Thomas Glavinic und Daniel Kehlmann

Februar 9, 2013 in Bühne

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Glavinic‘ „Das bin doch ich“ am Theater

Vor dem Glavinic-Kinofilm kommt die Glavinic-Theaterpremiere: Am 2. Oktober ist Uraufführung von „Das bin doch ich“ am Schauspielhaus Graz.

Die besten Anekdoten nötigt einem das Leben auf. Weiß der steirische Autor nicht erst, seit 2007 das Buch „Das bin doch ich“ zum Bestseller und dann für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde.

Zuletzt etwa war er unterwegs im fast 400.000 Euro teuren Lamborghini. Im Namen der Zeitschrift Autorevue . Den parkte Thomas Glavinic an einem Telefonmast. Der Testwagen mit 700 PS: ein Totalschaden …

Die Sammlung früherer Anekdoten, „Das bin doch ich“, wurde nun zum Stück. Geschickt angesetzt von Intendantin Anna Badora: Als dramatischer Kontrapunkt zur Kehlmann-Uraufführung „Geister in Princeton“ vergangenen Samstag.
Glavinic erschuf für seinen Roman ein Buch-Ich, das sich am erfolgreichen Freund Daniel reibt. Der via SMS die explodierenden Verkaufszahlen der „Vermessung der Welt“ kolportiert, während man selbst auf das Interesse eines Verlags wartet.
Ein Held auf Höllenfahrt durch den Literaturbetrieb. Eine Nabelschau unter Kopfschmerzen.

Mit voyeuristischem Vergnügen führt Glavinic selbstverliebte Kunstgurus, omnipräsente Kulturpolitiker und „den wichtigsten Autor der westlichen Welt“ vor. Das alles ironisch, schlitzohrig, mit Augenzwinkern. Der Versuch, „Das bin doch ich“ auf die Bühne zu heben, ist waghalsig. Regisseurin Christine Eder wagt ihn. Thomas Frank gibt den Glavinic. Mit Haaren.

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Glavinic in Graz: Antiheld auf Höllenfahrt

Das Schauspielhaus Graz hob Thomas Glavinic‘ Roman „Das bin doch ich“ auf die Bühne. Als temporeiche Trashrevue.

Natürlich werden auf der Bühne Spaghetti gegessen. Da hat sich Daniel Kehlmann mit seiner Salzburger Festspielrede vor zwei Jahren, in der er dem Regietheater eine Obsession für Hartweizennudeln unterstellte, einen Running Gag geschaffen, der ihm noch lang nachlaufen wird.
Natürlich kommt die Rede auf den 400.000 Euro teuren Lamborghini, den Thomas Glavinic kürzlich in einem italienischen Telefonmast parkte. Bei einer Testfahrt für die Zeitschrift Autorevue.
Berühmt sein ist ein Hund.
Da wächst sich jedes Ungeschick zur Anekdote aus.

Das Schauspielhaus Graz brachte eine dramatisierte Fassung von Thomas Glavinic‘ Roman „Das bin doch ich“ zur Uraufführung. 2007 erschien das Buch. Eine Replik auf den Erfolg, den Glavinic-Freund Kehlmann mit „Die Vermessung der Welt“ hatte. Intendantin Anna Badora will die Glavinic-Premiere nun als Kontrapunkt zu Kehlmanns Theater-Sieg „Geister in Princeton“ aus der Vorwoche verstanden wissen.

Remis

Das Leben ist ein Wettstreit. Doch das Ergebnis kann als Remis gewertet werden. Regisseurin Christine Eder inszeniert die von ihr erstellte Textfassung als temporeiche, kabaretthafte Trashrevue. So schlitzohrig und (selbst-)ironisch, so politisch unkorrekt und augenzwinkernd wie’s die Vorlage hergibt, hangelt sie sich von Episode zu Episode.
Von Vargas Llosa bis Viennale. Vom Am-Sessellift-Hängen mit dem Schwiegervater bis zum Finger-Kapperl-Abrasieren mit dem neuen Küchengerät. Kenner des Buches werden über vieles wieder lachen, vieles vermissen. Glavinic-Anfängern kann der Abend immerhin als Einstiegsdroge dienen.
Wie Glavinic‘ Roman-Ich ist Thomas Frank als dessen Bühnen-Ich ein Antiheld auf Höllenfahrt durch den Literaturbetrieb. Sein Antrieb: Über den „besten Autor seiner
Generation“ sagen zu können: Das bin doch ich!
Mit Mutterwitz schlägt er sich durch den Aberwitz seiner Existenz. Und muss sich im Gegensatz zum zweidimensionalen Alter Ego auch noch mit halsbrecherischen Requisiten herumschlagen.
Schön auch, wie er „Hanser“ – er hofft auf einen Vertrag mit dem Verlag – auf AC/DCs „Thunderstruck“ singt. Bei seiner Nabelschau unter Kopfschmerzen (diese vom Kampftrinken) begleitet ihn Christoph Rothenbuchner als allzeit properer, kontrollierter Kehlmann, der mit mild-überheblichem Buddhismus so nervt wie mit steigenden Verkaufszahlen.

