Michael Gampe im Gespräch

November 27, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kammerspiele: Frühstück bei Tiffany

Michael Gampe

Michael Gampe

Die Kammerspiele bringen ab 4. Dezember Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ als Österreichische Erstaufführung. Die Verfilmung des Romans mit Audrey Hepburn in der Rolle der bezaubernden Holly Golightly, dem zuerst gefeierten und dann fallengelassenen Darling der New Yorker Society, zählt längst zu einem Klassiker der Filmgeschichte. Legendär wurde der von Hepburn interpretierte und mit einem Oscar ausgezeichnete Song Moon River. Holly Golightly ist der Darling der New Yorker Society. Sie fehlt auf keiner der angesagten Partys der Stadt und schmückt die Titelseiten der Klatschpresse. Ihre Freunde, vorwiegend vermögende Herren aus besseren Kreisen, spendieren ihrer charmanten Begleitung gerne ein großzügiges „Toilettengeld“. Auch Hollys Nachbar, ein mittelloser Schriftsteller, fühlt sich von der anmutigen Frau unwiderstehlich angezogen – aus der anfänglichen Faszination wird rasch Liebe. Und auch Holly empfindet auf ihre Art Zuneigung zu ihm, allerdings ohne ihren Lebensstil zu ändern.

Capote feierte im Alter von nur vierundzwanzig Jahren mit seinem Roman „Andere Stimmen, andere Räume“ einen Sensationserfolg. 1958 veröffentlichte er den Kurzroman Frühstück bei Tiffany, in dem er treffend die schillernde New Yorker Schickeria porträtierte. In die Figur der glamourösen Holly Golightly flossen viele Wesenszüge von Capote ein, wie sein Biograf Gerald Clarke beschreibt: „Von all seinen Charakteren, sagte Truman später, sei ihm Holly am liebsten, und es ist leicht einzusehen, warum. Ihr ganzes Leben ist Ausdruck von Freiheit und Toleranz gegenüber menschlichen Verfehlungen, ihren eigenen wie auch denen aller anderen. Sie ist eine Frau, die aus dem Leben eine Ferienzeit (holiday) macht, durch die sie leichten Schrittes geht (go lightly).“ Aber auch Hollys Ruhelosigkeit und ihr beständiges Streben nach gesellschaftlichem Aufstieg entsprechen Capotes Biografie.

In den Kammerspielen spielen Ruth Brauer-Kvam (Holly Golightly) und Christian Nickel (Fred) sowie Sarah Jung, Nicolaus Hagg, Oliver Huether, Alexander Strobele, Siegfried Walther, Christoph Zadra und Martin Zauner. Ein Gespräch mit Regisseur Michael Gampe:

MM: Sie ziehen ins Felde gegen Audrey Hepburn, das Kleine Schwarze samt Sonnenbrille, die Perlenkette, die Hochsteckfrisur … alles, woran sich der Zuschauer bei „Frühstück bei Tiffany“ erinnern kann. Warum wollten Sie das Stück auf die Bühne bringen?

Michael Gampe: Ich trete nicht gegen einen Film an, ich spiele den Roman von Truman Capote in der Bühnenfassung von Richard Greenberg. Der Film war die den 60er-Jahren ein großer Erfolg. Capote fand ihn wörtlich „zum Kotzen“ – und ich bin auch kein Fan. Man muss das so verstehen, dass in der Zeit nach dem Krieg die Sehnsucht nach einer heilen, feinen Welt da war. Capote bietet das gar nicht an. Tatsache ist, meine Inszenierung wird nicht sentimental-kitschig sein. Und sie geht auch anders aus, als der Film: Holly Golightly und Fred kriegen einander nicht. Sie geht weg. Sie sind wie die beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten.

MM: Weil?

Gampe: Das die Geschichte einer jungen, missbrauchten Frau ist, die schon im Alter von 13 von „Doc“, einem Tierarzt aus Texas geheiratet wurde. Sie stammt aus einer ganz miesen Familie. Daraus stehen all ihre Probleme, und sie beschreitet Ihren Lebensweg mit Grandezza, Leichtigkeit und Charme. Diesen Weg, auf dem sie versucht, von ihren traumatisierenden Erlebnissen wegzukommen. Doch in Wahrheit arbeitet sie sich ihr ganzes Leben daran ab. Das ist Holly Golightly: Eine Edelprostitiuierte, die betrügt, verrät, Menschen verlässt – und die sich einfach nicht fremd bestimmen lässt. Wenn ihr jemand zu nah kommt, wie Fred, muss sie weggehen. Das ist das Hauptthema dieses Abends, das wir mit hervorragenden Schauspielern umzusetzen versuchen: Ein Leidensweg, auf dem sie mehrere andere in den Abgrund reißt. Sartre sagt: Die Hölle sind die anderen. Ich glaube, die Hölle sind die anderen, wenn man aus seinem eigenen Käfig nicht herauskommt. Holly versucht verzweifelt, den Käfig, in den sie gesperrt wurde, zu verlassen, es gelingt ihr nur nicht. Auch das ein universales Thema: Leben wir nicht alle in einem Käfig? Merken wir noch in welchen Konventionen wir gefangen sind? Wer bin ich? Wo bin ich? Und wie bin ich da hineingeraten?

