Heinz Rudolf Unger im Gespräch

Januar 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Werk X: Proletenpassion 2015 ff.

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav Bild: © Yasmina Haddad

Didi Kern, Elise Mory, Oliver Stotz, Tim Breyvogel, Knarf Rellöm, Imre Lichtenberger Bozoki, Gustav
Bild: © Yasmina Haddad

Am 22. Jänner wird im Werk X „Proletenpassion 2015 ff.“ uraufgeführt. Eine Fortschreibung des legendären Werks von Heinz Rudolf Unger und den „Schmetterlingen“. Denn Geschichte wird nicht nur gemacht, Geschichte wird auch geschrieben – und zwar zumeist nicht von den Armen, Unterdrückten und Mittellosen, sondern von jenen, die zumindest keine Gegner der herrschenden Macht sind. Der „Geschichte der Herrschenden“ eine „Geschichte der Beherrschten“ gegenüber zu stellen, das war der Anspruch des Autors Heinz Rudolf Unger und der Band „Schmetterlinge“, als sie bei den Wiener Festwochen 1976 ihre „Proletenpassion“ vorstellten. In insgesamt 65 Liedern wird die Geschichte der letzten 500 Jahre als eine Geschichte der Klassenkämpfe erzählt, an deren vorläufigem Ende nicht unbedingt der Sieg der Arbeiterklasse steht. Knapp 40 Jahre später macht sich Regisseurin Christine Eder gemeinsam mit Unger, Gustav und Knarf Rellöm daran, die Geschichte der Proleten erneut und aus zeitgenössischer Sicht zu untersuchen und bis in die Gegenwart weltweiter Proteste von Occupy bis Gezi fortzuschreiben: Wann kommt die Revolution? Kommt sie überhaupt? Können wir die Geschichte noch immer als Abfolge von Klassenkämpfen lesen? Die „Proletenpassion 2015 ff.“ untersucht klassisch marxistische Geschichtsauffassung aus einer postmarxistischen, zeitgenössischen Perspektive – und wagt am Ende keinen Ausblick, sondern eine Bestandsaufnahme der Gegenwart.

Der Autor im Gespräch:

MM: Die „Proletenpassion“ wurde 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen in der Arena in der Regie von Dieter Haspel uraufgeführt. Die „Schmetterlinge“ spielten – und das Ganze mündete in der Arena-Besetzung. Wie war damals der Geist der über dem Abend schwebte?

Heinz Rudolf Unger: Völlig anders und nicht zu vergleichen mit dem neoliberalen Geist, der heute allüberall schwebt. Es gibt große Unterschiede zwischen den Menschen damals, es ist ja fast 40 Jahre her, und heute. Nun folgt im Werk X die  Proletenpassion 2015 ff.“ – und die Leute, die das jetzt auf die Bühne stellen, waren 1976 großteils noch gar nicht auf der Welt. Das ist das Faszinierende für mich, das Abenteuer, und gleichzeitig eine Kühnheit von denen, dass sie die Herausforderung annehmen. Das Team hat heute ganz andere Voraussetzungen als damals die „Schmetterlinge“, die ja zwei Jahre gebraucht haben, um das Ganze auszuarbeiten, mithilfe von großen Arbeitsgruppen, die dann verdichtet wurden – dichten kommt ja von verdichten -, und so wurden Berge von Material zu schmalen Liedzeilen. Die „Schmetterlinge“ hatten ein geistiges Hinterland. Es gab eine Studentenbewegung, es gab jede Menge Unterstützung und Neugierde und ein Umfeld, das den Geist in sich getragen hat, wohingegen das Werk X ein Theater am Stadtrand ist, das sich seine Umgebung noch erobern muss. Also, das sind ganz andere Voraussetzungen.

MM: Trotzdem ist man guten Mutes.

Unger: Ja, Harald Posch und Ali M. Abdullah haben sich das vorgenommen. Ich habe ihnen gesagt, das ist gefährlich und riskant, aber sie nehmen die Herausforderung an. Die „Schmetterlinge“ unterstützen sie auch. Georg Herrnstadt stellt ihnen Material zur Verfügung und berät sie auch, aber vieles wird anders sein als 1976. Es muss viel mehr erklärt werden. Die Menschen waren früher politisch bewusster, hatten eine Vorstellung, in welche Richtung sie die Welt verändern wollen, das ist alles vorbei. Das ist der Unterschied – und das Faszinierende an dem Projekt jetzt.

