Kein Theater, die Wirklichkeit

Februar 9, 2013 in Bühne

 

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Tränen fließen nicht nur auf der Bühne

Migranten erzählen im Volkstheater, wie sie „Die Reise“ nach Österreich schafften. Und was ihnen hier danach geschah.

Auf der Bühne beginnt es mit „Big Hugs“. Zum Mutmachen. Die Frauen, Männer und auch drei Kinder werden gleich ihre Lebensgeschichte preisgeben.
Sie, die Fremden, dem Publikum, das ihnen fremd ist.
Big Hugs für alle, also. Wir sind die Welt. Wir sollten die ganze Welt umarmen.

Alles begann mit einer Lebenserfahrung. Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf, Herz und Hirn der Wiener Gruppe „wenn es soweit ist“, übersiedelten. Wunderten sich über die Menschentrauben auf dem Gehsteig gegenüber. Fanden heraus, dass dort das Flüchtlingsprojekt Ute Bock Quartier hat. Boten Hilfe an. Theater.

So entstand der Abend „Die Reise“, der Freitag im Volkstheater uraufgeführt wurde. Für den übrigens zwei Jahre keine Finanzierung gefunden werden konnte, so Kornmüller und Wolf im KURIER-Gespräch. Bis schließlich die Stadt Wien ihr Börsel lockerte. Von Schande wird hier noch die Rede sein.

Dreißig Spieler aus zwanzig Nationen haben die Theatermacher ausgewählt. Sie sind zwischen 8 und 62 Jahren alt. Sie kommen aus Albanien, Bosnien, Chile, dem Iran, Mexiko, Rumänien, Tschetschenien …

Auf Hölle folgt Fegefeuer

„Wir wollen Menschen zeigen, nicht den Zeigefinger erheben“, sagt Regisseurin Kornmüller. Das Gespenst vom Heuschreckenschwarm über Europa vertreiben. „Ich wundere mich, wie wenig Wut in diesen Menschen ist, da habe ja ich mehr“, sagt Autor Wolf. Aus ihrer Hölle ins Fegefeuer nennt Gerhard Roth den Weg von Flüchtlingen nach Österreich. Wolf hat ihre Originalaussagen zum Stück montiert.

„Die Reise“ ist szenische Erfindung, nicht dokumentarisch trocken. „Und“, beruhigen Kornmüller/Wolf, „nicht alles ist traurig. Manche Geschichten gehen gut aus.“

Spiel, Tanz, Pantomime

Sie werden nicht nur erzählt und gespielt, sie werden getanzt (wunderbar: Ansumana Barrow aus Gambia) und pantomimisch dargestellt (eine Entdeckung: Inti Lautaro Alava aus Kolumbien). Eine der schönsten Szenen ist, wenn alle wild durcheinander Kochrezepte aus ihrer Heimat erklären wollen.
Erschütternd, trotzdem.

Tränen fließen nicht nur auf der Bühne. Wenn von Bombenhagel und Staatsterror „dort“, Angst und Einsamkeit hier die Rede ist.

Hadi Mohammadi berichtet, wie er mit 13 aus Afghanistan weg ist. Abschied von den Eltern. „Auf der Flucht lernt man, auf sich aufzupassen.“ Mana Abdurahman aus Somalia wurde vom Schlepper sexuell missbraucht.

Immer wieder geht es um Auffanglager, Schubhaft, Arbeit, Würde. „Ich bin karriereorientiert. Ich will einen Job mit Perspektive“, hofft Olga Verbytska aus der Ukraine. Ibrahim Bah, der Tischler aus Sierra Leone, und Wanda Galecki, die Notfallmedizinerin aus Kolumbien, haben keinen.

Wohin und zurück

Veronika Handl ist eine „Verschwundene“ aus Argentinien. Opfer der Videla-Dikatur. Kapuze übern Kopf, Stromfolter. 1938 flüchtete ihre Familie vor den Nazis. Raus aus Wien. Sie kann nicht weitersprechen …

Das Schlusswort hat Ute Bock. Sie spricht. Von der Schande für uns. Für Europa.
Zum Schluss wird getanzt. Auf der Bühne, im Publikum. Die Hoffnung stirbt – wann?

Fazit: Ein Projekt für das ganze Europa

Darsteller: Danke für den Mut, sich auf die Volkstheaterbühne zu stellen und einem Saal voller Unbekannter so Intimes, so Unfassbares zu erzählen.

Publikum: Die, die da waren, waren eines Geistes. Politiker? Rot-grün? Nicht auffällig. Es war aber auch Wiener Wiesn-Eröffnung im Prater!

Ausblick: Für ihr vorheriges Projekt „Ganymed Boarding“ sind Kornmüller und Wolf Nestroy-nominiert. Der Abend soll in Ungarn, Polen und Rumänien gezeigt werden. „Die Reise“ wäre wichtig für ganz Europa.