Sau

Dass Wien, wo die Handlung großteils stattfindet, ein Dorf ist, man in Graz aber nicht jede Sau kennt, die man durchs Dorf treibt, lässt Gags über „Starjournalisten“, brachial-joviale Theatermänner und die üblichen Fotofinish-Sieger an Buffetts verpuffen. Das Publikum applaudierte dennoch höflich.
Lieber Thomas Gratzer, lad‘ die Grazer doch zum Gastspiel ein. Im Rabenhof hauen sich die Leute garantiert vor Freude um die Erd‘.

Fazit: Ein Vergnügen für den Kulturvoyeur

Das Buch
Zerlegt mit voyeuristischem Vergnügen die heimischen Kulturbetreiber. Schaffte es auf die Shortliste des Deutschen Buchpreises.

Inszenierung
Entsprechend der Vorlage ein surreal-sarkastisches Täuschungsmanöver. Die Grenzen zwischen unwirklich und unwahr sind fließend.

Darsteller
Ausgezeichnet. Allen voran Thomas Frank, der schwarzes Schaf und Sündenbock in einem gibt. Birgit Stöger und Sebastian Reiß überzeugen in mehreren Rollen.

05.12.2011, von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/11

Premiere des ersten Kehlmann-Stücks

Daniel Kehlmanns erstes Stück „Geister in Princeton“ hat am 24. 9. in Graz Premiere. Hauptfigur ist der Mathematiker Gödel.

Es begann vor zwei Jahren. Mit harscher Kritik am Spaghettiessen auf deutschsprachigen Bühnen, heißt: einer Ab-Rede ans Regietheater, mit der Daniel Kehlmann die Salzburger Festspiele eröffnete. Die nahmen die Schelte zum Anlass, beim Erfolgsautor ein Stück in Auftrag zu geben. Sein erstes. Heuer, weil nicht rechtzeitig fertig, in Salzburg zwar nicht uraufgeführt, aber in einer fulminanten szenischen Lesung dargeboten.

Der Zuschlag fürs Inszenieren von „Geister in Priceton“ ging ans Schauspielhaus Graz. Intendantin Anna Badora wird damit in eigener Regie ihre sechste Spielzeit am Haus eröffnen. Sie traf Kehlmann, er traf ihre Leidenschaft für Naturwissenschaften. In den Ferien gab’s von Badoras Mann, einem Biophysiker, einen Crashkurs. Samt Lektüre. „Stephen Hawkings ,Die kürzeste Geschichte der Zeit‘ sozusagen als ,Hausaufgabe'“, lacht sie.
Kehlmann, der für seinen Bestseller „Die Vermessung der Welt“ Gauß und Humboldt als Protagonisten wählte, macht den großen österreichischen Wissenschaftler Kurt Gödel zum Mittelpunkt seines Stücks. Mehr noch: Er hat es nach dessen mathematischen Thesen gebaut.

Reisen durch die Zeit

Schauspielhaus Graz: Gödel (Johannes Silberschneider), der verstorbene Gödel (Rudi Widerhofer, li.) und Gödel als Kind (David Rauchenberger, re.) rechnen.
Schauspielhaus Graz: Gödel (Johannes Silberschneider), der verstorbene Gödel (Rudi Widerhofer, li.) und Gödel als Kind (David Rauchenberger, re.) rechnen.

„Gödel hat unseren linearen Zeitbegriff infrage gestellt“, erklärt Badora. „Da sich nach seiner Vorstellung das Universum in sich selber krümmt, ist jeder Moment für immer und alle Ereignisse, auch das menschliche Leben, laufen gleichzeitig ab. Konsequent weitergedacht wären so Zeitreisen theoretisch möglich.“ Deshalb gibt es bei Kehlmann zum Beispiel eine Szene, in der ein schon verstorbener Gödel und Princeton-Gödel dem unwilligen Kind-Gödel bei den Matheaufgaben helfen. Er werde dieses Rätsellösen bald zu schätzen wissen, lockt der Princeton-Gödel sein junges Alter Ego. Bloß nicht, warnt der Tote, werd‘ lieber ein Ingenieur!

Hinreißend auch der Satz, mit der das Genie auf der Flucht vor den Nazis im tiefsten Nirgendwo seiner darob grummeligen Gattin erklärt: „Du überschätzt die Bedeutung von Zeit und Raum.“ So brillant, so uninszierbar? Ist die Frage, die man beim Lesen von Kehlmanns Parallelitäten-Drama denkt. Auch Anna Badora ging sie im Kopf herum. Gödel ist mehr, als der Hausverstand fassen kann. Eine ungeheure Herausforderung. An deren Lösung die Regisseurin mit einem Spezialglas arbeiten will, das per Knopfdruck durchsichtig oder undurchsichtig geschaltet wird.

