Hubert Sauper: We Come As Friends

November 25, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kolonialismus geht in die zweite Stufe

Bild: © Filmladen Filmverleih

Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 28. November startet in den Kinos Hubert Saupers Dokumentarfilm „We Come As Friends“, eine neuzeitliche Odyssee, eine atemberaubende Reise in das Herz Afrikas: In jenem Moment als der Sudan, das größte Land des Kontinents, in zwei Nationen geteilt wird, verfällt das Land erneut in alte Muster der „Zivilisierung“ – Kolonialismus, Kampf der Herrscher, und neue blutige Kriege im Namen des Glaubens und im Namen der Territorien und Ressourcen. Hubert Sauper, der Regisseur von „Darwin’s Nightmare“ nimmt uns mit in seinem kleinen, selbst entworfenen und gebauten Flugzeug aus Blech und Leinwand an die unwahrscheinlichsten Orte und tief in die Gedanken und Träume der Menschen. Chinesische Ölarbeiter, UN-Friedenstruppen, sudanesische Kriegsherren und amerikanischen Evangelisten verweben ironisch Gemeinsamkeiten in diesem Film. Ein komplexes, tiefgreifendes und humorvolles filmisches Unterfangen.

Hubert Sauper im Gespräch:

„Auch wenn ich Filme in Afrika drehe, mache ich keine Filme über Afrika. Afrika ist eine Plattform, die es ermöglicht, über unsere Zivilisation und unsere Zeit zu reden“. Hubert Sauper führt in „We Come As Friends“ seine Reflexionen zum Thema Kolonialisierung weiter.
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Was den Beginn der Dreharbeiten zu „We Come As Friends“ vorangeht, ist die Konstruktion eines Zweisitzer-Flugzeuges, mit dem Sie von Frankreich aus nach Afrika aufgebrochen sind. Nun ist so ein kleines Flugzeug Träger unzähliger Metaphern. Was hat Sie veranlasst, dieses Fortbewegungsmittel zu wählen? Was symbolisiert es für Sie?
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Hubert Sauper: Ich habe mich jahrelang theoretisch mit dem Thema Kolonisierung beschäftigt. Kolonisierung und Globalisierung sind abstrakte Begriffe, die so oft verwendet werden, dass man gar nicht mehr weiß, was sie genau bedeuten. Wenn man dieser „Pathologie“ auf den Grund geht, dann gelangt man zu einem wahnwitzigen Schluss. Kolonisierung steckt so tief in uns drinnen, dass es Teil unserer Zivilisation ist. Ich denke da weniger an die Tatsache, dass Europa die ganze Welt überfallen und zerrüttet und Millionen von Menschen vernichtet hat. Viel interessanter ist unser Mind-Set dazu. Wir, die westliche Zivilisation, agieren als Piraten, Mörder und Völkermörder und erfinden andererseits immer neue Mechanismen, um uns zu versichern, was für gute Menschen wir sind und wie sehr wir „on the good side of history“ stehen. Wir fahren nach Afrika, um die Menschen, die im Schatten leben, ans Licht zu bringen. Die Wahrnehmung davon, wo die Menschen im Licht und wo sie im Schatten leben, ist implizit in unserer kranken Weltsicht verankert.Viele Metaphern, die mit Kolonisierung zu tun haben, treffen sich im Gegenstand des Flugzeugs. Es ist Transportmittel, Symbol für technische Überlegenheit, phallisch, weiß, kommt von oben