Bernd Liepold-Mosser im Gespräch

Dezember 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Lampedusa“ am Landestheater Niederösterreich

Lampedusa  Bild: (c) Philip Kandler. Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug

Lampedusa
Bild: (c) Philip Kandler. Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug

Am 11. 12. ist am Landestheater Niederösterreich „Lampedusa“ von Bernd Liepold-Mosser zu sehen. Ein Gastspiel in Kooperation mit dem Stadttheater Klagenfurt und dem Theater wolkenflug. Jährlich landen mehrere zehntausend MigrantInnen vor den Küsten Italiens. Der größte Teil der Boote aus Afrika und dem Nahen Osten erreicht auf Lampedusa italienisches Hoheitsgebiet. Die Pelagische Insel ist längst zur Chiffre geworden – für ein unvergleichliches Massenschicksal und für die größte Problematik der europäischen Einwanderungspolitik. Wenn Europa so tut, als seien dies nur unsere Toten, dann möchte ich für jeden Ertrunkenen, der mir übergeben wird, ein offizielles Beileidstelegramm erhalten. So als hätte er eine weiße Haut, als sei er unser Sohn, der in den Ferien ertrunken ist. Gezeichnet: Giusi Nicolini. Bürgermeisterin von Lampedusa.

Die Paradoxie, dass ausgerechnet jene Werte und Standards der Humanität, die an den Grenzen der „Festung Europa“ verteidigt werden sollen, ebendort abgeschafft werden, steht im Zentrum der theatralen Intervention von Bernd Liepold-Mosser. Mit einer vielstimmigen Textcollage aus Textsamples, Reportagen und kleinen Szenen untersucht ein Schauspielteam sowohl die Zustände und Befindlichkeiten an den Küsten Italiens als auch den technokratischen Apparat dahinter. Die kostspielige Verwaltung, die die Verteidigung der Grenzen Europas in Stand hält, sowie das nur in Opferzahlen vermittelte Leid werden blitzlichtartig personalisiert und greifbar gemacht. Da der in Frage gestellte europäische Humanismus seine stärkste künstlerische Ausprägung in der Oper findet, bilden Chöre aus der klassischen Opern- und Oratorienliteratur, die von Flucht und Heimatlosigkeit erzählen, den musikalischen Rahmen.

Der Klagenfurter Theatermacher Bernd Liepold-Mosser ist in dieser Spielzeit auch als Regisseur und Autor unserer Eigenproduktion Traummaschine. Freud-Projekt am Landestheater Niederösterreich tätig. Der Musiker Herwig Zamernik, der als Fuzzman und mit der Band Naked Lunch auftritt, und der Videokünstler Philip Kandler haben bereits mehrfach mit Bernd Liepold-Mosser zusammengearbeitet.

Es spielen Katrin Hauptmann, Nina Horvath, Magda Kropiunig, Maximilian Laprell, Alexander Meile, Kai Möller, Wiener Singakademie. Bernd Liepold-Mosser im Gespräch:

MM: Es gibt einen Kinofilm, in dem die Festung Europa fällt, weil die MigrantInnen aus Afrika sie überrennen. Wäre das auch Ihre Vorstellung einer Lösung für das Flüchtlingsproblem? Sturm auf die Bastille?

Bernd Liepold-Mosser: Das mit dem Sturm auf die Festung ist natürlich eine apokalyptische Vision. Allerdings haben vor einigen Jahren in den Pariser Banlieues die Autos gebrannt, und es gibt Umfragen, wonach zwei Drittel der afrikanischen Bevölkerung schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben, nach Europa zu gehen, und in Tripolis warten bereits Hunderttausende auf ihre Überfahrt. Mein Projekt soll zeigen, dass es da ein brennendes Problem gibt, und dass wir – das wohlhabende, situierte Europa – gefordert sind. Mit den überfüllten Booten und der Tragödie, die sich im Mittelmeer abspielt, stehen die Grundlagen unseres Wohlstands in Frage.

