Felix Mitterer und Stephanie Mohr im Gespräch

Januar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater in der Josefstadt: Der Boxer

Gregor Bloéb, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Gregor Bloéb, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Am 29. Jänner wird in der Josefstadt „Der Boxer“ uraufgeführt, Felix Mitterers Stück frei nach dem Schicksal des Sinto-Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann. Im Juni 1933 kommt es beim Boxkampf um den deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht zum Eklat. Johann „Rukeli“ Trollmann, der einer Sinti-Familie entstammt, punktet mit seinem schnellen, für damalige Zeiten ungewöhnlichen Boxstil in jeder Runde. Doch die Jury betrachtet die Leistungen der Kämpfer als ungenügend und weigert sich den Kampf zu werten: Der Boxstil des Zigeuners entspreche nicht dem deutschen Faustkampf. Nur aufgrund massiver Proteste der Zuschauer wird Rukeli Trollmann schließlich doch zum Deutschen Meister ernannt, kurz darauf wird ihm der Titel „wegen schlechten Boxens“ wieder aberkannt. Rukelis vielversprechende Boxkarriere ist unter dem nationalsozialistischen Regime jäh zu Ende, mit blankem Zynismus erinnert man sich ihrer. Im KZ wird Rukeli gezwungen, für die SS gegen andere Häftlinge zu boxen. Wer verliert, stirbt. Rukeli stirbt im Jahr 1944.

Felix Mitterer hat Rukelis – fast vergessenes – Schicksal zum Inhalt seines neuen Stückes gewählt. Rukelis Leidensweg steht dabei stellvertretend für den so vieler Roma und Sinti, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Dazu Felix Mitterer: „Der Boxer erinnert an die ermordeten Sinti und Roma und gibt ihnen und uns einen Helden, der sich von den Nazis niemals unterkriegen ließ, auch wenn sie ihn am Ende töteten. Rukeli lebt.“

Ein Gespräch mit Autor Mitterer und Regisseurin Stephanie Mohr:

MM: Herr Mitterer, Sie haben einen Hang zu Biografien. Wie sind Sie zu der von Johann „Rukeli“ Trollmann gekommen?

Felix Mitterer: Ich bin 2003 durch Medienberichte auf ihn gebracht worden. Da hat man ihm auf Druck der Öffentlichkeit und der Familie posthum den Deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht zurückgegeben. Den hatte Trollmann 1933 gewonnen, doch war er ihm wegen „zigeunerhaften herumtänzelns“ im Ring, also „undeutschen“ Boxens, wieder aberkannt worden. Zum zweiten Kampf erschient Rukeli dann mit blond gefärbtem Haar, weiß angemalter Haut – die Parodie eines Nazi-Faustkämpfers. Dafür wurde er hart bestraft: mit Zwangssterilisation, Fronteinsatz, schließlich KZ Neuengamme, Außenlager Wittenberge, wo er gegen andere Boxer kämpfen musste, damit man seinen Bruder am Leben lässt. Und er musste sich von seiner deutschen Frau scheiden lassen.

 MM: Seine Tochter Rita war noch 2012 in einer Doku zum Thema, konnte aber über ihren Vater nicht viel sagen, weil sie ihn kaum kannte. Haben Sie sie gesprochen? Und: Was wurde aus seiner Frau Olga?

Mitterer: Ich habe mit einem anderen Zweig der Familie zusammengearbeitet, habe mir wie beim „Jägerstätter“ die Zustimmung zu meinem Stück geholt. Das ist mir immer ganz wichtig. Weil es doch Fiktion ist. Ich hoffe, dass ich jetzt, nach der Premiere, mit der Tochter reden kann. Es kommen ja Trollmanns in die Josefstadt. Was aus Olga geworden ist, weiß allerdings keiner. Über das Drumherum gibt es sehr viel Material. Hans Fitzlaff, ein Boxfan aus Hannover, begann schon früh zu recherchieren und Kontakt zur Familie zu knüpfen. Da haben noch einige Brüder gelebt, waren aber natürlich misstrauisch. Einer, Albert, hat Fitzlaff dann alles gezeigt, was die Familie über Rukeli gesammelt hatte.

MM: Sie haben sich die dichterische Freiheit genommen, Figuren einerseits zusammenzufassen: Reinhard Wolf, Boxer, später SS – Obersturmbannführer und Lagerkommandant setzt sich aus den Personen Adolf Witt, Gustav Eder und Ringrichter Albert Luthermann zusammen; dafür ist Dr. Dr. Robert Ritter, wer er war.