auf den schwarzen Kontinent hinunter, richten Unheil durch Bombardierungen an. Die ersten Bomben, die in der Geschichte der Menschheit von Flugzeugen aus auf Menschen abgeworfen wurden, fielen 1911 aus einem italienischen Flugzeug auf libyschen Boden. Genau an jenen Ort, an dem ich etwas außerhalb von Tripolis mit meinem Flugzeug gelandet bin. Ironischerweise genau hundert Jahre bevor die NATO Libyen bombardierte. Dazu kommt der christliche Symbolismus, der von der UNO wenn auch unbewusst bis an die Grenzen ausgereizt wird. Gute und rettende Menschen kommen in weißen Flugzeugen aus Europa und Amerika bringen Hilfsgüter, Impfstoffe und Lebensmittel und die Afrikaner müssen sich dankbar erweisen. Gleichzeitig sind Flugzeuge Maschinen, die mit Freiheit, Träumen in Verbindung stehen und auch eine Idee des „High-Seins“ vermitteln. Dieses kleine Flugzeug war unser LSD. Das Konzept der Superiorität kann sich allerdings schnell umkehren. Wenn man in einer fliegenden Blechdose auf einem libyschen Militärstützpunkt landet, ist von Überlegen-Sein keine Rede mehr. In solchen Situationen wurde der kleine Flieger eher zum trojanischen Pferd, weil er die Leute beinahe in einen Zustand der Lähmung versetzt hat. In dem Moment, wo wir ausgelacht wurden, hatten wir schon gewonnen. Das Wichtigste für einen Filmemacher ist der Zugang zu den Menschen und den hat man in dem Moment, wo die Leute zu lachen beginnen, auch schon gewonnen. Manche hab ich dann auf eine Runde im Flieger eingeladen.
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„Darwin’s Nightmare“ hatte ein unglaubliches internationales Echo und eine Nominierung für den Oscar, aber auch ein juristisches Nachspiel, das viel Kraft und Energie gekostet haben muss. Welche Frage hat Sie angetrieben, sich erneut in ein Abenteuer zu stürzen?
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Sauper: Auch wenn ich Filme in Afrika drehe, mache ich keine Filme über Afrika. Afrika ist eine Plattform, die es ermöglicht, über unsere Zivilisation und unsere Zeit zu reden. Viele Dinge, die bei uns in Europa sehr abstrakt sind, sind dort konkret und transparent. Korruption ist in Afrika gewiss nicht stärker verbreitet als in Europa, sie ist dort leichter zu beschreiben. In Europa ist sie ebenso Teil des Systems, sie heißt halt dann Lobbyismus. Die Spiele sind die gleichen. Das Nachbeben zu „Darwin’s Nightmare“ war in dem Moment, wo es geschehen ist, ein harter Schlag. Es hat mich umgekehrt sehr klar positioniert. Ich kenne meine Feinde. Letztendlich hat es mir sehr viel Energie verliehen, weil mir bewusst wurde, dass es ein System gibt, das ich nicht nur in meinen Filmen beschreibe, sondern das auch aktiv zugeschlagen hat. Umso mehr hatte ich auch Lust, wieder auszuholen. Diesmal bin ich auch mental besser auf den nächsten Backlash vorbereitet. Ich rechne jedenfalls damit. Wenn der Film in die Kinos kommt wird es wieder gefährlich werden. Aber ich bin älter und besser vorbereitet.
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Warum fiel die Wahl auf den Sudan als Schauplatz Ihres neuen Films?
