Salzburger Festspiele 2015

November 7, 2014 in Bühne, Klassik, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Macht und Ohnmacht

Jedermann: Brigitte Hobmeier, Cornelius Obonya Bild: Salzburger Festspiele

Jedermann: Brigitte Hobmeier, Cornelius Obonya
Bild: Salzburger Festspiele

Diesem Motto der kommenden Salzburger Festspiele mag der Verzweiflungsschrei von „Jedermann“ Cornelius Obonya auf dem Bild gelten. Denn es gibt – nach Auflösung des Young Directors Project – genau drei (in Zahlen: 3) Neuinszenierungen im Schauspielbereich. Da fragt man sich, warum Salzburg die Tore fürs Sprechtheater nicht entgültig schließt, und ein reines Opern-Konzert-Festival wird. Die Details:

DIE OPER

Wolfgang Rihms Musik-Theater Die Eroberung von Mexico nach Antonin Artaud: Ingo Metzmacher dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien in der Felsenreitschule, Regie führt Luc Bondy. Angela Denoke singt Montezuma, Bo Skovhus singt Cortez. Mit W.A. Mozarts Le nozze di Figaro schließt Regisseur Sven-Eric Bechtolf den Da Ponte-Zyklus ab. Dan Ettinger dirigiert die Wiener Philharmoniker. Mit u.a. Martina Janková als Susanna, Adam Plachetka als Figaro, Genia Kühmeier als Contessa, Luca Pisaroni als Conte Almaviva, Margarita Gritskova als Cherubino. Ludwig van Beethovens Oper Fidelio wird von Claus Guth im Großen Festspielhaus inszeniert. Es dirigiert Franz Welser-Möst die Wiener Philharmoniker. Mit u.a. Adrianne Pieczonka als Leonore, Jonas Kaufmann als Florestan, Olga Bezsmertna als Marzelline, Norbert Ernst als Jaquino. Cecilia Bartoli ist diesen Sommer in zwei Opern-Produktionen zu hören: In der Wiederaufnahme der erfolgreichen Norma von Vincenzo Bellini (ausgezeichnet mit dem International Opera Award für die beste Neuproduktion 2013). Giovanni Antonini dirigiert das Orchestra La Scintilla in der Regie von Moshe Leiser und Patrice Caurier. In der Übernahme der Salzburger Pfingstfestspiele 2015 singt Cecilia Bartoli die Titelrolle in Christoph W. Glucks Iphigénie en Tauride. Diego Fasolis leitet I Barocchisti. Regie führen Moshe Leiser und Patrice Caurier. Christopher Maltman singt den Oreste und Rolando Villazón den Pylade. Il trovatore und Der Rosenkavalier werden 2015 wieder aufgenommen. Il trovatore wird in der Inszenierung von Alvis Hermanis von Gianandrea Noseda musikalisch neu einstudiert. Anna Netrebko, Francesco Meli, Plácido Domingo, Ekaterina Semenchuk u.a. sind wieder im Großen Festspielhaus zu hören. Der Rosenkavalier wird von Franz Welser-Möst dirigiert. In Harry Kupfers Regie singen u.a. Krassimira Stoyanova, Sophie Koch, Golda Schultz, Günther Groissböck, Adrian Eröd. In beiden Aufführungen spielen die Wiener Philharmoniker.

Konzertante Opern-Aufführungen

In Jules Massenets Werther singt Piotr Beczala den Werther und Elīna Garanča die Charlotte. Alejo Pérez dirigiert das Mozarteumorchester Salzburg. Thomas Hengelbrock leitet in Henry Purcells Dido and Aeneas das Balthasar-Neumann Ensemble, -Chor und -Solisten. Mit Johanna Wokalek, Kate Lindsey, Katja Stuber. In Giuseppe Verdis Ernani dirigiert Riccardo Muti das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini. Es singen u.a.: Francesco Meli, Luca Salsi, Ildar Abdrazakov, Tatiana Serjan und die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor.