MM: „ff“ bedeutet, dass Sie die „Proletenpassion“ aber weiter geschrieben haben. Sie haben die vergangenen fast 40 Jahre im Text aufgeholt, aufgerollt.

Unger: Die „Proletenpassion“ ist in Stationen aufgebaut. Von den Bauernkriegen über französische und Oktoberrevolution bis zum Faschismus werden Herrschaftsstrukturen und soziale Fragen in einer Mischung aus verschiedenen musikalischen und literarischen Stilelementen thematisiert. Ein bisschen Kritik an der Sozialdemokratie war auch schon drin. Das wird jetzt natürlich von Regisseurin Christine Eder nicht alles eins zu eins übernommen. Es gibt neue Musiker, wie den Rocker Knarf Rellöm aus Hamburg oder „Gustav“ Eva Jantschitsch, neue Schauspieler, Claudia Kottal, Tim Breyvogel und Bernhard Dechant. Sie werden die historischen Abläufe darstellen. Die waren in der alten „Proletenpassion“ zwar angesagt, aber es war nicht notwendig die Dinge ausufernd zu benennen. Heute haben die jungen Leute, 20-, 30-Jährige, von vielen Sachen, die damals hochaktuell waren, natürlich keine Ahnung. Leider muss ich sagen. Die angesprochenen Probleme sind aber aktuell geblieben. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich noch weiter vergrößert, in einem Ausmaß, das damals noch gar nicht abzusehen war. Also: Es bleibt die Struktur der „Proletenpassion“ erhalten – und dann gibt es eine Kluft von ungefähr 40 Jahren, von der Uraufführung bis zum heutigen Neoliberalismus, die zu überbrücken war. Das habe ich getan.

MM: Die Arbeiterbewegung ist Geschichte, ebenso der Kommunismus, der Kapitalismus steht am Abgrund. Was war Ihnen aus diesen 40 Jahren, die Sie nun schreiberisch aufgeholt haben, wichtig herauszuarbeiten?

Unger: Der Kapitalismus ist nicht vorbei, sondern hat eine andere Form und eine viel größere Dimension angenommen. Es gibt zum Beispiel neue Liedtexte über Hedgefonds und die Wirtschaftskrise, über die so genannten Heuschrecken, Manager, die immer kaltblütiger und unverfrorener vorgehen. Genau zu der Zeit, als ich an dem Text gearbeitet habe, kam eine Nachricht in den Medien, dass ein New Yorker Hedgefonds den Staat Argentinien geklagt hat. Die haben, als Argentinien vor der Pleite stand, billig, als Schnäppchen, Staatsanleihen gekauft, die sie jetzt vor Gericht zum Nennwert einfordern. Das heißt: Argentinien würde im Falle einer Verurteilung finanziell ins Nichts fallen. Solche Dinge spielen sich ab – und die muss man in ein kleines Lied packen. Es gibt auch ein Spekulantenlied, der sinngemäß singt, wenn der Ölpreis sinkt, kaufe ich eben Gold oder Blutdiamanten. Diese Menschen, die mit uns reales „Monopoly“ spielen, die möchte ich anprangern. Ausbeutung hat es immer gegeben, aber die globale Dimension hat sich verändert. Es geht in der Welt um ein Match zwischen übermächtigem Reichtum und ohnmächtiger Armut.

MM: Sehr passend ist auch die Stelle, an der ein Mitarbeiter in seiner Firma so brav arbeitet, dass er sich selbst wegrationalisiert.

Unger: Das war sogar schon im Original drin und ist leider aktueller denn je. Die Arbeitsplätze werden immer weniger, Firmen wandern ab in „billigere“ Regionen. Den Preis zahlen die Menschen hier wie dort. Da kann die Politik nichts schönreden.

MM: „Kleiner Mann“ ist ein Begriff, den Sie verwenden. Es gab 1976 schon Proteste dagegen. Nun hat sich zwischenzeitlich eine Partei draufgesetzt und den Begriff in unliebsamen Zusammenhang gebracht. Die wahren Proletarier gibt es nicht mehr, der Begriff Prolet ist heute ganz anders interpretiert. Wie kann man damit umgehen?