MM: Capotes Text ist viel zynischer, als das, was Hollywood daraus gemacht hat. Wer kam jemals auf die Idee, das eine Komödie zu nennen?

Gampe:Ich nicht. Man muss ein paar Mal schmunzeln, weil es sehr ironisch ist, wie er die „High Society“, die Gesellschaft beschreibt. Aber letztlich sage ich meinen Schauspielern, wir loten die Charaktere aus und versuchen eine Geschichte zu erzählen. Mehr ist nicht. Als dass wir das Publikum berühren wollen. Das ist ein urtrauriges Stück, aber ich glaube, dass Lachen und Weinen auf einem sehr schmalen Grat dahinwandeln. Capote stammt aus Alabama, aus einer Unterschichtsfamilie, ein hochsensibles Kind, ein sehr ambivalenter Mensch. Er wollte unbedingt aufsteigen in die New Yorker Gesellschaft. Seine Figuren Holly und Fred haben viel mit seinem eigenen Leben zu tun. Auch der „perverse“ Rusty Trawler ist ein Teil Capotes, der seine Homosexualität sehr offen gelebt hat, aber nicht annahm, sondern der Tatsache in die Schuhe schob, dass seine Mutter mit Männern in Motelzimmern verschwand und ihn allein ließ.

MM: Wie wirkt Holly auf Sie?

Gampe: Wenn Sie mich ganz persönlich fragen: Vor vielen Jahren wäre ich ihr total verfallen gewesen. Aber ich habe meine eigenen neurotischen Landebahnen zerstört, damit solche Menschen nicht mehr einfliegen können. Sie hat etwas Faszinierendes, ist eine Grenzgängerin, spaziert am Abgrund entlang, kann sich kurz hingeben, kurz Türen in den Himmel öffnen – und ist in der nächsten Sekunde weg. Holly Golightly ist immer auf Reisen. Sind wir das nicht alle irgendwie? Letztlich ist das eine Metapher für unser eigenes Leben. Truman Capote schreibt über Sehnsucht, über Liebe, über den Tod, über die Einsamkeit. Das schlummert hinter den Zeilen, und das spürbar zu machen, ist eine spannende Aufgabe. Holly trägt eine Maske, dahinter steckt ein reines Menschenwesen, aber sie lässt niemanden hinter ihren Schutzschild blicken.

MM: Ruth Brauer-Kvam spielt die Holly. Ihr Qualität?

Gampe: Dass sie in dem Moment, in dem es drauf ankommt, die Maske fallen lassen kann und „nackt“ vor dem Zuschauer steht. Sie hat den Mut entwickelt, immer weniger Schutzmechanismen auf der Bühne zu verwenden. Und sie singt: „Moonriver“, ein Fado mit Ukulele – Musik ist auch im Roman ein Überlebenselexier von Holly. Sie muss den sexuellen Missbrauch, den sie erfahren hat, mit allen Mitteln unterdrücken, sonst könnte sie nicht überleben. Und da hilft ihr auch die Musik. 1958 war der Roman unglaublich provokant. Über Sex (!) zu schreiben, in diesem „freien“ und doch so bigotten Land. Auch Capote hat sich eine Realitätsblase gebaut, um überleben zu können. Nach außen hin war er der Zyniker, gab das „Arschloch“, nach innen ein feinfühliger Freund, ein guter Zuhörer. Er hat sich mit den „Erhörten Gebeten“ aus der High Society heraus katapultiert, weil sie die Kritik, die er übte nicht verstanden oder nicht verstanden haben.

MM: Gibt es von ihm einen sachdienlichen Hinweis, wohin Holly verschwindet?

Gampe: Fred sagt, entweder ist sie tot, im Irrenhaus oder prüde geworden und verheiratet. Wir wissen es nicht – und ich möchte es auch offen lassen. Weil ich es auch nicht weiß.

MM: Wie wird das Publikum auf diese andere (als die Lieblingsfilm-)Interpretation reagieren?

Gampe: Ich glaube, dass sie’s mögen werden, weil die Leute sich gerne berühren lassen.

MM: Waren Sie schon einmal bei Tiffany?

Gampe: In New York nein. Einmal in der Wiener Dependance.

www.josefstadt.org

Wien, 27. 11. 2014