Mitterer: Man schreibt einen Film nicht wie ein Theaterstück. Am Theater kann man nicht 20, 30 Darsteller haben. Rukeli hatte allein neun Geschwister. Auch da musste ich welche weglassen. Ich wollte ja generell über die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nazis erzählen, die nach dem Krieg so gut wie vergessen ist. Den Ritter, den Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle, musste ich lassen, wie er war. Ein Teufel in Menschengestalt. War für die Sinti und Roma zuständig hat sie „nach arischen Richtlinien vermessen“, da gibt es Fotos, wo er sie freundlich angrinst, da sicher viele nicht mitgekriegt, was er da eigentlich macht mit ihnen, welche Konsequenzen das haben wird. Es sagte ja gern, er möge die reinrassigen Zigeuner, die leben im Wald am Lagerfeuer, singen ihre Lieder … nur die Vermischung mit dem deutschen Volk wollte er nicht. Da er auch bei Ceija Stojka war, bin ich mir sicher, er war auch bei den Trollmanns. Die Figur Wolf habe ich mir erlaubt. Dafür hat es den Heinz Harms, Polizist bei der „Zigeunerzentrale“ in Hannover, wirklich gegeben. Ständig hin- und hergerissen, weil er erst mit den Trollmanns gern Karten gespielt hat, und sie später in den Tod führen musste.

 MM: Und die Boxer gegen die Rukeli im KZ antreten muss: Kid Francis, Leone Efradi, Victor „Young“ Perez …

Mitterer: Die SS hat aus dem ganzen besetzten Europa berühmte Boxer zusammengeholt. Von Athen bis Rom, um in den KZs richtige Schaukämpfe zu veranstalten. Da wurde um viel Geld gewettet. Wer verlor, wurde erschossen. Das ist auch der Grund, warum Rukeli nicht mehr weiterkämpfen will, damit wegen ihm keiner mehr sterben muss, also bietet er sich ein letztes Mal Wolf als Gegner an … Gegen wen er gekämpft hat, wissen wir nicht. Die Namen der Boxer habe ich aus einem Buch: Hertzko Haft, ein polnischer Jude, wurde erst im KZ wegen seiner Statur vom Aufseher zum Boxer ausgebildet. Er hat Auschwitz überlebt und ging als Harry Haft in die USA, wo er sein Leben als Preisboxer bestritt. Erst auf dem Totenbett hat er seinem Sohn die Geschichte erzählt – und der hat eben ein Buch daraus gemacht.

 MM: Frau Mohr, Sie sind ein eingespieltes Team seit den „Weberischen“. Wie überziehen Sie Felix Mitterers Realismus mit Ihrer eigenen Fantasie?

Stephanie Mohr: Felix schreibt ja immer sehr realistische Regieanweisungen. Ich nehme sie als Zusatzprosaelement, darüber was er sagen will und was er sich denkt. Sie sind für mich eine Folie, eine Grundlage, keine Bibel.

 MM: Seit „Kinder des Teufels“ war kein Mitterer-Stück mehr so brutal. Man schluckt beim Lesen.

Mitterer: Ich war am Schlucken beim Schreiben. Gut, dass Sie das sagen, da ist es mir ähnlich ergangen.

Mohr: Es ist seltsam, wie das Leben manchmal spielt: Ich habe zuletzt Imre Kertész’ „Liquidation“ in Frankfurt inszeniert, bin also schon seit längerer Zeit kontinuierlich mit dem Thema Holocaust befasst. So eine Probenzeit ist eine heftige Zeit. Für alle Beteiligten. Da ist es gut, wenn es Zusammenhalt in der Truppe pflegt, wenn es ein gutes Miteinander gibt, damit man nicht an einen Abgrund gerät.

 MM: Wie „inszeniert“ man Boxen ohne Peinlichkeit?

Mohr: Boxen ist kein theatralischer Vorgang, also dachte ich zuerst über die „sinnlichen“ Elemente nach, die ich mit Boxen verbinde. Nun haben wir auf der Bühne Sandsäcke, werfen Schlaglichter auf das, was passiert. Mit Licht und Ton kann man da sehr viel machen. Den Schauspielern und mir steht der Boxtrainer Ernst Dörr zur Seite, damit Technik, Inhalt und Wirkung nach unten stimmen.

 MM: Wie zeigt man KZ?

Mitterer: Diese Frage beginnt schon beim Schreiben. Wie stellt man KZ, wie stellt man die Hölle dar? Ich habe mir eine Textpassage aus der Filmdoku „Unter den Brettern hellgrünes Gras“ von Karin Berger geliehen, in der Ceija Stojka schildert, wie es in Bergen-Belsen war, nachdem die SS geflüchtet war: Kannibalismus unter den Häftlingen, Leichenberge, sie kriecht als Mädchen in den Körper einer toten Frau, weil sie sich dort geborgen fühlt. Schrecklich.

