Theater an der Wien: American Lulu

Dezember 4, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Olga Neuwirth schreibt Alban Berg neu

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble
Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Alban Berg hinterließ 1935 Lulu ohne den dritten Akt. Friedrich Cerha durfte 1979 auf der Basis von Bergs Skizzen eine „vollständige“ Version konstruieren, die bislang die einzige Möglichkeit darstellte, das Stück ganz zu erleben. Seit 2005 sind die Rechte an Bergs Musik frei und die Komponistin Olga Neuwirth beschloss, einen neuen weiblichen Blick auf die „mythische Frauengestalt“ zu werfen. Um den Geschehnissen mehr gesellschaftspolitische Relevanz zu verleihen, versetzte sie Lulus Schicksal in das Amerika der 1950er und 1970er Jahre. Neuwirths Lulu ist schwarz. Zum Thema der Frauendiskriminierung tritt das der Rassendiskriminierung dadurch hinzu.

Premiere ist am 7. Dezember.

Im New Orleans der 1950er Jahre hat Dr. Bloom die schöne junge Schwarze Lulu aus der Gosse geholt und zu seiner Geliebten gemacht. Er möchte sich jedoch nicht zu ihr bekennen und verheiratet sie an einen Professor. Als sie diesen mit einem Fotografen betrügt, stirbt der Professor an einem Schlaganfall. Auch die anschließende Ehe mit dem Fotografen endet für den Gatten tödlich: Er erschießt sich, als er das Verhältnis Lulus zu Bloom durchschaut. Danach gelingt es Lulu, Bloom zu heiraten, denn nur ihn glaubt sie wirklich zu lieben, aber auch ihn betrügt sie. Im daraus entstehenden Streit erschießt sie Bloom und muss ins Gefängnis.
Auch Frauen verfallen Lulus Charme: Die Sängerin Eleanor liebt sie und befreit Lulu unter großen persönlichen Opfern aus dem Gefängnis. Mit Blooms Sohn Jimmy flieht Lulu nach New York. Dort arbeitet sie bis in die 1970er Jahre erfolgreich als Luxuscallgirl, aber in ihr sterben alle Gefühle ab. Als auch Eleanor sie verlässt, sieht sich Lulu allein den Konsequenzen ihres Berufs ausgeliefert.

Zur Heldin wird in Neuwirths Oper neben Lulu die zweite weibliche Figur Eleanor, Bergs Gräfin Geschwitz. Verkörpert wird diese von der texanischen Bluessängerin Della Miles, die unter anderem neben Whitney Houston und Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne stand. In der Titelrolle ist Marisol Montalvo zu erleben, die mit ihrer explosiven Bühnenpräsenz und gesanglichen Stärke in der Titelpartie von Bergs Lulu unter anderem das Opernpublikum der Opéra national de Paris begeisterte. Die musikalische Leitung übernimmt der Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke, ein herausragender Künstler in Sachen Neuer Musik, der zuletzt mit der Uraufführung seiner Oper Die Besessenen (2010) am Theater an der Wien zu erleben war. Es spielt bei diesem Gastspiel das Orchester der Komischen Oper Berlin. Gesamtkonzept und Neuinterpretation von Alban Bergs Oper „Lulu“ von Olga Neuwirth (2006-2011);  Regie und Ausstattung: Kirill Serebrennikov.

www.theater-wien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FMalfG3w8eQ&list=UUX6c0PHxisw54HEz7UG0XHg

Wien, 4. 12. 2014