Jhumpa Lahiri: Das Tiefland

Januar 14, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Toten, Untoten und Unglücklichen

U1_978-3-498-03931-8.inddDie verehrte Elke Heidenreich nannte Jhumpa Lahiris Buch „Das Tiefland“ im Schweizer Literaturclub einen Emanzipationsroman. Das ist es zweifellos, verbunden mit einem hohen Preis für alle beteiligten Figuren. Die Frage, wen und was frau zur eigenen Entwicklung zurücklassen kann, muss – um dann doch nur in Isolation zu enden -, hat die renommierte Kritikerin nicht angerissen. Und, dass auch Männer verwundbare Seelen haben. So unterschiedlich können Lesarten sein …

Die indisch-amerikanische Autorin Lahiri erzählt in ihrem neuen Roman vom Schicksal der Brüder Subhash und Udayan Mitra. Mitte der sechziger Jahre in einem Vorort Kalkuttas fast wie Zwillinge aufgewachsen, trennen sich später die Wege der Unzertrennlichen: Während den Jüngeren ein Universitätsstipendium für Meeresbiologie – er wird in weiterer Folge Experte, forscht an Maßnahmen gegen die Verschmutzung der Ozeane – in die USA, nach Rhode Island, bringt, bleibt Udayan, der sich einer militanten Organisation verpflichtet fühlt, in Indien. Einem Vorort von Kalkutta, wo er sich der marxistisch-maoistischen Terrortruppe der Naxaliten anschließt. Mit ihrem Namen erinnerten die Rebellen an den blutig niedergeschlagenen Bauernaufstand im westbengalischen Naxalbari. Er, getarnt als Schullehrer, wird sein Leben verlieren. Die Polizei führt ihn ins Tiefland, den Sumpf hinter der Wohnsiedlung. Die Eltern hören die Schüsse, sehen ihren Sohn fallen – ein Held ist geboren.

Neues Leben wächst. In Gauri, Udayans Frau, die er, in Indien eine Unmöglichkeit, gegen den Willen der Eltern geheiratet hat. Subhash, der zum Gedenkbegräbnis anreist, mittlerweile „verwestlichter“ als der traditionsbewussten Familie lieb ist, erkennt die Situation: Junge, schwangere Witwe, verbiesterte, in ihrem Kasten-Denken gefangene Schwiegermutter – keine Chance. Er nimmt Gauri als seine Frau und das Ungeborene als sein Kind – Tochter Bela – mit in die USA. Udayans Geist schwebt über der Szenerie; Gauri folgt dem Toten wie eine Untote. Sie liebt weder Subhash noch ihr Kind, verlässt den unglücklichen Ersatzehemann und ihr Neugeborenes, erkennt aber die Chance, die die neue Welt ihr bietet. Wird hochanerkannte Philosphieprofessorin in Kalifornien. Beruflich höchst erfolgreich, privat Solistin, wird sie Jahrzehnte später bei (mittlerweile) Ex-Gatten und Tochter und Enkelin keine Vergebung für ihr Verschwinden finden …

Zwei Brüder, eine Frau, zwei Kontinente, vier Generationen – ein Drama, das eine Familie zerreißt: das ist große Literatur. Erzählt in einer klaren, schnörkellosen Sprache. Einer wunderschönen, eleganten Prosa. Bestechend die subtil austarierte Prägnanz des Stils. Lahiri recherchierte penibel historische Hintergründe und kompilierte Ideen für ihr episch verästeltes Drama. Sie evoziert plastische Zeitbilder, beansprucht den Leser auch durch abrupte Zeit- und Ortswechsel. Wie in ihren bisherigen Geschichten hat sie die zweite indische Einwanderergeneration in die USA im Fokus, etwa in der Person Bela, die sich einerseits ihren Wurzeln verpflichtet fühlt und andererseits dem Neuanfang. Die beide „Väter“ in sich vereint: Revoluzzerin, weil sie als Biopionierin über Land zieht, um Bauern von dieser Art der Landwirtschaft zu überzeugen, und eben darum auch Wissenschaftlerin ist. Wie stets bei Lahiri ist auch diese Erzählung von Einsamkeit und Entfremdung von existenzieller Allgemeingültigkeit, die Charaktere bis ins Detail ausgearbeitet.

So ist „Das Tiefland“ ein Roman, den man vor der letzten Seite nicht aus der Hand legen kann. Weil das Leben und die Handlung weiter und weiter gehen muss. Berührend sind Szenen, in denen Gauri im US-Supermarkt „Cremecheese“ kauft und isst, weil sie nicht versteht, dass es ein Brotaufstrich ist. Zum Weinen ist das Schicksal von Subhash, der so viel Liebe geben will, und stets zurückgestoßen wird. Selbst die Mutter/Schwiegermutter bricht einem das Herz, eine alte, aus der Zeit gefallene Frau, die das Denkmal für ihren Heldensohn dort sucht, wo Kalkutta längst um Neubauten und Kinderspielplätze gewachsen ist.

Sie habe schon 1997 mit dem Buch begonnen, als sie hörte, wie in Kalkutta ein junger Mann vor den Augen seiner Familie hingerichtet wurde, sagte die Autorin bei der Vorstellung ihres Romans auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin. „Aber ich fühlte mich noch nicht reif dafür. Es war sehr tiefes Wasser für mich.“ Erst jetzt habe sie sich entschlossen, die Geschichte aus der Heimat ihrer Großeltern fertigzuschreiben. Das merkt man diesem großartigen Roman an, das viele Herzblut, das hineingeflossen ist. Das aus Schusswunden und das literarische. Das des Lesers kommt dazu. Und ein paar Tränen. Obwohl Lahiris Werk alles andere als „weinerlich“ ist, müsste eine Seele aus Stein haben, wen’s nicht packt. Unbedingt lesenswert!

 Jhumpa Lahiri: Das Tiefland. Rowohlt. 528 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krüger.
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Über die Autorin: Jhumpa Lahiri wurde in London geboren und wuchs in Rhode Island auf. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie unter anderem mit dem Pulitzer Preis, dem PEN/Hemingway Award und dem Commonwealth Writers‘ Prize ausgezeichnet. Von Barack Obama wurde sie 2010 in das President’s Committee on the Arts und Humanities berufen.  Seit 2012 ist sie Mitglied der American Academy of Arts and Letters. Bei Rowohlt erschienen zuletzt die Liebesgeschichte „Einmal im Leben“ und der Erzählband „Fremde Erde“. Derzeit arbeitet Lahiri an einem Buchprojekt in italienischer Sprache – einer Art „linguistischer Autobiografie“, in welcher sie über ihre derzeitige Wahlheimat Rom sowie das Hineinfinden in die neue Sprache räsoniert.

www.rowohlt.de

Wien, 14. 1. 2015