Lachen, bis der Weihnachtsmann kommt

Februar 9, 2013 in Bühne

Der Dogma-Filmer brachte im Akademietheater sein Stück „Die Kommune“ zur Uraufführung. Ein Lacherfolg.

Rolle rückwärts. In eine Zeit, als die Linke allmählich begann, sich rechts zu überholen. Als Elisabeth Noelle-Neumann ihre Theorie der Schweigespirale formulierte (weil die feige Mehrheit die Pappn hält, kriegt eine goscherte Minderheit recht). Wo’s von der WG Richtung Ich-AG ging.

Rolle rückwärts ins Jahr 1975. Kopenhagen.

Hier siedelt Thomas Vinterberg sein neues Stück „Die Kommune“ an. Der dänische Filmemacher, der mit Lars von Trier das „Dogma 95“-Keuschheitsgelübde ablegte, und dessen bekanntestes Werk das Missbrauchsdrama „Das Fest“ ist, war selbst Kommunenkind.
Eine Binsenweisheit, dass die besten Geschichten das Leben schreibt. Und so beschreibt Autor und Regisseur Vinterberg, der die Story beim Proben mit dem Schauspielkollektiv entwickelte, eine Situation, die auf die eine oder andere Art bekannt ist:

Masse ohne Macht

Ein Freundeskreis im Selbstzerstörungsmodus, weil einer einen neuen Partner einbringt, mit dem’s nicht passt. In „Die Kommune“ ist es Gründer/ Vater Erek, der seine langjährige Lebensgefährtin Anna sitzen lässt, weil er sich verliebt hat. Und der seine Neue, Emma, miteinziehen lässt. Und der auf leise Proteste der Mitbewohner vom Kuschelkommunarden zum Alphatier mutiert.

Sein Haus, seine Regeln.

So viel zum Basisdemokratie-Bla-Bla, unter dessen Deckmäntelchen vorher sogar abgestimmt wurde, ob die Vegetarier auch Fleisch einkaufen müssen.
Oder ob man die leere Bierkasse aus der Haushaltkasse nachfüllen soll (alle Männer sind dafür).
Es ist nicht die Welttragödie, es ist die kleine, persönliche, genauso schlimme, die Inhalt von Vinterbergs Familienaufstellung ist. Und mag man’s belanglos, banal finden – ja, so ist das Leben.

Dabei ist Vinterberg für seine Begriffe ungewohnt ausgelassen heiter. Wie er die Spießbürgerlichkeit seiner Freidenker entlarvt. Wie er die geheuchelte Patchwork-Harmonie platzen lässt. Wie er an der Idee bastelt, dass das Verteilen von Partnerproblemen auf mehrere diese nur potenziert.

Tanz und Musik

All das bietet viel Raum für die wunderbaren Darsteller. Sie füllen ihn. Und wie! Mit Slapstick. Mit nacktem Klavierspiel (Tilo Nest) oder einer Headbanging-Performance zu „Hot Stuff“ (Dietmar König).

Im Mittelpunkt aber stehen Joachim Meyerhoff als Erek, ausgestattet mit einem Verständnisvoll-Grinsen, hinter dem die Gefährlichkeit lauert. Und Regina Fritsch als Anna, wie immer top, wenn sie Widersacherin Emma (Adina Vetter fletscht nur in Ereks Abwesenheit die Bissgurn-Zähne) mit spitzzüngigen Seitenhieben geißelt, um ihre Verletztheit zu kaschieren.
Sie alle machen Vinterberg das schönste Geschenk. Sie spielen seine Figuren nicht, sie leben und atmen sie. Auf der Bühne menschelt’s. Sehr sympathisch ist das.

Fazit: Und jetzt wird ein Film draus

Das Stück: Schrieb Vinterberg wie stets gemeinsam mit seinem ehemaligen Lehrer Mogens Rukov. Geistig verwandt mit Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“. Nur metzelt hier die Neue Linke der 70er-Jahre.

Inszenierung: Naturtrüb, spritzig, erfrischend. Sonderlob für den Soundtrack von Donna Summer bis Jethro Tull. Im KURIER-Gespräch versprach Vinterberg, bei Erfolg einen Film draus zu machen. Los geht’s!

Schauspieler: Entfesselt, allesamt. Regina Fritsch zeigt wieder welch große Klasse sie hat.

 

Thomas Vinterberg im Interview

Thomas Vinterberg ist bühnenreif. Der Dogma-Filmer inszeniert am Akademietheater sein Stück „Die Kommune“.

Die Burg eröffnet die Saison am 10. 9. mit einem Star. Des Kinos. Thomas Vinterberg zeigt nach „Das Begräbnis“ 2010 ein Stück Jugend. In Orange.

MM: „Die Kommune“ ist Ihre zweite Uraufführung an der Burg. Ihnen gefällt’s hier.
Thomas Vinterberg: Das Haus hat mit Matthias Hartmann einen sehr innovativen, couragierten Chef. Er hat mich erst davon überzeugt, Theater zu machen. Das ist also nicht meine zweite Uraufführung, sondern überhaupt das zweite Mal in meinem Leben Theaterarbeit. Hartmann stellt mich auf dünnes Eis -, aber das imponiert mir, obwohl ich vielleicht untergehe. Ich habe mit „Das Fest“ einen Film gemacht, der als Theaterstück um die Welt ging. Jetzt versuche ich es anders herum. Ich schreibe, während wir proben.

