Till Firit im Gespräch

Dezember 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Volkstheater spielt „Floh im Ohr“

Till Firit, Susa Meyer Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Susa Meyer
Bild: © Lalo Jodlbauer

Am Volkstheater hat am 19. Dezember Georges Feydeaus „Floh im Ohr“ Premiere. Inhalt: Verwechslungen. Anonyme Briefe. Ein eifersüchtiger Spanier. Ein Mann mit Sprachfehler. Überraschungseffekte beim Rendezvous. Hosenträger. Ohrfeigen ohne Zahl. Sprünge in der Ehe. Seitensprünge aus der Ehe. Überpotenz und Impotenz: Elementarteilchen einer schwindelerregenden Farce, deren Plot sich unmöglich in einem einigermaßen klaren Bericht zusammenfassen lässt. Die ganze Welt ist ein Bordell, und alle Frauen und Männer Huren und Freier – könnte man jedoch, ganz frei nach Shakespeare, als Motto über dieses Stück setzen. „Die Figuren meiner Stücke stelle ich mir bildlich vor – und zwar nicht nur ihr Aussehen, sondern ihren Ausdruck, wenn sie die Szene betreten und die Türe öffnen …“: Feydeau setzt in seinem 1907 uraufgeführten Feuerwerk der Pointenmechanik seine Figuren wie Marionetten in Bewegung, zugespitzt durch Elfriede Jelineks sprachlich brilliante Übersetzung. Das Personal: Kleinbürger, die sich nach dem großen erotischen Abenteuer sehnen. Die, während sie mit dem Kopf bereits im Plüsch ersticken, mit den Beinen noch munter zappeln. Wie von einem Wirbelsturm werden sie erfasst, in die Luft geschleudert – über sich selbst hinaus, über ihre beengte Welt, und schließlich hinweggefegt. Hauptdarsteller Till Firit im Gespräch:

MM:“Floh im Ohr“ von Georges Feydeau ist eine Sternstunde des Vaudeville. Regisseur Stephan Müller hat sich und seinen Schauspielern zurecht den Anspruch gesetzt, mehr daraus zu machen, als eine Tür-auf-Tür-zu-Komödie. Wie bereiten Sie sich vor?

Till Firit: Grundsätzlich ist der Unterschied in der Vorbereitung nicht so groß, ob ich eine Tragödie oder etwas Skurriles wie „Die Vögel“ spiele. Mein Prozedere ist ziemlich gleich. Ich versuche mich in die Figur einzufühlen und lerne den Text an. Ich gehe nicht mit fertig vorbereitetem Text auf die Probe, zum einen aus Faulheit, zum anderen, weil ich keine festgelegten Bilder haben will. Dann versuche ich, mich vom Bühnengeschehen bestmöglich mitnehmen zu lassen. Weil ja jeder Regisseur seine eigenen Idee hat; keiner will ja vom Blatt runtergespielt haben. Wie Müller, der keine Klipp-Klapp-Komödie will, der seine Intellektualität über das Ganze legt. Noch zieht er täglich woanders eine Schraube an, was Auswirkungen auf unser aller Spiel hat.

MM: Die Schauspieler müssen in so einem Stück sehr temporeich, sehr pointiert, sehr am Punkt, zur rechten Zeit an der rechten Stelle sein. Die für den Betroffenen natürlich die unrichtige ist …

Firit: Daraus entsteht die Komik. Temporeich und sehr genau zu sein, ist jetzt die Aufgabe. Wir proben vier Stunden an einer Szene die 15 Sekunden dauert. Das ist kein Witz.

MM: Das zentrale Thema von „Floh im Ohr“ ist In-der-Klemme-Stecken. Und zwar in der Regel Ihre Figur Victor-Emmanuel Chandebise. Wie legen Sie ihn an?

Firit: Es ist ja eine Doppelrolle Chandebise wird ständig mit dem Hausdiener Poche verwechselt. Wir haben zwei Szenerien. Chandebise, der Direktor in einer Versicherungsgesellschaft ist – und der andere arbeitet in einem Puff. Einem zwielichtigen Hotel. In diese beiden Welten muss man sich reinfinden, anfangs hatte ich holzschnittartige Vorstellungen, dass der Direktor ein behäbiger Herr mit Zigarre ist und Poche auch langsam, aber ein bisschen doof. Der Regisseur hat mich auf ganz andere Sache gebracht. Jetzt sind die beiden Figuren im besten Falle heutig, aber sicher keine Klischees. Ich habe die Freiheit zwei Komödienfiguren nebeneinander zu stellen, die der Zuschauer so auch auf der Straße treffen könnte.

