Volkstheater: Floh im Ohr

Dezember 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feydeau fabelhaft gespielt

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer, Alexander Lhotzky, Erwin Ebenbauer, Patrick O. Beck
Bild: © Lalo Jodlbauer

Es ist nicht einfach. Es ist nicht so, dass Georges Feydeau ein „Selbstläufer“ ist. Man hat oft genug Inszenierungen von Stücken des Meisters der Tür-auf-Tür-zu-Verwechslungssatire versemmelt. Meist, weil zu langsam gespielt. Am Volkstheater hatte nun „Floh im Ohr“ Premiere. Eine wunderbare Arbeit von Regisseur Stephan Müller, in der sich kein Blatt vor der Mund nehmenden, zotigen Übersetzung von Elfriede Jelinek. Das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer, Kostüme: Carla Caminati), wie es sich gehört: Türen und Treppen und noch mehr Türen. Die Schauspieler: trainiert wie für Olympische Spiele, heißt: temporeich, temperamentvoll, auf die Tube drückend. Motto des Abends: Lachen bis der Arzt kommt! Und das tat das Publikum denn auch.

Der Inhalt: gar nicht so leicht zu erklären. Madame Raymonde Chandebise hält ihren Gatten für einen Seitenspringer. Nachdem der Herr Versicherungschef seine ehelichen Aktivitäten schlagartig eingestellt hat (in Wahrheit ein Potenzproblem), hegt sie diesen Verdacht. Also will sie ihn in flagranti erwischen, lässt ihm einen Liebesbrief und eine Einladung zum Tête-à-Tête im rotlichtigen Hotel zur zärtlichen Miezekatze zukommen, geschrieben allerdings von ihrer Freundin Lucienne Homenides de Histangua, damit der Ehemann die Handschrift nicht erkennt. Der hat aber gar keine Lust auf ein Abenteuer und schickt seinen Angestellten Tournel zur ungekannten Dame. Mit dem hat Raymonde schon einmal geliebäugelt. Der Hausfreund wartet nur auf ein entsprechendes Signal von ihr. Chandebise, vom parfümierten Billet durchaus geschmeichelt, zeigt es seinem Kunden Carlos Homenides de Histangua. Und der erkennt es natürlich als von seiner Frau verfasst. So wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der rasch außer Kontrolle gerät. Denn alle landen „inkognito“ im Etablissement: Raymonde und Tournel, das frivole Kammerkätzchen Antoinette, das ein Verhältnis mit Chandebise Cousin Camille hat, deren eifersüchtiger Ehemann und Butler Etienne und der mordlustige Spanier. Ja, sogar der Familienarzt hat hier eine Verabredung mit einer Domina. Noch dazu gibt es im Bordell den betrunkenen Hausknecht Poche, der Monsieur Chandebise wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Müller stellt schwungvoll ein skurril-schrilles Sammelsurium auf die augenschmerzbunte Bühne. Gutbürgerliche im Puff. Für das Haus wieder einmal eine perfekt genutzte Gelegenheit, eine gelungene Ensembleleistung zu präsentieren. Till Firit brilliert in der wohl hurtigsten Parade-Doppelrolle der Schauspielgeschichte. Als Direktor ein ehrenwerter Bürohengst, steif leider nur noch im Kreuz, dem der Arzt wohlwollend ein „Wollen ist Können“ mit auf den Weg gibt. Ein Spießer mit perfekten Manieren, der so lange nicht aus seiner Haut kann, bis ein Wutanfall zum Befreiungsschlag und zur Heilung des Unterleibs wird. Als Poche bauernschlau, auf den eigenen Vorteil bedacht, zerstrubbelt und hinkend, das genaue Gegenteil. Wie oft und schnell Firit zwischen Dienstbotenlivree und elegantem Sakko hin- und her wechselt, allein das ist Hochleistungssport. Der zweite Held des Abends: Matthias Mamedof als sprachbehinderter Camille, e eine ooaen ae a (der keine Konsonanten sagen kann), bei dem aber sonst alles senkrecht ist, weshalb er lebensfroh tänzelnd – überhaupt werden die Körper wahlweise von lateinamerikanischen Rhythmen oder Technobeat durchgeschüttelt – der Liebesnacht mit Antoinette entgegensieht. Camille ist ein schlimmer Finger – und das gibt Mamedof mit viel Gespür für die richtige Mimik zu verstehen. Dazu diesen Text zu lernen – Chapeau! Hier haben sich zwei, die was können, für weitere Aufgaben empfohlen.

Susa Meyer als Raymonde und Martina Stilp als Lucienne, zwei rachsüchtig-rothaarige, überkandidelte Weiber, sind zum Schreien komisch. Nicht nur die zu Anfang wie festgetackerten Frisuren werden sich im Sturm der Ereignisse in die Selbstauflösung flüchten. Patrick O. Beck gefällt als freches Schlurferl Tournel, der Herrscher unter den Goschnreißern, der dann doch nur die Hose voll hat. Ronald Kuste legt als heißblütiger Pis­to­le­ro ein Kabinettstück hin, ebenso wie Erwin Ebenbauer, der als Camouflage für Razzien im Liebestempel samt Bett auf die Bühne gedreht werden kann, als alter Mann, der über sein Rheuma jammert. Tempelpriester also Bordellbesitzer Augustin ist Alexander Lhotzky, der strenger als seine Gäste über die Sitten wacht. Szenen wie die zwischen der witzig-spritzigen „Antoinette“ Andrea Bröderbauer und ihrem rasenden „Etienne“ Jan Sabo kann er gar nicht brauchen. Da ist ihm und seiner Liebsten/Mitarbeiterin Fanny Krausz „Dr. Finache“ Roman Schmelzer, der ruhig, sobald angeleint, lieber. Leider kommt es lauter, als Augustin denkt.

Müller hat pointiert inszeniert, seine Darsteller auf den Punkt genau choreografiert. Etwa in einer Arschtrittszene: Augustin tritt gegen Posch/Chandebise, dessen ausgestrecktes Bein Tournel trifft und so weiter … Oder: Raymonde und Lucienne versuchen die Situation zu erklären, mit den auf die Sekunde exakt gleichen Handbewegungen. Trotz allen Klamauks verliert Müller nicht aus dem Auge, dem Publikum Feydeaus Häme über eine schizophren anmutende bürgerliche Doppelmoral „unterzuschieben“. Hier agieren Lügner, Intriganten, Ränkeschmiede, die alle doch nur auf der Suche nach der Wahrheit, was immer die für sie sein mag, sind. Stephan Müller hat die Königin der Vaudeville-Komödien wieder auf den ihr zustehenden Thron gehoben. Louis de Funès hätte seine Freude an diesem Spiel. Kompliment!

www.mottingers-meinung.at/till-firit-im-gespraech/

www.volkstheater.at

Wien, 20. 12. 2014