Unger: Gegen den „kleinen Mann“ haben damals die Linksgruppierungen protestiert, alle möglichen Fraktionen, die’s da gegeben hat, wollten mitmischen, auch der Begriff Passion war ihnen nicht recht, weil er Leidensgeschichte bedeutet. Sie hätten lieber einen starken, proletarischen Helden als Protagonisten gehabt, nicht eine Geschichte, wo „das Volk“ immer draufzahlt. So ist es am Ende zwar nicht siegreich, aber die Handlung eigentlich richtig. Die „Schmetterlinge“ nannten ihre Musik dazu sogar ein Oratorium. Das Thema steht geradezu prägnant für heute: die Manipulation des Bewusstseins der Menschen. Heute halten sich laut Umfragen der vergangenen zwei, drei Jahre zwei Drittel der Menschen, die knapp über oder sogar unter der Armutsgrenze leben, für Mittelstand. Für den unteren Rand der Mittelschicht, aber Prolet würden sie nicht für sich als Bezeichnung wollen. Georg Herrnstadt hat dazu gesagt: Auch, wenn sie sich nicht als Proletarier erleben, sie sind welche. Auch die Prekariatsarbeiter sind ausgebeutete Proletarier. Da hat sich nichts geändert, außer dem Bewusstsein, was durch Manipulation durch Politik, Medien etc. passiert.

MM: Gibt es den stolzen Arbeiterstand nicht mehr? Gibt es nur mehr die, die in TV-Realitysoaps auf dem Sofa herumlungern? Ist das der Grund, warum niemand mehr für das Recht auf Arbeit auf die Barrikaden geht?

Unger: Durchaus möglich. Es kommt darauf an, dass man überhaupt erkennen kann, wer man ist, wo man steht und was auf einen einwirkt. Auch das hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. Weil ich vorhin die Medien erwähnt habe: Das Bild ist als Informationsquelle immer mächtiger geworden, der Text ist in der Bedeutung immer stärker zurückgegangen. Das führt dazu, dass man eine immer oberflächlichere Sicht auf die Realität bekommt. Das geht alles sehr schnell an einem vorbei und ist auch sehr dünnhäutig, wenn man sich so umschaut. Dadurch wird man noch manipulierbarer. Uns geht es in der „Proletenpassion“ um Begriffsklärungen. Das ist eigentlich schon revolutionär genug: einen Begriff zu klären.

MM: Wie darf ich mir die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den heute Mitwirkenden vorstellen. Da sitzt Godfather Heinz Rudolf Unger umgeben von seinen „Kindern“?

Unger: (er lacht) Nicht so, ich lerne auch gerade eine Menge dazu. Ich war bei einigen Musikproben, wir sind immer in Kontakt. Christine Eder versucht die ökonomischen Entwicklungen über die Zeiten herauszuarbeiten. Das ist ihre Arbeit, damit habe ich nichts zu tun, ich bin der Textlieferant, und es ist sehr spannend ihr dabei zuzusehen. Ich bin vertrauensvoll, das neue künstlerische Team ist schon sehr gut. Sie machen das wirklich gut. Die „Schmetterlinge“ werden sich wundern, wenn sie ihre Lieder neu vertont hören. Für mich ist das ganz interessant, ich eigne mir gerade eine ganz neue Hörgewohnheit an.

MM: Das klingt alles so schön harmonisch. Hatten Sie und Christine Eder nie einen Generationenkonflikt, in dem Sinne, dass Begrifflichkeiten eine andere Wertung bekommen haben. Im Klartext: Haben Sie nie aneinander vorbei geredet?

Unger: Christine Eder kennt die „Proletenpassion“ seit sie fünf Jahre alt war. Sie wollte sie immer schon in einem zeitgemäßen Kontext inszenieren. Das hat sich mit dem Werk X wunderbar ergeben. Die Räumlichkeiten sind ganz passend. Für diesen Platz ist diese Arbeit ein Geschenk. Wir reden also, denke ich, in dem Sinne alle dieselbe Sprache.

MM: Ist es für Sie eine Bestätigung Ihrer Lebensarbeit, dass Sie 2015 wieder um Ihre politische Meinung gefragt werden? Oder sind Sie schon altersmilde geworden?

Unger: (er lacht wieder) Alt ja, milde niemals. Ich mache aber in letzter Zeit immer öfter die Erfahrung, dass Stücke, die ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben habe, wieder gespielt werden. „Zwölfeläuten“ beispielsweise wird zwei, drei, vier Mal im Jahr produziert. Da kann man nur seinem früheren Ich gratulieren, dass man so was hingestellt hat. Bei der „Proletenpassion“ ist das so ähnlich. Wir haben Kontakte mit Leuten, die das auch spielen wollen. Wir graben also nichts aus, wie eine Zeitung geschrieben hat, wir haben etwas Neues geschaffen. Und das wird nach der Uraufführung an anderen Bühnen weitergehen.