DAS SCHAUSPIEL

Drei Neuinszenierungen und die Wiederaufnahme des Jedermann umfasst das Schauspielprogramm 2015. Henry Mason, der 2013 das Publikum im Residenzhof mit Ein Sommernachtstraum begeisterte, führt Regie in William Shakespeares Komödie der Irrungen auf der Perner-Insel. Es spielen u.a. Meike Droste, Elisa Plüss, Florian Teichtmeister, Thomas Wodianka. Stephan Kimmig inszeniert Clavigo nach Johann Wolfgang von Goethe im Landestheater. Mit Kathleen Morgeneyer, Susanne Wolff, Alexander Khuon und Ensemblemitgliedern des Deutschen Theaters Berlin. Die Kurt Weill Foundation for Music hat der Bitte der Salzburger Festspiele nach Adaption der Dreigroschenoper von Kurt Weill stattgegeben. Martin Lowe, ausgezeichnet mit dem Tony-, Grammy- und Olivier-Award und bei den Festspielen verantwortlich für die Musik zu Jedermann, übernimmt die Bearbeitung und musikalische Gesamtleitung. Jedermann Co-Regisseur Julian Crouch inszeniert Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper in der Felsenreitschule, die damit seit 20 Jahren wieder für das Schauspiel geöffnet wird. Das Libretto von Bertolt Brecht wird beibehalten. Mit: Graham F. Valentine, Pascal von Wroblewsky, Sonja Beisswenger, Michael Rotschopf, Sona MacDonald, Miriam Fussenegger, Martin Vischer u.v.a. Der Jedermann wird in gleicher Besetzung wie im vorigen Jahr wieder auf dem Domplatz gespielt. www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

DAS KONZERT

Nach der musikalischen Auseinandersetzung mit der jüdischen, buddhistischen und islamischen Religion in den Vorjahren befasst sich die Ouverture spirituelle 2015 mit den vielfältigen musikalischen Ausprägungen des Hinduismus. Präsentiert werden Theater-, Musik- und Tanzformen aus den verschiedenen Regionen Indiens: Formen des alten Sanskrittheaters Kutiyattam, der nordindischen Musiktraditionen Dhrupad und Khyal sowie der südindischen, karnatischen Musiktraditionen mit dem ehemaligen Tempeltanz Bharatanatyam. So wie die Musik des Hinduismus in der Veda (sanskrit für Wissen) fußt, zeigen viele der in der Ouverture spirituelle vereinten Messvertonungen historische Beziehungen bis zurück zu den Anfängen christlichen Kultgesangs: exemplarisch etwa die Missa solemnis, in der Beethoven alle Stile vom gregorianischen Choral bis in seine Zeit im vielstimmigen Gotteslob vereinte. Ihr werden Bachs h-Moll-Messe, Mozarts c-Moll-Messe, Schuberts As-Dur-Messe und Bruckners f-Moll-Messe zur Seite gestellt. Palestrinas Vokalpolyphonie und Bachs Musikalisches Opfer runden die Ouverture spirituelle ab, die traditionell mit Haydns Schöpfung eröffnet wird. Das Konzertprogramm der Wiener Philharmoniker konzentriert sich in den nächsten zwei Jahren auf Werke, die sie einst selbst uraufgeführt haben oder die eng mit ihrer Vergangenheit verbunden sind: Die 2. und 3. Symphonie von Johannes Brahms, deren Uraufführungen einst Hans Richter geleitet hat, werden von Riccardo Muti und Semyon Bychkov erarbeitet. Daniel Barenboim interpretiert Gustav Mahlers Neunte, die Bruno Walter erst nach dem Tod des Komponisten zur Uraufführung brachte. Bernard Haitink leitet Anton Bruckners 8. Symphonie. Mit Yannick Nézet-Séguin dirigiert ein Vertreter der jüngeren Generation Bruckners Messe f-Moll. An Franz Schmidt, selbst Philharmoniker und Solocellist im Hofopernorchester, erinnert dessen 2. Symphonie, für die sich Semyon Bychkov einsetzt. Bei Bohuslav Martinů und Peter I. Tschaikowski schließlich verknüpft sich die Orchestergeschichte auch mit der Festspielhistorie: Les Fresques de Piero della Francesca erlebten 1956 in Salzburg unter Rafael Kubelík ihre Uraufführung – und Anne-Sophie Mutter feiert mit Tschaikowskis Violinkonzert ein Jubiläum: Vor 30 Jahren hat sie es hier gespielt. Am Pult der Philharmoniker stand damals Herbert von Karajan.

