Nun ist nach ihr sogar ein Theaterpreis bekannt

Februar 9, 2013 in Bühne

 

Volkstheater: Ein Denkmal für Dorothea Neff

Das Volkstheater startet am Freitag mit einem Stück über Dorothea Neff. Felix Mitterer schrieb „Du bleibst bei mir“.

Das Schöne an meinem Beruf“, meint Felix Mitterer, „ist, dass ich immer was Neues lernen darf und noch Geld dafür kriege.“ Das weniger Schöne ist, dass man meterweise Material durcharbeiten muss, wenn man historische Stoffe aufgreift. Mitterer sagt: „Ich hasse es und mach’s ein Leben lang immer wieder.“

Diesmal mit Dorothea Neff. Das Volkstheater hat ein Stück über den Schauspielstar, der viele Jahre am Haus wirkte, in Auftrag gegeben. „Eine Herausforderung, ein Wagnis, einen Drahtseilakt“ nennt Mitterer die ehrenvolle Aufgabe, denn: „Ich war’s der Neff schuldig, so genau wie möglich zu sein, und trotzdem kein fades Dokumentarstück zu schreiben.“ So wurde „Du bleibst bei mir“, das Widerstandsdrama, auch eine bittersüße Liebestragödie.
Der Titel: Ein Neff-Zitat.

Verlorene Liebe

Dorothea Neff versteckte von 1941 bis 1945 ihre jüdische Geliebte Lilli Wolff in ihrer Wiener Wohnung in der Annagasse 8. „Die Neff hat das nach dem Krieg nie hinausposaunt, im Gegenteil, sie hat es eher verschwiegen“, so Mitterer. Wie er glaubt „nicht nur aus Bescheidenheit, sondern auch aus Trauer um eine verlorene Liebe“.

Die Journalistin Nadine Hauer überredete die Schauspielerin 1978 zu einem Interview. 1979 wurde ihr im Akademietheater von Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte der Märtyrer und Helden im Holocaust, der Titel „Gerechte unter den Völkern“ verliehen.
„Eine unglaublich tapfere Frau“, so der Autor. „Sie hat Unrecht einfach nicht ausgehalten und immer den Mund aufg’rissen, wenn sie eins miterleben musste.“ Als Tiroler Kind hat er die Neff nur als „Tante Frieda vom Land“ in der Fernseh-„Familie Leitner“ erlebt. Umso überwältigender nun die Begegnung mit ihr.

Lebensgefahr während der NS-Zeit

Ihre fünf Jahre des Schreckens hat Mitterer in 100 Seiten Text verarbeitet. Die Lebensgefahr. Den Hunger (Lilli und die Neff mussten mit Neffs Lebensmittelkarte auskommen, zum Ende der NS-Zeit wog die eine Frau 48, die andere 40 Kilo). Die mit Wurst vom Schwarzmarkt mundtot gemachte Hausmeisterin („Die Erpresserin gab’s tatsächlich, nicht einmal sie musste ich erfinden“, so Mitterer).

Die Verzweiflungsanfälle. Die Klaustrophobie durchs stete Eingesperrtsein in der Wohnung. Wie den Frauen übers Lebenretten die Liebe abhandenkommt. Das Auftauchen von Neffs späterer Lebensgefährtin und Bühnenpartnerin Eva Zilcher. Die beginnende Erblindung der Neff. Lillis Brusttumor und die Operation unter falschem Namen.

Österreichische Seele

Ein Medizinstudent, der im gleichen Haus wohnt, verhilft ihr zu einem Bett im AKH. Erwin Ringel heißt er, und „Jaja, die österreichische Seele“ lässt ihn Mitterer einmal räsonieren: „Das konnte ich mir nicht verkneifen, weil das dürfte man sich als Autor nicht einfallen lassen, dass der Ringel der Neff’sche Nachbar ist.“

Andrea Eckert wird Dorothea Neff spielen. Sie war ihre Schülerin. „Ein Gottesgeschenk!“, meint Mitterer.

Ein Frauenstück, sagt er, habe er geschrieben. Nun ist er neugierig, wie’s geworden ist. Denn auf Proben geht er nicht. „Dort ist der Autor überflüssig.“ Uraufführung, wie gesagt, am 9. September.

Zum Stück: Regie und Besetzung

Inszenierung: Michael Sturminger setzt „Du bleibst bei mir“ am Volkstheater in Szene. Die Musik stammt von Gerald F. Preinfalk. Andrea Eckert und Martina Stilp sind als Dorothea Neff und Lilli Wolff zu sehen. Nanette Waidmann spielt Martha Driessen, Claudia Sabitzer Meta Schmitt. Annette Isabella Holzmann übernimmt die Rolle der Eva Zilcher.

Auf den Spuren von Lilli Wolff Autor Mitterer recherchierte, wie ihr Leben in den USA weiterging.

An der Rettung von Lilli Wolff waren noch zwei Frauen beteiligt: Martha Driessen und Meta Schmitt. Mit der Neff war man eine amouröse Viererbande in deren Kölner Theaterzeit. Ab 1943 lebte das Quartett in Wien zusammen. Mit Marthas Sohn Klaus Driessen machte sich Mitterer auf die Suche nach Lilli Wolffs Geschichte in Texas. „Es hat sie später ganz bitter getroffen“, erzählt er.

Wolff wollte nach dem Krieg nur weg aus Wien. Ruth Hunt, eine Milliardärstochter aus Dallas, auch eine Freundin aus Kölner Tagen, verschaffte ihr 1947 ein USA-Visum. Die Kostümbildnerin eröffnete in Dallas einen Modesalon, ließ Martha und Klaus nachkommen.

Neff und Wolff sahen einander nie wieder. Wolff starb 1983 in Dallas, Neff 1986 und Zilcher 1994 in Wien. Eva Zilcher wurde in Neffs Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof beigesetzt

Gestapo-Albträume

Mitterer: „Lilli ging’s nicht gut, sie fühlte sich von der Gestapo verfolgt, hat nie das Haus verlassen.“ Beruflich blieb der Erfolg aus: „Am 22. November 1963 hätte First Lady Jackie Kennedy einen Termin in Lillis Salon gehabt. Doch an dem Tag fielen zwei Schüsse …“

Als die Yad-Vashem-Auszeichnung anstand, bestand Lilli darauf, dass Martha Driessen und Meta Schmitt (posthum) mit geehrt werden. Doch sie selbst konnte sich nicht überwinden, den Flieger nach Wien zu besteigen.