MM: Um auf das Stichwort politische Meinung zurückzukommen …

Unger: Die ist, dass heute alles vernebelt wird. Es wird Angst geschürt, wie zur Zeit der Kreuzzüge, „das Fremde“ ist wieder Feind, das hatten wir auch schon, wir fürchten uns vor der Grippewelle in den USA … und so werden die Probleme der einzelnen Menschen wieder zweitrangig. Die „große Angst“, die nicht zuletzt die Medien schüren, überlappt natürlich Arbeitslosenzahlen. Wir sind doch diesbezüglich eh die besten in Europa, nur jeder Zehnte … das zentrale Thema wird schöngeredet. Derjenige, der sich fragt, wie überlebe ich ohne Arbeitsplatz, wird überhört.

MM: Sie haben im Gespräch durchklingen lassen, die jungen Menschen heute hätten in Ihren Augen keine Ideale mehr. Was kritisieren Sie?

Unger: Sie sind teilnahmsloser am gesellschaftspolitischen Geschehen. In Europa gab es einmal eine wache Generation von aufmüpfigen Studenten, das ist heute ganz anders. Heute muss man Ellbogen zeigen, straight sein, den Sinn des Händlers in sich entwickeln. Wer diesem Archetypus entspricht, ist auf der Welle, die heute gefordert wird.

MM: Was würden Sie sich vom Publikum 2015 wünschen? Soll es das Werk X besetzen? Gibt es eine Message an die Zuschauer?

Unger: Ich bin sehr gespannt, wie die „Proletenpassion 2015 ff.“ aufgenommen wird. Da kann ich nichts vorhersagen. In der Premiere werden wahrscheinlich nicht nur junge Leute sitzen, sondern wie in der Muppet Show meine Waldorfs und Statlers. Ich hoffe doch, dass der eine oder andere Wegbegleiter, von den Resetarits-Brüdern bis zu Erwin Steinhauer, zur Premiere kommt. Messages habe ich mehrere: Ich will die Verwirrung über gewisse Dinge entwirren. Beispielsweise, dass Kommunismus als Idee nicht unbedingt schlecht sein muss, nur weil er schlecht ausgeführt wurde. Eine gute Idee fürs Volk hört nicht auf eine gute Idee zu sein, nur weil sie von Machthabern (!), von Despoten verpfuscht wurde. Ich will, dass die Zuschauer erkennen, wie man den Begriff Demokratie von der Scheindemokratie, der maskierten Demokratie, die uns umgibt, löst. Wahlen sind keine Garantie für Wahrheit. Diese Begriffsklärungen müsste das Werk schaffen.

MM: Wenn Sie etwas an Österreich ändern könnten, was wäre das?

Unger: Schwer zu sagen. Wir leben im Auge des Taifuns. Alleine, das zu erkennen, dass wir in einer windstillen Zone sind und rundherum tobt der Sturm, das wäre schon eine wichtige Erkenntnis. Im Sinne von: Egal, wie gut wir jetzt dastehen mögen, die Verhältnisse gehören verbessert, jetzt, wo es möglich ist. Ein Appell an den Finanzminister. In Österreich wird Klassenkampf im klassischen Stil betrieben, wenn ich an die Steuerdebatte denke, wenn eine Partei sich so gegen die Gesamtschule wehrt, damit es nur ja verschiedene Abstufungen von Chancen gibt, wenn Studiengebühren erhoben werden … Da fällt mir vieles ein, das ich gern anders hätte.

MM: Wie geht es bei Ihnen jetzt künstlerisch weiter?

Unger: Ich habe im vergangenen Jahr Texte eben für die „Proletenpassion 2015 ff.“ und für Erwin Steinhauers Programm „Hand aufs Herz“ geschrieben. Ab dem 22. Jänner kümmere ich mich wieder um meine Themen. Aber über ungelegte Eier gackere ich noch nicht. Ach ja, es gibt noch etwas Neues von mir, noch eine Uraufführung: Ich habe für Dieter Haspel das Stück „Ein Kellner. Ein Gast. Eine Hure“ geschrieben, dass derzeit im Werkl Theater im Goethehof läuft (www.werkl.org). Es ist ein Maskenspiel, Personen, die ihre Identität vertauscht haben und damit dann fertig werden müssen. Mehr will ich nicht verraten.

 http://werk-x.at

www.heinz-rudolf-unger.at

Wien, 20. 1. 2015