm, Zigan“ aus der „Gräfin Mariza“. Er überlebt. Natürlich. Sie überleben in der Regel.

Dominic Oley ist als Dr. Ritter der Teufel in Menschengestalt, ein freundlich lächelnder Herrscher über Leben und vor allem den Tod. Die Familie Trollmann besteht aus Elfriede Schüsseleder, die als Mutter die Zigeunerbaroninklischees zu tragen hat, während „Vater“ Michael König mit Gamshut sein Deutschtum unter Beweis stellen will. Der ehemalige Burgschauspieler ist ein Gewinn für die Josefstadt. Hilde Dalik spielt Rukelis Frau Olga, Ljubiša Lupo Grujčić seinen Bruder Carlo. Die Trollmanns berichten vom Unberichtbaren in den Worten von Ceija Stojka. Da ist Rukeli schon mehr Jenseits. Sie haben ihn erschlagen, weil er nicht mehr zuschlagen wollte. Keine Hinrichtungen nach von ihm gewonnenen Fights mehr wollte. Er lehrt etwas stets Gültiges: Man kann immer Nein sagen.

www.josefstadt.org

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-RGlaSnb8Oo&feature=youtu.be

www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-und-stephanie-mohr-im-gespraech

BUCHTIPP: Felix Mitterer: Der Boxer, Theaterstück, 104 Seiten, Haymon Taschenbuch, mit einem Nachwort von Marie-Luise Ramos-Farina. Felix Mitterer erzählt Johann „Rukeli“ Trollmanns Lebens- und Leidensweg stellvertretend für den vieler Roma und Sinti, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Wien, 30. 1. 2015