Wie funktioniert das?
Wunderbar. Hektisch. Die Schauspieler und ich haben vereinbart, dass es nichts Privates gibt, ab dem Moment, in dem sie auf der Bühne stehen. Also erzählen sie ihre Familiengeschichten, Momentaufnahmen des Lebens, und ich gestalte daraus den Text. Dessen generelles Thema ist Zusammengehörigkeit. In „Die Kommune“ geht es um das Ende des Zusammengehörigkeitsgefühls, das Ende einer Zeit, einer Familie, einer Ideologie.

Sagt Ihnen der Name Otto Mühl etwas?
Ja. Und ich habe verstanden, dass die österreichische Idee von Kommunen sehr stark an seine Person und den von ihm verübten Kindesmissbrauch gebunden ist.

Sie sind in einer Kommune aufgewachsen.
Und bei uns gab es keinen Kindesmissbrauch. Da lebten einfach eine Menge verrückter Menschen in einem Haus, die versuchten, zu einer Sache eine Übereinkunft zu finden. Was
ihnen nie gelang. So ist mein Leben bis heute. Jede Filmcrew ist eine Kommune. „Dogma“ ist auch nur ein Haufen Wahnsinniger, die gemeinsam von einer Klippe sprangen, in der Hoffnung, dass unten Wasser ist. Wir sagten damals: F*** you, wir versuchen’s.

Ist der Begriff „Dogma“ nicht seltsam für die Erfindung eines Hippie-Kindes?
Ja. Ein Hippie zu sein, bedeutete, sich für Freiheit und die Zerstörung von Regeln zu entscheiden. „Dogma“ war auf verschiedenste Weise die Herstellung von Regeln. Ich habe ein Bedürfnis danach. Bis zu einem gewissen Grad. Ein Hippie-Kind zu sein, bedeutete nämlich auch, viel Unordnung ertragen zu müssen, emotionale und tatsächliche. Ich habe es gehasst, dass wir nicht zwei gleiche Gläser hatten. Die Kehrseite aller Freiheit, ist, dass man in dieser Vielzahl an Menschen leicht verschwinden kann. Und niemand merkt es. Ich habe Mutter und Vater oft vermisst.

Die Kommune ist keine dänische Erfindung, aber Kopenhagen hat immerhin den Freistaat Christiania, …
… der in einem verheerenden Zustand ist. Drogendealer haben die Macht übernommen. Die letzten Hippies sitzen frustriert herum, die Regierung macht ihnen das Leben schwer. Trotzdem ist es unsere Nummer-eins-Touristenattraktion.

… sind die Dänen offener als die Österreicher?
Ja. An Wien stören mich am meisten die unfreundlichen Kellner. Ich gehe seit Monaten täglich ins Café Landtmann, und die Ober behandeln mich, als würden sie mich weder kennen noch jemals wiedersehen wollen.

Der herbe Charme der Wiener Kaffeehauskellner.
Von dem habe ich gehört. Trotzdem gewöhne ich mich nicht daran. Aber verstehen Sie mich recht: Ich mag Wien, vor allem, weil ich das Gefühl habe, hier schert man sich nicht um den Rest der Welt. Ihr raucht, ihr trinkt, wie es euch gefällt. Ihr habt in der Stadt kaum Kinos, dafür unzählige Theater. Ich liebe das.

Die Familie ist in Ihren Arbeiten als „Keimzelle der Gesellschaft“ ein großes Thema.
Familie ist für mich etwas Biologisches, vor dem es kein Entrinnen gibt. Man ist Teil davon, ob man mag oder nicht. Es interessiert mich, wie Menschen mit der einzigen Einrichtung ihres Leben zurechtkommen, die sie sich nicht aussuchen können. „Das Fest“ war entsprechend klaustrophobisch, mein Brüderfilm „Submarino“ war das Sehnen nach Familie. „Die Kommune“ ist nun ihre Desintegration, die Zerstörung.

Ich habe gelesen, Sie geben Ihren Arbeiten Farben?
Genau. „Die Kommune“ ist voll Leben, sentimental, also orange, warm und matschig. „Submarino“, eine kalte, grausame Story, war ein eisiges, klares Blau.

Und „Das Fest“?
War Schwarz. In Skandinavien haben wir großartige Künstler, Strindberg, Ibsen, Bergmann, die unserer Tradition, das Dunkle zu lieben, frönen. Das hat damit zu tun, dass wir so viele Monate das Sonnenlicht vermissen. In der Dunkelheit liegt aber das gute Drama. Wir lieben stillen Horror. Ihr aber auch: Haneke ist ein sehr präziser Beobachter des Grauens.

Mit „Dogma“ erfanden Sie eine neue Art Filme. Wann erfinden Sie ein neues Theater?
Oh Gott! ( Er lacht. ) Ich muss erst einmal lernen, ein Stück zu schreiben. Am Theater bin ich Amateur.

Ihren nächsten Film …?
… drehe ich im November. Ein finsterer Weihnachtsfilm, in dem eine Lüge, die immer weiterverbreitet wird, wahr wird und einen Menschen zerstört.

Zum Stück: „Die Kommune“

Inhalt: Zum zweiten Mal nach seiner „Fest“-Fortsetzung „Das Begräbnis“ (nächste Vorstellung: 11. 9., Burgtheater) hat Vinterberg für Wien ein Stück geschrieben, das er auch inszeniert. In „Die Kommune“ wird deren Gründerin von ihrem Mann verlassen, weil er eine Jüngere liebt. Emma zieht ein – und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Besetzung: Es spielen u. a. Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Dietmar König, Fabian Krüger, Joachim Meyerhoff, Tilo Nest.