MM: Denn das Problem ist ja eines von den ehemaligen Kolonialmächten zurückgelassenes. Wann hat der Mensch die Humanität aufgegeben? Als er im anderen Menschen nur noch ein „Objekt“ sah (übrigens ein Ausdruck, den Folterer verwenden, wenn man sie nach dem Warum fragt)?

Liepold-Mosser: Die Aporie ist meiner Meinung nach, dass der Humanität immer auch eine Inhumanität eingeschrieben ist. Unser westlicher Lebensstil mit seinen Standards von Demokratie und sozialer Sicherheit verdankt sich, um es auf einen Begriff zu bringen, der „Ausbeutung“. Das hat natürlich politische und historische Gründe, vielleicht sogar anthropologische. Gerade deshalb sind wir dazu aufgerufen, an dem Projekt der Chancengleichheit und Gerechtigkeit festzuhalten. Wenn Habermas sagt, dass der Telos von Philosophie schlussendlich immer ein emanzipatorischer sein muss, so möchte ich das auch für das Theater beanspruchen. Es macht – bei aller Verschiedenheit der Ansätze, Stile, Verfahrensweisen – letztendlich nur Sinn, wenn es sich in diesen Kontext stellt.

MM: Sie haben für Ihre Schauspieler Textsamples aus Reportagen, von der Tourismuswerbung bis zu Frontex-Strategien zusammengestellt. Was soll, was muss der Zuschauer begreifen, wenn er aus Ihrem Theaterabend in die St. Pöltener Winternacht hinausgeht?

Liepold-Mosser: Der Abend ist wie eine Reise durch das Herz der Finsternis, beginnend von Tourismus-Texten, in denen eine Mittelmeer-Kreuzfahrt angepriesen wird über die berührenden Kommentare der „lampedusani“, also der InselbewohnerInnen, die mit dem täglichen menschlichen Katastrophen vor ihren Augen überfordert sind und sich allein gelassen fühlen, bis hin zu den übersättigten und selbstgefälligen Fratzen des Wohlstands, wie sie sich in Internet-Postings artikulieren. Ich hoffe, der Abend eröffnet neue Sichtweisen und regt an, über bequeme Selbstverständlichkeiten nachzudenken und ein Bewusstsein für die prinzipiell ungerechte Privilegiertheit der eigenen Position heraus zu bilden.

MM: Es gibt Musik, passende Chöre, die von Flucht und Heimatlosigkeit erzählen, die Gefangenenchöre aus „Fidelio“ und „Nabucco“ – instrumentalisiert à la Naked Lunch?

Liepold-Mosser: Nein. Die Chöre, diesmal gesungen von der Wiener Singakademie unter Heinz Ferlesch, werden im klassischen Original mit Klavierbegleitung gesungen. Man findet in der Oper ja immer wieder die von ihnen genannten Motive. Für mich stehen diese Chöre stellvertretend für den Anspruch europäischer Kultur und Humanität, ein Anspruch, den man vor den Toren der Festung Europa mit Füßen tritt gerade indem man glaubt, ihn zu verteidigen.

MM: Waren Sie selbst auf Lampedusa, um sich ein Bild zu machen? Haben Sie Bürgermeisterin Giusi Nicolini getroffen? Lampedusa ist längst ein „Medienschlagwort“ – wofür steht es für Sie?

Liepold-Mosser: Ich selbst war noch nie auf Lampedusa. Für mich steht Lampedusa als Chiffre für die Problematik und Herausforderung der europäischen Zuwanderungspolitik, die wiederum direkt mit der Zukunft Europas zusammen hängt.

MM: Im Jänner inszenieren Sie dann am Haus „Traummaschine“. Wie kam Ihnen die Idee zu diesem Freud-Projekt? Was fasziniert Sie an ihm?

