Victor Serge: Schwarze Wasser

Dezember 16, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Sieg der Menschlichkeit

indexEs ist ein ruhiger, leiser Roman, den Victor Serge zwischen 1936 und 1938 geschrieben hat, und der 1939 erstmals erschienen ist. Serge macht in „Schwarze Wasser“ lange bevor der Begriff „Gulag“ geprägt wurde, lange vor Arthur Koestler („Sonnenfinsternis“) und lange vor Alexander Solschenyzin („Der Archipel Gulag“) das Leben in den sowjetischen Straflagern zum Thema. Dabei schildert er keine Gewaltexzesse, auch wenn der Terror und der Tod allgegenwärtig sind. Das Menschsein steht im Vordergrund.
Die Sowjetunion, mitten in der Zeit der stalinistischen Säuberungen der 30er Jahre: Michail Iwanowitsch Kostrow, Professor für „historischen Materialismus“ in Moskau, wird wegen „falscher Gesinnung“ verhaftet. Er durchläuft die verschiedenen Stationen des stalinistischen Repressionsapparats und landet schließlich, als er seine Taten „bereut“, in dem entlegenen Ort „Schwarze Wasser“ in der Verbannung. Hier trifft er auf andere Politische, eine Gruppe von Oppositionellen – Rodion, Jolkin, Galja, Wawara und Ryschik, die meisten überzeugte Revolutionäre und Gegner Stalins. Trotz unmenschlichen Lebensbedingungen, staatlicher Willkür und der Angst, im Zuge der Säuberungswellen ihr Leben zu verlieren, bewahren sie ihre menschliche Würde und Wärme, und werden nicht müde gegen das herrschende Regime und dessen Terror auch auf subtile Weise Widerstand zu leisten.

Serge beschreibt eine Maschinerie, die die Menschen physisch und seelisch zerstört. In den „Schwarzen Wassern“, ein unwirtlicher Flecken in der kargen russischen Tundra, leben die Gegner des Regimes vor sich hin und sterben in Anonymität. Kompromittiert, auch weil sie etwa in einer Parteigeschichtsstunde über die ersten Meinungsverschiedenheiten zwischen Minderheitlern (Menschewiki) und Mehrheitlern (Bolschewiki) 1904 oder über das Lohnsystem diskutiert hatten.
Irgendwie geht aber alles doch seinen gewohnten Gang bis der neue stellvertretende Chef der Spezialabteilung, Genosse Fedossenko, erscheint, um den „gefährlichen Ideen“, die sich in den über das riesige Land verteilten Lagern ausbreiten, ein Ende zu machen. Denn der nächste Parteitag der KPdSU steht an. Und alle fragen sich was Generalsekretär Stalin vor hat: „Wen würde er von der geschwächten Linken zu manipulieren versuchen, um vorübergehend die Rechte zu stärken – oder wen von der entlarvten Rechten, die sich selbst verurteilt hatte, um die eigene Linke auf ihre Seite zu ziehen – die ihm zu misstrauen begann“. Denn sicher ist niemand in der Sowjetunion – weder alte Kampfgefährten, Politbüromitglieder, Regierungsbeamte, die das vorgegebene Plansoll nicht erfüllen konnten, noch lokale Parteisekretäre, kritische Intellektuelle, Arbeiter und Bauern. Und bei wirtschaftlichen Rückschlägen, und deren gab es viele, mussten rasch Schuldige gefunden werden. Dabei konnte man alte Genossen gleich mit aus dem Weg räumen, der Konterrevolution angeklagt. Von oberster Stelle wird eine neue Direktive erlassen, „am Vorabend der nächsten Parteitage unverzüglich jedwede Tätigkeit des linken Sektors zu unterbinden, ohne indes den Deportierten das Gefühl einer zu politischen Zwecken organisierten Kampagne zu vermitteln.“
Den Deportierten geht es an den Kragen. Doch Rodion, Jolkin, Galja, Wawara und Ryschik bleiben ihren revolutionären Maximen der ersten Stunde treu. Bevor sie verhaftet werden, diskutieren sie noch einmal über die verratene Revolution. Rodion fragt sich: „Gefängniswärter und Gefangene, wir gehören noch immer zur selben Partei: zur einzigen Partei der Revolution; sie entwürdigen sie, führen sie ins Verderben, wir leisten Widerstand, um sie ihnen zum Trotz zu retten. Angesichts der kranken, von korrupten Karrieristen regierten Partei können wir uns nur auf die gesunde Partei berufen … Aber wo ist sie, wo? Wer ist sie?“

Serges Roman mit seiner kraftvollen Sprache ist zwar Fiktion, aber genährt durch fürchterliche Realitäten, aus Erfahrungs- und Erinnerungsbruchstücken der deportierten linken Opposition und wird so auch zu einem Zeitdokument, das nun 70 Jahre später in Deutsch erschienen ist, in einer exzellenten Übersetzung von Eva Moldenhauer.
Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Autor erfindet einen Schluss, der dem Leben eine Chance gibt. Dem jungen Rodion gelingt die Flucht, auch wenn sein weiteres Schicksal ungewiss erscheint. Mit Rodions Flucht ist auch das Schicksal des Opportunisten Fedossenko besiegelt.

Über den Autor:
Victor Serge, geboren 1890 in Brüssel, Sohn zweier Emigranten, ursprünglich Anarchist, schloss sich 1919 nach Zwischenstationen in Barcelona und Paris, trotz großer Skepsis den Bolschewiki an und arbeitete später als Journalist, Verleger und Übersetzer für die Komintern. Nach dem Tod Lenins 1924 begann er über seine Besorgnis angesichts der Politik des Regimes zu schreiben. Er kritisierte den Dirigismus, die Bürokratie und die polizeiliche Repression. Die Folge: 1927 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und durfte das Land nicht verlassen. 1933 wurde er wegen seiner Opposition zu Stalin nach Orenburg (Ural) verbannt; 1936 dank einer internationalen Solidaritätskampagne, u. a. von Romain Rolland und André Gide, freigelassen. Serge verließ die Sowjetunion und floh 1941 vor den Nazis aus Marseille nach Mexiko, wo er 1947 starb. In seinen letzten zehn Lebensjahren entstanden sieben Romane, die inzwischen international als Klassiker gelten, darunter „Die große Ernüchterung: Der Fall Tulajew“

Rotpunktverlag, Victor Serge: „Schwarze Wasser“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer

www.rotpunktverlag.ch

Wien, 16. 12. 2014