Landestheater Niederösterreich: Traummaschine

Januar 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Freud-Projekt von Bernd Liepold-Mosser

Othmar Schratt, Michael Scherff (Video), Lisa Weidenmüller Bild: Alexi Pelekanos

Othmar Schratt, Michael Scherff (Video), Lisa Weidenmüller
Bild: Alexi Pelekanos

Na, da hat aber einer den Vater der Psychoanalyse lustvoll zerlegt. Dem alten Sigi sozusagen ordentlichen den Bart zerzaust. Sich an dessen Werk „Die Traumdeutung“ bedient, wie ein Rudel ausgehungerter Ratten oder Wölfe oder welche Art „Männer“ sonst noch als Lieblingsfiguren in den Schauergeschichten des Herrn Doktor vorkommen. „Traummaschine. Ein Freud-Projekt“ heißt die freie Assoziation von Bernd Liepold-Mosser, die derzeit in der Theaterwerkstatt des Landestheater Niederösterreich läuft. Ein absolut sehenswerter Abend! Leider in der dritten Vorstellung ein wenig verkorkst, weil man sich zerkugeln möchte, und sonst im Publikum keiner lacht. Peinlich. Also, hingehen, nichts und gleichzeitig alles ernst nehmen und draufloskudern. Hier wird doch extra, ätsch!, gespielt. Und das größte, das schlimmste Kind, Liepold-Mosser, hat sich neben Sigmund Freud auf die Couch gelegt. Die es neben einer Badewanne tatsächlich auf der Bühne gibt. Sowie eine Live-Kamera und eine Vidiwall für Zuspielungen. Es ist großartig.

Zugegeben, ein bisschen sollte man sich schon auskennen, in all den Begriffen, die Freud postuliert hat. Penisneid, Todestrieb, Analfixierung, Ödipuskomplex, Hysterie – pfui, Dr. Freud, viele Nicht-Gebärmutter-Besitzer sind wesentlich … als Frauen! Da muss sich keine samt „Schmuckkästchen“ in ihre Hände begeben. Haben Sie die „Traumdeutung“ eigentlich auch für eigene Zwecke verwendet? Oh, na, nie!  Freud ist ein Frauenfeind. Das „Wunder“, Leben zu geben, macht ihm Angst. „Das Weibliche ist für mich ein dunkler Kontinent geblieben“, sagt er. Liepold-Mosser findet die Via regia (lat.: „der Königsweg“, zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben) zu Freud. Das Unbewusste, die Verdrängung, die frühkindliche Sexualität und die Arbeit an der Bewusstmachung verborgener Konflikte als therapeutischer Methode ist sein Thema. Träume haben nach Freud einen Sinn, der sich hermeneutisch erschließen lässt. Im Traum streben inakzeptable, von der Zensur des psychischen Apparats verdrängte Wünsche, die stets einen sexuellen Hintergrund haben und mit Kindheitserlebnissen in Verbindung stehen, nach Erfüllung. Da Erregung den Schlaf gefährden würde, werden die Wünsche durch „Verdichtung“ und „Verschiebung“ verschleiert. Die Interpretation von Träumen mithilfe eines Therapeuten macht zuvor unbewusste innere Störungen und Zwiespalte einer Bearbeitung zugänglich. Ja, ja, jaaa, das wollen wir sehen! Liepold-Moser untersucht Familienstrukturen, die auch im griechischen Drama beheimatet sind und auf das Unbewusste verweisen. Er öffnet die Türen zu einem Panoptikum, in dem einem ein bizarres Personal mit grotesk-tragischen Geschichten begegnet. Eine Genitalsensation. Auch ein Freud’scher Begriff, übrigens.

Der (Helmut Wiesinger im Unterhemd unterm Sakko) stellt sich mit Kopernikus und Darwin in eine Reihe. Von wegen Erneuerer von Ideen und Methoden. Hat er doch statt Eisbädern und Elektroschocks zur Redekur gefunden. Eine schwarze Perücke geht herum. Ist einmal Schamhaar, einmal Pferdchenmähne. In feinster Akribie stellen Lisa Weidenmüller Emmy von N. („Seien Sie still! Lassen Sie mich reden!“) und Nadine Zeintl die burschikose Dora dar. Othmar Schratt ist „Der kleine Hans“, der um seinen Wiwimacher fürchtet, Michael Scherff Wolfs-, Ratten- und DER Mann. Musik ist Liepold-Mosser sehr wichtig. Sexmachine oder Sexual Healing oder Sexy Thing oder I feel Love oder Je t’aime. Aber auch Psychokiller von den Talking Heads. Christine Jirku singt I Am the Walrus. Der Eggman im Text war vermutlich eine Anspielung auf Eric Burdon. Burdon hatte von Freunden den Spitznamen Eggs erhalten, da er beim Sex rohe Eier über nackten Frauen zerbrach. Burdon beschrieb eine Begebenheit, bei der Lennon anwesend gewesen war und Burdon mit den Worten: “Go on, go get it, Eggman!” angefeuert haben soll.

Wer möchte das versäumen?

www.landestheater.net

Wien, 26. 1. 2015