Liepold-Mosser: Ich habe in den späten 80er Jahren in Wien Philosophie studiert und gelehrt und habe in dieser Zeit die zeitgenössischen Theoriebildungen – Frankfurter Schule, vor allem dann aber den französischen Poststrukturalismus – aufgesogen. Das Besondere war, das keiner dieser Ansätze, die sich kritisch mit der Subjektphilosophie auseinandergesetzt und nicht nur theoretisch, sondern auch künstlerisch und lebensweltlich völlig neue Perspektiven für mich eröffnet haben, ohne Freud ausgekommen ist. So habe ich mit Freud begonnen – vermittelt über Adorno, Lacan, Foucault, Derrida. Ich hatte sogar einmal ein Stipendium bei der legendären Lacan-Schule rund um Slavoj Zizek in Ljubljana! Und so ist, mehr als zwanzig Jahre später, die Idee entstanden, mich am Theater mit Freud zu beschäftigen und sein Universum mit all seinen grotesken Figuren zu erschließen.

MM: Ich fand Freud ja schon in der Maturaklasse überholt, das diskriminierende Wort „Hysterie“ wird in der heutigen Psychoanalyse nicht mehr verwendet. Was wollen Sie zeigen? Das Fin de Siècle am geistig-seelischen Abgrund? Bitte erzählen Sie ein bisschen von dem Projekt.

Liepold-Mosser: Die Textur besteht aus Montagen aus Freuds Werk, wobei ich mich neben den Träumen sehr stark auf Fallgeschichten konzentriert habe: die so genannten Hysterikerinnen, den Wolfsmann, Rattenmann, den kleinen Hans. Freud gehört ja quasi zum geistigen Weltkulturerbe, und in der direkten Wiederbeschäftigung mit ihm war es für mich erstaunlich, wie beharrlich und obsessiv Freud in seinem Erkenntnisinteresse voranschreitet. Neben der starken Behauptung des Unbewussten ist es wohl die Tatsache, dass Freud die Möglichkeit eröffnet hat, über persönlichen Nöte zu sprechen, die ihn für uns noch immer bedeutsam machen. Nach Freud schreiben wir uns doch alle auf irgendeine Weise in die Internationale der NeurotikerInnen ein. Er gehört, trotz seiner Irrwege und aus heutiger Sicht unhaltbaren Ideologeme, zu unserem selbstreflexiven Inventar.

MM: Wenn ich den Pressetext lese – Familienaufstellung, assoziativer Theaterabend – werde ich das Gefühl nicht los, wir werden da gemeinschaftstherapiert 😉 Gehen sich denn im Landestheater genügend Couchen für alle aus?

Liepold-Mosser: Freuds Texte sind, auch weil sie nicht für das Theater gedacht sind, schon – oder vielleicht müsste man sagen „noch immer“ – eine Art „Zumutung“. Genau das finde ich spannend: die Thesen, Vorgangsweisen und Grenzüberschreitungen Freuds in einen neuen Kontext zu stellen und zu sehen, was für uns dabei heraus kommt. Das Tragische und Groteske werden sich wohl die Waage halten dabei.

MM: Wie reagieren Sie persönlich, wenn es Ihnen das Unterbewusste ins Bewusste spült? Wehren Sie ab, lassen Sie zu? Hören Sie mehr auf Ihr Über-Ich oder auf Ihr Es?

Liepold-Mosser: Keine leichte Frage … Eine der Herausforderungen des Lebens ist es wohl, diese verschiedenen Kräfte jeweils für sich in eine produktive oder zumindest erträgliche Balance zu bringen.

MM: Ihre nächsten Pläne? In Klagenfurt oder anderswo?

Liepold-Mosser: Mein Kalender ist ziemlich voll: nach Traummaschine mache ich ein großes Orwell-Projekt „1984“ am Vorarlberger Landestheater, im Herbst komme ich zur Saisoneröffnung fast gleichzeitig mit zwei großen Projekten heraus: „Faust“ am Theater Regensburg (Premiere 26.9.) und „Lavant“ – ein Projekt zum 100. Geburtstag der Dichterin, geschrieben von meiner Frau Ute Liepold und mir – am Klagenfurter Stadttheater (Premiere 08.10.), dann folgen eine Oper und zwei weitere Inszenierungen in Deutschland.

www.landestheater.net

Wien, 10. 11. 2014