MM: „Heutig“? Muss man den „Floh im Ohr“ nicht retro machen?

Firit: Es gibt andere Stücke, da würde ich sofort sagen, das muss man retro machen. Das hier funktioniert ziemlich gut in einem seltsamen Nicht-Definiert-Sein. Wir sind weder heute noch Vaudeville. Das Bühnenbild ist irrsinnig schrill, grelle Farben. Im ersten Bild nur Türen nebeneinander. Das fühlt sich alles richtig an.

MM: Novalis hat über den „Witz der Verzweiflung“ geschrieben. Das ist es für Chandebise, oder?

Firit: Ja, das ist die Essenz dieses Genres, das einer was macht, was eine Reihe von Missverständnissen nach sich zieht, was Katastrophen auslöst. Das Scheitern und die Verzweiflung der Figur ist ja das, was einen lachen macht. Jede einzelne Figur hat hier ein Dilemma, durch das sie durch muss. Das kann man in diesem Stück besonders gut nachvollziehen.

MM: Motto: Schadenfreude ist die größte Freude?

Firit: Natürlich! Man denkt sich: der stolpert, der stolpert … ja, hurra, er ist gestolpert!

MM: Sie kennen Stephan Müller von „Clavigo“ und „Anna Karenina“. Wie probt es sich mit ihm?

Firit: Intensiv und nah am Stück. Es viel geistige Arbeit: Wer kommt gerade von wo her und was ist dessen Informationsstand? Das muss sich in eine Leichtigkeit auflösen, das muss ins Laufen kommen. Ich bin gespannt, ob Müllers „Metaebene“, sein Versuch, eben keine Klipp-Klapp-Komödie zu inszenieren, beim Publikum ankommt. So etwas kann auch in die Hose gehen. Wir lachen sehr viel, aber das kann natürlich ein Humor sein, der nicht jedermanns ist. Nein, nein, ich klopfe auf Holz, das funktioniert auf alle Fälle.

MM: Sehen Sie von Feydeau eine „Message“ an die Kleinbürger?

Firit: „Die Moral von der Geschicht’“ gibt es nicht. Aber die Dialoge zwischen beispielsweise Sekretärin und Chef sind „echt“, in solche Konstellationen schlittert jeder mal rein und kann sich wieder erkennen.

MM: In den „Vögeln“ haben Sie akrobatische Höchstleistungen erbracht …

Firit: … ich habe alles gegeben. Und jetzt ist es wieder turbulent. Alle Kollegen sind sich einig: Bei dieser Inszenierung werden wir Kalorien verlieren. Wir  haben ein Bühnenbild, das viele Stiegen hat. Es geht ständig treppauf – treppab, man hat schnelle Umzüge, man muss in Windeseile von Position A auf Position B landen. Also, anstrengend wird’s. Action gibt es ausreichend. Diese Slapstick-Sachen muss man üben, üben, üben, und wenn sie dann funktionieren, ist es herrlich.

MM: Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Firit: Ich werde reich und berühmt. Nein, ehrlich: Ich brauche nach neun Jahren Volkstheater neue Impulse. Ich werde in Wien bleiben, werde Richtung Film und Fernsehen gehen, weil die Anfragen der letzten Jahre immer an den Theaterterminen scheiterten. Ich bin mir aber darüber bewusst, dass diesen Plan etliche Kollegen hegen. Natürlich habe ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Aber ich darf mich mit dem guten Gefühl tragen, dass ich eine gute Agentur habe, dass ich schon Sachen gemacht habe, dass ich mit dem Mono-Verlag immer zu tun habe. Ich werde auch weiterhin Vollzeit arbeiten.

MM: Apropos, Mono-Verlag …

Firit: Wir machen Hörbücher. Angefangen haben wir vor sieben Jahren. Ganz klein. Mittlerweile haben wir uns vergrößert, haben ein wunderschönes Studio, und bringen dreißig Titel im Jahr heraus: Belletristik, Sachbücher, Kinderbücher, Krimis. Mit tollen Lesern von Michael Dangl bis Ulrike Beimpold.

MM: Werden Sie auch wieder mehr lesen?

Firit: Na klar, jetzt gibt es neu als Hörbuch „Ich freu’ mich so aufs Christkind“, 12 neue Weihnachtsgeschichten von österreichischen Autorinnen und Autoren, die Eva Mayer vom Theater in der Josefstadt und ich erzählen. Ein Titel, den ich wahrscheinlich machen werde, ist Stefan Zweigs „Magellan“, ein Riesending.

www.volkstheater.at

www.monoverlag.at

Wien, 12. 12. 2014