Gleichzeitigkeiten, Geistererscheinungen ( Gödel glaubte sich etwa von seinem ermordeten Mentor, dem Philosophen Moritz Schlick, beschirmt) sollen, weil hinter Glas „unpeinlich“ sein. „Tanz der Galaxien“ nennt Badora diese poetische Dimension, die sie ihrer Arbeit beifügt, „um auf die metaphysische Ebene des Textes hinzuweisen“.

Genauso wichtig ist ihr die politische, zeithistorische, von der „braunen Pest“ bis zur die Atombombe bauenden USA. „Dafür“, sagt sie, „hat man die fähigsten Köpfe rekrutiert. Der damalige Rektor von Princeton hat sich ja ironisch bei Hitler ,bedankt‘, dass er ihm all diese Wissenschaftler geschickt hat.“

Johannes Silberschneider wird Kurt Gödel darstellen. Das passt nicht nur optisch. „Denn“, so Badora, „der eine ist grüblerisch und selbstzweifelnd wie der andere.“

Gödel-Darsteller Johannes Silberschneider im Gespräch:

KURIER: Die Gretchenfrage lautet hier wohl: Wie halten Sie’s mit der Mathematik?
Johannes Silberschneider: Ich war ein schlechter Mathematikschüler. Mein Gymnasiumsdirektor, der mich in dem Fach unterrichtete, war allerdings ein großer Gödel-Verehrer. Der Name ist mir seit damals vertraut.

Wie geht’s Ihnen mit dem Theatercharakter Gödel?
Er nimmt sehr schnell von einem Besitz, zuerst sehr nett, liebenswürdig, aber zum Schluss wird’s mit ihm immer komplizierter. Eine eigenartige Persönlichkeit. Ein höflicher, unauffälliger Mensch, aber im Stillen bastelt er an einer geistigen Bombe, die er dann der Welt serviert. Er war seiner Zeit Jahrzehnte voraus. Er ist unbemerkt in die mathematische Festung eingedrungen und hat sie um den Mythos der Uneinnehmbarkeit gebracht.

Da dies eine Uraufführung ist, sind Sie der Erste, der dieser Figur Profil gibt.
Ich habe davor ein wenig Scheu. Ich fühle mich sehr in der Verantwortung Menschen gegenüber, die tatsächlich gelebt haben. Und das ist noch dazu der erste Auftritt eines österreichischen Genies in der dramatischen Szene, da habe ich schon Schiss. Aber der Erste bin ich ja nicht; der Erste war Peter Jordan bei den Salzburger Festspielen.

Waren Sie bei dessen szenischer Lesung?
Natürlich. Und mir hat da schon gefallen, dass das Stück trotz zeitgeschichtlicher und menschlicher Abgründe, trotz des naturwissenschaftlichen Überbaus Humor hat. Es ist eigentlich die Gegenthese zu Kehlmanns Salzburgrede. Es ist, was die Briten „witty“ nennen – geistreich und witzig.

Gödel führte bei aller Genialität ein tragisches Leben. War er zu klug zum Leben?
Glaube ich nicht, er war vielleicht nur zu einseitig neugierig. Princeton war für ihn der falsche Boden. Im Vorkriegs-Wien hatte er ein gesellschaftliches Leben, Damenbekanntschaften, genoss diesen Schmelztiegel der Kulturen. In Princeton entwickelte er seine psychische Labilität, hatte keine Ablenkung vom Denken mehr in diesem einerseits kleinkarierten und spießigen, andererseits überdimensionalen Geistesgetto. In dieser Druckkochtopf-Atmosphäre konnte ja nur so etwas entstehen, wie die Atombombe und der Computer. Also die beiden vernichtenden Erfindungen des 20. Jahrhunderts.

Andererseits aber…
… darf man nicht vergessen, warum Gödel aus Österreich weg ist, frei nach dem Lueger-Ausspruch: Wer Jude ist, bestimme immer noch ich. Dazu fällt mir ein, dass Gödel einen ontologischen Gottesbeweis nach den Thesen eines mittelalterlichen Scholastikers errechnete und dann zu seinem Assistenten Hao Wang meinte: Dass Gott existiert, bedeutet nicht, dass er gut ist. Gödel hat sich da auf was eingelassen. Aber vielleicht will Gott, dass sich der Mensch mit ihm rauft, wie Jakob im alten Testament.

Verstehen Sie Gödel?
Er ist mir sehr nahe und vor allem sehr sympathisch. Ich verstehe vieles an ihm, aber will es nicht bis ins letzte Detail nachvollziehen können, sonst drehe ich auch noch durch. Die Mathematik aber – verstehe ich immer noch nicht.