Mohr: Man kann sich gar nicht anmaßen, ein KZ darstellen zu wollen. Doch darum geht es auch nicht. Es geht um das Zwischenmenschliche, das sich selbst an einem solchen Ort ereignet, um die Verrohung, um die Entmenschlichung. Felix ist ein großer „Menschenschreiber“, ein Schöpfer von vielschichtigen Situationen. Ohne ins Sentiment oder ins Pathos abzugleiten, wirft er einen liebevollen, aber klaren Blick auf alles. Ich denke, das ist die Schnittstelle, wo wir einander treffen, der Grund, warum unsere Zusammenarbeit so gut funktioniert. Den Text von Ceija Stojka werde ich nicht, wie von Felix vorgeschlagen, von einer Mädchenstimme vortragen lassen, sondern ich teile ihn auf Vater und Mutter Trollmann und auf Ehefrau Olga auf. Sie werden wie in einem Traumbild erscheinen. Ich halte das für eine gute Zusammenführung in Rukelis Vorstellung: Ceija und die Familie.

 MM: „Der Boxer“  ist mehr Ensemblestück als „Jägerstätter“. Felix Mitterer hat sie alle, die armen Schweine, die Mitläufer, die Überzeugungstäter …

Mohr: Wir sind schon eine kleine Familie, kennen einander unter anderen aus den Produktionen „Jägerstätter“ oder „Speed“:  Peter Scholz, Matthias Franz Stein, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Lupo Grujcic, Hilde Dalik… Mit Raphael von Bargen arbeite ich seit 15 Jahren, ihn und Gregor zusammen zu bringen ist eine große Freude. Martin Niedermair und Michael König sind „neu“ hinzu gekommen. Michael ist nicht mehr an der Burg, also kann er bei uns dabei sein: Und er ist sofort in den Kreis eingeflossen. Mit seiner Schaubühnen-Vergangenheit ist er ein echtes Ensembletier. Felix Mitterer hat großartige, differenzierte Figuren geschrieben, die wir gemeinsam ausloten konnten.

Mitterer: Wenn ich zur anderen Hälfte der Frage was sagen darf: Wittenberge liegt ja nur eine halbe Stunde von Hamburg entfernt. Hier hat die SS ein altes Klinkerwerk gekauft, um die „Führerstadt“ Hamburg zu erneuern. Dass im Stück Wolfs Vater sich dort in der Lehmgrube vor dem Krieg zu Tode geschuftet hat, ist auch so ein Kreis, den ich mit meinem Text versuche zu schließen.

 MM: Gregor Bloéb geht in der Rolle einen weiten Weg. Vom Superstar, vom Womanizer und Provokateur zum im Wortsinn Ge- und Erschlagenen. Wie erarbeiten Sie diesen Weg mit ihm?

Mitterer: Wir sind halt nach dem „Jägerstätter“ so beisammen gesessen. Und da hab’ ich mir den Gregor angeschaut und mir gedacht, er ist für den Rukeli die Idealbesetzung. Ein angehimmelter Superstar, ein Charmeur, ein Feschak, der im Ring getanzt hat, wie später erst wieder Muhammad Ali. Kein politischer Mensch, sondern einer, der Musik und Sport liebt – und auf einmal mit den Nazis und ihren seltsamen Ideen konfrontiert ist …

Mohr: Gregor und ich sprechen auch eine gemeinsame Sprache auf der Probe, eine, wo’s funkt. Er geht gerne diesen nicht leichten Weg, sucht, probiert, durchforstet den Charakter, lässt sich ein. Ich habe den Eindruck, er ist vertrauensvoll und sicher.

 MM: Dass der Uraufführungstermin jetzt ist, scheint mir sowohl eine Würdigung des Gedenkens an die Befreiung Auschwitz vor 70. Jahren als auch des von Franz Fuchs ausgeführten Attentats in Oberwart am 4. Februar 1995.

Mitterer: Natürlich geht es mir auch um Oberwart! Ich habe ja auch ein Franz-Fuchs-Stück geschrieben. Rudolf Sarközi, der Obmann Kulturverein Österreichischer Roma, wird zur Premiere kommen.

Mohr: Herr Sarközi hat uns auch mit dem Ceija-Text geholfen und uns an Emmerich Gärtner-Horvath weiter geleitet, der für uns diesen Text ins Romanes übersetzt hat. Da die Trollmanns ja aus Hannover sind, ist das sozusagen unser Brückenschlag zu den österreichischen Roma und Sinti. Dass unsere Premiere genau zwischen den Gedenktagen Auschwitz und Oberwart liegt, trifft den Punkt.

 www.josefstadt.org

Wien, 28. 1. 2015