Einen Programmschwerpunkt bildet die Reihe Salzburg contemporary, die Pierre Boulez zum 90. Geburtstag gewidmet ist. Um das vielfältige Schaffen dieses bedeutenden Komponisten und Dirigenten ins Zentrum der Reihe zu rücken, sind einige der engen Weggefährten, darunter Daniel Barenboim, Pierre-Laurent Aimard und Sylvain Cambreling, eingeladen, Werke von Pierre Boulez zur Aufführung zu bringen. Auch das von Pierre Boulez gegründete Ensemble intercontemporain sowie das von ihm mitbegründete und lange von ihm geleitete IRCAM, ein Forschungsinstitut für Akustik und Musik, würdigen den Jubilar unter dem Dirigat seines aktuellen künstlerischen Leiters Matthias Pintscher. In der Reihe Orchester zu Gast spielen Les Musiciens du Louvre Grenoble unter Marc Minkowski, der Concentus Musicus Wien mit Nikolaus Harnoncourt, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit Cornelius Meister, das Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer, das West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim, das Boston Symphony Orchestra mit Andris Nelsons, das Gustav Mahler Jugendorchester unter Herbert Blomstedt, das Israel Philharmonic Orchestra mit Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle. Die Mozart-Matineen, traditionell gespielt vom Mozarteumorchester Salzburg, werden in diesem Sommer geleitet von Andrés Orozco-Estrada, Rudolf Buchbinder, Ivor Bolton, Giovanni Antonini und Ádám Fischer. Gilt das Hauptaugenmerk gegebenermaßen dem Schaffen Wolfgang Amadeus Mozarts, wird dieses von zwei Hauptwerken Franz Schuberts umrahmt: In der ersten Matinee ist dessen Messe in As-Dur zu hören, die letzte Matinee endet mit Schuberts großer C-Dur Symphonie. Auch die Camerata Salzburg hat eine eigene Konzertreihe bei den Salzburger Festspielen: Unter Ingo Metzmacher wird Schuberts Oratorium Lazarus zum ersten Mal bei den Salzburger Festspielen zur Aufführung gebracht. In zwei weiteren Konzerten sind Pinchas Zukerman und François Leleux sowohl als Dirigenten am Pult als auch als Solisten zu erleben. Die Liederabende gestalten Christian Gerhaher mit Gerold Huber am Klavier, Maria Agresta mit Julius Drake, Juan Diego Flórez mit Vincenzo Scalera, Elīna Garanča mit Malcolm Martineau, Christiane Karg mit Malcolm Martineau, Matthias Goerne mit Christoph Eschenbach und Angela Denoke mit Tal Balshai, Norbert Nagel und Tim Park.

Dem Werk Kurt Weills ist ein weiterer Schwerpunkt im Sommer 2015 gewidmet: Neben der Neuinszenierung von Mackie Messer – Eine Salzburger Dreigroschenoper in der musikalischen Adaption von Martin Lowe, findet am 15. August Brecht / Weills Die Dreigroschenoper konzertant unter der Leitung von HK Gruber mit dem Ensemble Modern, dem Salzburger Bachchor, Max Raabe als Macheath, Sven-Eric Bechtolf als Sprecher u.a. statt. Zudem widmet sich Angela Denoke dem Komponisten in ihrem Liederabend Städtebewohner – Kurt Weill und seine Zeit. In den Solistenkonzerten treten auf: Herbert Schuch, Grigory Sokolov, Pierre-Laurent Aimard gemeinsam mit Tamara Stefanovich, Maurizio Pollini, Arcadi Volodos, Mitsuko Uchida und Yo-Yo Ma. Letzte Sonaten benennt András Schiff seinen Zyklus, in dem er an drei Abenden die jeweils drittletzten, vorletzten und letzten Klaviersonaten von Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert interpretiert. In den Kammerkonzerten sind zu hören: Tetzlaff / Tetzlaff / Vogt Trio, Cuarteto Casals, Vilde Frang & Friends, Mitglieder des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim, Trio Zimmermann, JACK Quartet, Jean-Guihen Queyras & Friends und das Belcea Quartet mit Valentin Erben. Das Award Concert Weekend wird am 8., 9. und 10. August 2015, erstmals während der Salzburger Festspiele, stattfinden. Im Anschluss an das dritte Konzert wird der Preisträger des Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award nach der Beratung der international besetzten Jury dem Publikum bekannt gegeben. Der Preisträger dirigiert das ORF Radio-Symphonieorchester Wien im August 2016 in der Felsenreitschule. Der mit € 15.000,- dotierte Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award wird 2015 zum sechsten Mal vergeben. Das Young Singers Project fördert seit 2008 den sängerischen Nachwuchs: Die Mitglieder des YSP gestalten die Neuinszenierung der Kinderfassung von Rossinis Der Barbier von Sevilla in der Regie von Elena Tzavara. Dirigent ist Duncan Ward. Die jungen Sänger wirken in weiteren Festspielproduktionen mit und präsentieren sich in vier öffentlichen Meisterklassen und einem großen Abschlusskonzert.

www.salzburgerfestspiele.at

Wien, 7. 11. 2014