Interview mit Teichtmeister, Pschill und Zauner

Februar 9, 2013 in Bühne

 

Josefstadt: „Der böse Geist Lumpazivagabundus“

Das Theater in der Josefstadt zeigt ab Donnerstag Nestroys „Lumpazivagabundus“. Die drei Hauptdarsteller im Gespräch.

Im Mai noch verkündete das Theater in der Josefstadt, die neue Spielzeit mit einer Auftragsproduktion zu beginnen: Franzobels Nestroy-Adaption „Lumpazivagabundus oder Vom Geist der Unvernunft“. Das kam (siehe Interview mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger im Hintergrund) nicht zustande. Teile des Ensembles hätten die Mitwirkung am Stück verweigert, berichtete ein Magazin. „Zurück an den Schreibtisch, lieber Franzobel!“, forderte gar eine Tageszeitung. In der Josefstadt wird nun das Original gespielt, Nestroys „Der böse Geist Lumpazivagabundus“. Mit Rafael Schuchter als Leim, Florian Teichtmeister als Zwirn und Martin Zauner als Knieriem. Regie: Georg Schmiedleitner.

KURIER: Was ist von der Franzobel-Idee in der Inszenierung von Georg Schmiedleitner geblieben?
Florian Teichtmeister: Die unromantische Lesart der Geschichte. Das Hauptaugenmerk liegt weniger auf dem wunderbaren Zusammenhalt von drei vagabundierenden Gesellen, sondern auf Verdrängung, Wettbewerb, Verteilung des Glücks.
Martin Zauner: Florian hat auf der Probe schön gesagt, was unsere Version vom „Lumpazi“ ausmacht: Wir sind kein liederliches Kleeblatt, sondern ein widerliches Kleeblatt. In diese Richtung wollen wir marschieren.
Teichtmeister: Denn wozu ist die Straße da …?
Zauner: Zum Asphaltieren!

Das Kleeblatt wird manipuliert von Feen. Wie zeitgemäß ist bitte eine Feenwelt?
Zauner: Es gibt kein „zeitgemäß“. Es gibt nichts Neues. Es gibt nur Jetzt. Mein Lieblingssatz ist von Yasmina Reza: Die Überraschung ist tot, bevor sie geboren ist. Ist es nicht so?
Teichtmeister: Die Funktion der Feen gibt die Antwort darauf . Das sind Figuren, die aus Lust und Laune mit Menschen, die ihnen „untergeben“ sind, eine Versuchsreihe starten. Diese Härte, diese Macht muss man haben.
Zauner: Und agiert wird bis zur letzten Konsequenz. Denn letztlich scheitert das ganze Kleeblatt. Knieriem sowieso, der säuft bis zum Exzess …
Rafael Schuchter: Und Leim an der klassischen Lebenslüge. Der kriegt schon noch seine Depression. Obwohl ich ihn spiele, muss ich sagen, dass mir die anderen beiden, die alles auf eine Karte setzen und grandios scheitern, menschlich näher sind.
Teichtmeister: Wenn einer so viel Spaß am Geld hat, dass er’s außeblast, das ist doch toll. Zwirn wird am Einmal-oben-Gewesensein zugrunde gehen. Für ihn wird das Jemandsein zur Sucht, und die Selbstgefährung.

Also kein Happy End?
Zauner: Nein. Das hat die Zensur Nestroy vorgeschrieben.
Schuchter: Dieses Abrutschen am Reichtum lässt doch gar kein Happy End zu.
Zauner: Es gab einen schottischen Lottogewinner, Multimillionär. Er kaufte sich Schloss, Royce-Rolls-Flotte, was weiß ich. Aber zu seinem Chef hat er gesagt: Heb‘ mir den Job auf, ich bin in einem Jahr wieder da. Er hat fulminant gelebt, ging pleite, ging wieder arbeiten. So seh‘ ich den Knieriem: Die Geschichte ist kurz, aber tragisch.

Sind die drei mit heutigem Prekariat zu vergleichen?
Teichtmeister: Nein. Das ist eine Milieufalle, vor der man sich in Acht nehmen muss. Als wandernde Handwerksburschen sind sie aus einer Welt, die heute perdu ist.

Die Musik machen die Sofa Surfers. Das heißt?
Zauner: Wir verzichten bewusst auf Zeitstrophen, weil: Was soll ich über die Politik noch singen? Ich singe das Kometenlied, Text: Nestroy, Musik: Sofa Surfers. Das wird klassisch, aber schön.
Schuchter: Das junge Josefstädter Publikum wird voll auf seine Kosten kommen. Ich finde es total geil, dass diese Ikonen mit von der Partie sind.
Zauner: Lieber hätt‘ ich Michael Jackson gehabt, aber der ist ja gestorben.

Große Kollegen haben diese Rollen gespielt: Rühmann, Holt, Hörbiger, Sowinetz, Alfred Böhm, Qualtinger …
Zauner: Des is mir wurscht.
Schuchter: Mir auch.
Zauner: Ich meine, wir haben alle Hochachtung, aber …

… der „Lumpazi“ ist doch österreichisches Nationalgut.
Teichtmeister: So gut finde ich den gar nicht. In der Schule muss es halt jeder lesen. Die Genannten haben grandiose schauspielerische Miniaturen gestaltet, darin begründet sich vielleicht der Ruhm. Gustav Mahler sagte: Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche. Also müssen wir das Feuer im Stück suchen.

Und das wäre?
Zauner: Die drei, wie sie zusammen oder nicht zusammen halten. Sie gehen ein Stück des Wegs gemeinsam – und am End‘ hat kana nix. Aber das ist Raimund.
Schuchter: Ihre Solidarität ist ja extrem brüchig.
Zauner: Freunde sind die nie.
Schuchter: Keiner von ihnen kann aus dem Radius seiner Hirngespinste. Eigentlich ein fürchterlich einsames Stück.
Teichtmeister: Darin steckt tiefe menschliche Enttäuschung.
Schuchter: Übrig bleibt Niedertracht, Kleinheit, Beschränktheit. Ein böses Stück.
Teichtmeister: Aber so lustig!
Schuchter: Die Leute glauben , der „Lumpazi“ ist lustig.
Zauner: Aber wenn wir’s schaffen, dass die Leute nach dem ersten Lachen sagen: Was ist jetzt des?, dann sind wir gut unterwegs.
Schuchter: Gut sind wir, wenn’s gruselig wird.