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Sauper: Der Sudan ist ein Land mit einer jahrhundertealten Kolonialgeschichte, aber auch einer Jahrhunderte währenden Geschichte des Widerstandskampfes. Sudan war mehr oder weniger der „Hinterhof“ von Ägypten. Schon zu Zeiten der Pharaonen holten die Herrscher über den Schiffweg am Nil ihre Sklaven, Rohstoffe, Lebensmittel von dort. Späterwurde der Sudan von den Ottomanen, dann von den Briten, teils von den Franzosen in Besitz genommen, auch die arabischen Länder versuchten es zu vereinnahmen. Im Prinzip ist der Sudan ein Miniaturabbild von ganz Afrika, es gibt einen arabischen und einen schwarzafrikanischen Teil, eine Hälfte des Landes ist Wüste, die andere grün, der Nil schneidet in der Mitte durch. Mit der Teilung des Sudans 2011 haben sich meine Erwartungen bestätigt, nämlich dass die Teilung des Landes etwas wie ein Fenster auf die Geschichte ist. Die Kolonialgeschichte Afrikas wurde in erster Linie dadurch determiniert, dass die Europäer Afrika in 50 kleine Stücke aufteilten und sie dann als Nationen benannten. Das größte dieser 50 Stücke war der Sudan. Aus imperialpolitischer Sicht sind große Einheiten schlecht und es gab einen unausgesprochenen Konsens darüber, dass der Sudan fallen sollte. Was die Situation noch verschärfte, war der Umstand, dass die USA einen stärkeren Fokus auf Afrika richteten. Der Sudan wurde in eine Nord- und eine Südhälfte, praktisch in eine westliche und eine chinesisch dominierte asiatische Hälfte geteilt. Eine Teilung, die sich wie ein gespielter, hundert Jahre alter Witz vor unseren Augen vollzog. Mein Wissen über die Kolonialgeschichte, das Prinzip des „Divide and rule“, die Art, wie der Schritt der Teilung als politisch notwendiger Schritt zwischen den Guten und den Bösen kommuniziert wurde, sah ich real umgesetzt. Für einen Filmemacher ein wahres Geschenk. Im Prinzip ging es nur um die Frage, wie man am besten herrschen kann. Niemand sprach davon, dass die ganze Welt aktiv daran mitarbeitete, eine neue, 2000 km lange Grenze mitten durch Afrika, mitten durch die Ölfelder zu ziehen. Jedes Kind kann den Schluss ziehen, dass das nicht lange gut gehen kann.
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In „We Come As Friends“ lassen Sie sich in ein Geflecht von Fäden ein, das genau dieses Chaos vor Augen zu führt und nicht mehr zu entwirren ist. War Sich-Einlassen auf das, was kommt, Sich-mit-den-Ereignissen-Weiter bewegen die Strategie, wenn man dieses Wort verwenden kann, mit der Sie an dieses Projekt herangegangen sind?
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Sauper: Die Strategie war die, mir mit dem Flugzeug, das auch einen gewissen Effekt der Verblüffung erzeugte, einen Zugang zu schaffen. Das war in gewisser Weise sehr konzeptuell. Was dann geschah, war in keiner Weise genau planbar. Wenn man sich auf eine gewisse Wellenlänge einpendelt, dann passieren auch „Wunder“ – dass beispielsweise plötzlich jemand „My land, my land“ vor der Kamera zu singen beginnt. Das ist die purste Form von Dokumentarfilm. Es gibt nichts Wirklicheres für einen Filmemacher als einen starken Moment zu erleben und ihn mit der Kamera auch noch aufzuzeichnen. Da passiert etwas Enigmatisches, das sich Kino nennt. Es gibt Momente, wo man als Filmemacher genau weiß, dass jetzt der Moment da ist. In diesem Moment darf man halt keine unscharfen Bilder machen, das ist das Einzige, woran man denken muss. Teil des Konzepts war es auch, mein eigenes Leben in einen Zustand der Außergewöhnlichkeit und mich selber mental in einen außergewöhnlichen Zustand zu begeben, dass man die Welt wie in einem Drogenrausch plötzlich ganz anders sieht, allerdings ohne Drogen dafür zu nehmen, sondern durch einen gedanklichen und physischen Ausnahmezustand.
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Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner gefunden?
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Sauper: Bei jeder Landung war uns klar, dass es wieder Riesenstunk geben würde. was sich in den ersten Minuten meist bewahrheitet hat, wenn ein Typ in Uniform auf uns zukam, um uns mitzuteilen, dass wir „grounded“ seien. Oft bekamen wir einen Lachkrampf, weil klar war, dass es unausweichlich war. Aus diesem Ausnahmezustand ist ein Ausnahmeblick auf die Welt entstanden. Die meisten Bilder in einem Dokumentarfilm existieren deshalb, weil man selber da ist und weil man selber Teil dieser Realität ist. Wie man mit jemandem redet, wie jemand seinen Blick auf den Filmemacher wirft, das ist dann im Film zu sehen. Ich will auf keinen Fall, dass sich der Zuschauer im Film „wohlfühlt“. Zum Glück ist die Welt eine Aneinanderreihung von Absurditäten, in so einem Wahnsinn sind die Ironie, das Paradoxe, das Enigmatische, das Phantastische und Schöne die Überlebensanker. In der Kunstgeschichte ist es nicht anders. Die grausamsten Darstellungen der Hölle zum Beispiel sind meistens „schöne“, phantastische Kunstwerke.
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Wie konnten Sie als „Weißer“, wenn auch mit einer sehr reflektierten Haltung gegenüber dem Kolonialismus, in Ihrer filmischen Arbeit Ihre Position finden?
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Sauper: Ich bin und bleibe ein Europäer, daran ist nichts zu ändern. Im Film habe ich meine Position sehr genau dosiert und mich selbst wie eine Figur behandelt. Ich habe mich als Filmfigur als jemand hingestellt, der Teil des Wahnsinns ist und nicht der nette Hubert. Natürlich sehe ich mich lieber als jemand, der gerne mit den Kindern im Dorf herumblödelt und nicht als jemand, der eine potenzielle Bedrohung für die Leute darstellt. Mir war es wichtiger, Situationen zu zeigen, wie ganz am Anfang, wenn wir in einem Dorf landen, und die Leute uns verstört fragen, was wir denn überhaupt da wollten. Ich wollte diese Ambivalenz spürbar machen, da ich keinesfalls die Position eines guten Menschen in einer bösen Welt einnehmen wollte. Das macht den Zugang zum Film schwieriger, aberintellektuell auch spannender. Wenn jemand zu mir sagt „Du willst eine Gesellschaft kritisieren, von der du selbst ein Teil bist“, dann stimme ich dem zu. Mein Flugzeug hat außerdem auch Benzin gebraucht und die Luft verpestet. So ist es. Ich wollte nie versuchen, etwas zu erklären. Dazu gibt es BBC und Wikipedia und ein Heer von Journali sten auf der ganzen Welt. Ich wollte vielmehr einen Stein auf den anderen legen, bis es ein Konstrukt wird, das einen explosiven Zustandim Kopf herstellt. Es war nie meine Absicht, die Augen zu öffnen, sondern vielmehr komplexere Gedanken in Gang zu setzen.
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Ist Filmemachen für Sie ein Wandeln an den Grenzen und ein Überschreiten davon?
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Sauper: Ich will mich selber in einen Grenzzustand versetzen und wie schon gesagtin einem Geisteszustand sein, der einem Drogenrausch gleichzusetzen ist. Andererseits bin ich kein Adrenalin-Junkie. Ich gebe schon Acht, dass ich nicht herunterfalle. Es wirkt im Film vielleicht extremer als es war. Im Nachhinein betrachtet gab es banale Momente, die potenziell sehr gefährlich waren, spektakuläre Momente, die letztlich ungefährlich waren. Natürlich ist es ein Abenteuer und das ist wiederum etwas, das mit Kolonialismus zu tun hat. Was die Pioniere des Kolonialismus unter anderem motiviert hat, waren auch Dinge wie Neugier und Abenteuerlust, das Eintreten in neue Welten und die Begegnung mit dem Unbekannten. In unserer komfortablen Zeit ist das fast schon etwas Archaisches und hat etwas von einer anderen Zeit. Manchmal fühle ich mich in unserer Zeit völlig deplatziert. Jeder redet von Sicherheit, Zukunftsvorsorge, Pension. Das halte ich für viel lebensgefährlicher als die Lebensgefahr, in die ich mich vermeintlicher Weise begebe. Die wahre Lebensgefahr sehe ich darin, ein Leben lang für eine Bank zu arbeiten und schließlich draufzukommen, dass es für nichts war. Oder mit jemandem 50 Jahre verheiratet sein, den man nicht mag und nur aus Bequemlichkeit den Schritt nicht zu setzen. Wieviele Menschen verspielen ihr Leben, weil sie sich jedem Risiko verweigern?

Wien, 25. 11. 2014